Vorgeschichte

Der Zerfall des neolithischen Bündels

Von Ulf von Rauchhaupt
30.09.2014
, 14:47
In Hermann Parzingers Universalgeschichte der schriftlosen Menschheit beibt von den Schulweisheiten der Prähistorie nicht mehr viel übrig.

Wikipedia will es einmal nachgezählt haben: Gut ein Drittel der mit der Erforschung vorschriftlicher Kulturen befassten Einrichtungen bezeichnet sich hierzulande noch heute als für „Vorgeschichte“ zuständig. Dabei sind die Zeiten, da Geschichte mit dem begann, was bei Herodot und Thukydides verhandelt wird, schon länger vorbei. Die Funde und Befunde der Archäologie sind heute genauso als historische Quellen anerkannt wie Chroniken und Akten. Und der Einzug naturwissenschaftlicher Methoden, von radiometrischer Datierung über die Archäobotanik bis zur Paläogenetik, hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in einem Ausmaß neue Erkenntnisquellen erschlossen, wie es sich ein Althistoriker des 19. Jahrhunderts nur von der Entdeckung verschollener Archive hätte erhoffen können.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand es wagen würde, das bislang versammelte Wissen über die Menschheit vor Erfindung der Schrift auf globaler Skala auszubreiten. Und es gibt nur wenige, die dafür bessere Voraussetzungen mitbringen als Hermann Parzinger. Der Öffentlichkeit wurde er vor allem durch die Entdeckung eines mit Gold ausgestatteten skythischen Fürstengrabes in Sibirien bekannt. Doch war er auch anderswo in Mittelasien, in Spanien, Kleinasien und in Iran an Ausgrabungen von Hinterlassenschaften verschiedenster vorschriftlicher Kulturen beteiligt. Dem früheren Chef des Deutschen Archäologischen Institutes und seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist der Blick aufs große Ganze zuzutrauen.

Daten statt Ideologie

Doch Parzinger ist kein Archäologietheoretiker. Mit „Die Kinder des Prometheus“ legt er keine große Synthese vor, keinen Entwurf eines historiographischen Weltgemäldes, wie es einst V. Gordon Childe (1892 bis 1957) angestrebt haben mag, der mit Begriffen wie „Neolithische Revolution“ bis heute das Denken auch vieler Gelehrter prägt. Damals gab es noch viel Theorievertrauen - Childe selbst war Marxist - und wenig Daten, heute ist es genau umgekehrt. Parzinger nun fehlt die Ideologie, aber er hat die Daten. So ist sein Buch nicht nur aktuell, sondern auch wunderbar zeitgemäß.

Dabei ist die Aufmachung gediegen und in ihrer sparsamen - was das Kartenmaterial angeht, vielleicht zu sparsamen - Bebilderung nur bedingt die eines Nachschlagewerkes. Zwar ist eine selektive Erkundung durchaus möglich, wenn man sich für die Frühgeschichte einer bestimmten Weltgegend gerade besonders oder für eine andere besonders wenig interessiert. Wer allerdings an dem Überblick, den Parzinger bietet, wirklich teilhaben will, der sollte nicht allzu viele Abkürzungen nehmen auf der langen Reise durch mehr als dreihundert archäologische Kulturen in dreizehn Weltgegenden.

Adam war ein Australopithecus

Das erfordert dann zuweilen Geduld. Doch der Mangel an sprachlicher Abwechslung, die man hier und dort beklagen mag, erklärt sich auch damit, dass hier nicht die prähistorische Welt beschrieben ist, sondern unser Wissen über sie. Darin aber klaffen vielerorts noch so breite Lücken, dass sie sich nicht in gefälliger Narration zukleistern lassen.

Nur in zwei Punkten hat Parzinger die Theorieverweigerung vielleicht etwas zu weit getrieben. So wird zum einen die Grenze zur Schriftlichkeit nicht wirklich reflektiert, mit dem Ergebnis einer gewissen Willkür. Warum etwa endet Parzinger im alten Peru ausgerechnet mit der Nasca-Kultur, wo doch auch die Moche, die Huari und noch die Inka keine Schrift benutzten? Noch problematischer aber ist der Anfang. Parzinger beginnt nicht etwa mit dem Homo sapiens oder zumindest den Schöpfern der ersten Faustkeile, der frühesten nachweisbaren Artefakte, die eine Formidee verwirklichten. Stattdessen stellt er ohne Debatte den Australopithecus an den Anfang, da dieser Vormenschenart die frühesten Steinwerkzeuge zugeschrieben werden. Doch die wenigsten Paläoanthropologen dürften damit einverstanden sein, wie er Australopithecus direkt aus dem umstrittenen Sahelanthropus hervorgehen lässt und dabei Ardipithecus übergeht, der seit der Veröffentlichung eines bedeutenden Skelettfundes im Jahr 2009 viel besser dokumentiert ist.

