Buch über vergessenes Handwerk

Brennende Herzen aus Wachs

Von Hannes Hintermeier
Aktualisiert am 29.11.2020
 - 21:59
Ein Augenvotiv auf einer Modelhälfte der Lebzelterei Mayer in Altötting.zur Bildergalerie
Hans Hipp führt in die beinahe schon versunkene Welt der Wachszieherei. Die Votivgaben als Ausdruck gelebter Volksfrömmigkeit sind eine Augenweide.

Das Haus am Hauptplatz in Pfaffenhofen an der Ilm wurde erstmals urkundlich 1610 erwähnt. Seit 1897 ist es in vierter Generation in Besitz der Familie Hipp, ihres Zeichens Wachszieher und Lebzelter. Eine Handwerkskunst, die ihren Zenit lange überschritten hat. Deshalb hat sich Hans Hipp, Seniorchef der Lebzelterei und Wachszieherei gleichen Namens, daran gemacht, das reiche kulturhistorische Erbe seiner Familie – es dürfte in diesem Ausmaß einmalig in Deutschland sein – zu bewahren. Ein privates Museum existiert schon länger, kleine Schriften auch, aber nun hat Hipp als Summe seiner Forschungen einen Prachtband kompiliert, der mehr ist als eine Zeitreise.

Die Wachszieherei ist eine zerbrechliche Kunst, und sie ist endlich – Votivgaben wurden einfach wieder eingeschmolzen und zu neuen Produkten verarbeitet. Nachhaltiger geht es kaum. Vom Barock bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein war sie sehr lebendig, heute ist sie kaum noch gefragt. Um so begrüßenswerter, dass nebenher die Geschichte der Zunft sorgfältig dokumentiert wird, wenn schon die Zeitgenossen keinen rechten Begriff mehr davon haben, was die Vorfahren antrieb, um mit Wachsmodeln den Beistand der Gottesmutter und der Heiligen zu erflehen. Dass der Duden „Devotion“ heute an erster Stelle mit Unterwürfigkeit übersetzt, verkennt, dass frühere Jahrhunderte zunächst an Demut und Ergebenheit dachten.

Zum Ausdruck brachte man den Volksglauben, der zum Verdruss der Kirche umstandslos viele Elemente reinen Aberglaubens integrierte, im Alltag und zu besonderen Anlässen bei Fahrten zu den berühmten Wallfahrtskirchen, in Bayern zuvorderst Altötting, Andechs und Tuntenhausen. Der Kirche blieb der Schachzug, jeden potentiellen Heilungserfolg dem göttlichen Beistand zuzuschreiben. Dokumentiert ist dies in einzigartiger Weise in sogenannten Mirakelbüchern: Das Pfaffenhofen benachbarte Kloster Niederscheyern sammelte darin beinahe hundertsiebzig Jahre lang Abertausende „Votivgeschehnisse“. Hipp beklagt, die Volkskunde habe diese Dokumente bislang nicht ausreichend erforscht.

Der Bauernstand hatte Beistand bitter nötig. Brand, Blitzschlag, Hagel und Seuchen drohten jederzeit. Das Gesundheitssystem war in einem Zustand, den man sich aus heutiger Sicht schwer klarmachen kann. Hans Hipp hilft seinen Lesern auf die Sprünge, indem er sie mit den Badern bekannt macht. Das waren keine universitär ausgebildeten Ärzte (die gab es auch, aber nicht