Von wegen Matriarchat

Das aber schmälert nicht den Wert eines Werkes, dessen eigentliches Thema die jungpaläolithischen und vor allem die nacheiszeitlichen Entwicklungen sind: wo und wann und unter welchen Bedingungen aus Wildbeutern sesshafte, ackerbauende, viehzüchtende, töpfernde Jungsteinzeitler wurden - und wo das nicht geschah. Dabei wird keine bedeutende archäologische Kultur ausgelassen. Neueste Forschungen, etwa zu dem frühen Ritualzentrum Göbekli Tepe in Südostanatolien, werden berücksichtigt und populäre Mythen korrigiert: Nein, Jericho ist nicht die älteste Stadt. Und nein, auch in Çatal Höyük gab es kein Matriarchat.

Nur aus dieser globalen Perspektive wird sichtbar, was im Lichte moderner Forschung vom Konzept der „Neolithischen Revolution“ übrig bleibt. Nämlich so gut wie gar nichts. Nicht nur, dass der Übergang zu Sesshaftigkeit und bäuerlicher Lebensweise selten plötzlich vonstattenging. Auch die Vorstellung eines „neolithischen Bündels“ einander regelhaft bedingender revolutionärer Errungenschaften zerfällt, je mehr man sich umsieht.

Es gab nichts, was es nicht gab

Denn es gab so gut wie nichts, was es nicht gab: Viehzucht ohne Ackerbau in Nordafrika, Ackerbau ohne Viehzucht in Mittelasien, Keramik ohne Ackerbau in Japan, Ackerbau ohne Keramik in Peru, Siedlungen ohne Ackerbau in Ecuador, Ackerbau ohne echte Siedlungen in Mexiko. Auch die Vorstellung, bestimmte Entwicklungen müssten stets aufeinander aufbauen, löst sich in globaler Perspektive auf. So folgte in Westafrika auf die neolithische Kintampo-Kultur direkt die Eisenzeit. In Göbekli Tepe und im peruanischen Caral errichteten Leute monumentale Anlagen, die keine Keramik kannten. Die japanische Jomon-Kultur, deren Angehörige nie Felder bestellten oder Tiere züchteten, war gesellschaftlich so differenziert, dass sich Hinweise auf Erblichkeit sozialer Stellungen finden - etwas, das sich in den Anden noch Jahrtausende nach dem Aufkommen der ersten Kulturpflanzen nicht nachweisen lässt.

Auch kam das Neolithikum keineswegs immer umso später, je weiter eine Region von den allerersten bäuerlichen Regungen im Nahen Osten entfernt liegt. Einer der Orte, in denen Ackerbau am frühesten einsetzte, liegt in Papua-Neuguinea. Bereits um 8000 v. Chr. haben Menschen dort großflächig Regenwald abgeholzt. Und dass Fortschritt stets das Leben verbessert, war auch in prähistorischer Zeit nicht immer der Fall. Die Angehörigen der agrarischen und keramischen Valdivia-Kultur in Ecuador etwa hatten infolge einseitigerer Ernährung mit Agrarprodukten einen schlechteren Gesundheitszustand und eine geringere Lebenserwartung als ihre präkeramischen Vorgänger.

Ein paar Regelmäßigkeiten jedoch lässt auch Parzingers Blick auf die Urgeschichte übrig. So änderten technische Innovationen die Bedingungen für weitere Entwicklungen irreversibel. Das war beim Feuer so, von dessen besonderer Bedeutung schon der Mythos von Prometheus zeugt, aber auch bei der Nähnadel und nicht zuletzt bei der Domestikation des Pferdes, die Parzinger als wichtiger heraushebt als die Erfindung des Rads. Ansonsten sucht man zwingend deterministische Prozesse vergebens, dialektische erst recht. Wenn allerdings bestimmte Entwicklungen irgendwo ausblieben, lassen sich dafür oft Gründe angeben. So entwickelten die Ureinwohner Australiens offenbar deswegen keinen Ackerbau, weil es dort an Wildformen potentieller Kulturpflanzen fehlte. Aber auch besonders üppige natürliche Bedingungen haben als „ökologische Bremse“ mehr als einmal den Übergang zu bäuerlicher Lebensweise verhindert oder verzögert.

Derartige Faktoren - auch das zeigt die globale Perspektive - hatten in aller Regel mit naturräumlichen Gegebenheiten zu tun, vor allem mit dem Klima. Auch wenn Parzinger Wert auf die Feststellung legt, unsere Vorfahren seien „keineswegs nur klimadeterminiert oder von äußeren Zwängen fremdbestimmt“ gewesen, so kommt er an der besonderen Macht des Klimas über die Geschichte doch nicht vorbei. So schreibt er etwa über die Kälteperiode der jüngere Dryas: „Höchstwahrscheinlich waren auch der abschließende Schritt zum gezielten Anbau von Wildpflanzen und deren finale Domestikation eine Folge dieses letzten Kälteeinbruchs.“ Und wie oft danach noch war das Klima das Schicksal des Menschen.

Hermann Parzinger: "Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“ Verlag C.H. Beck, München 2014. 848 S., Abb., geb., 39,95 Euro

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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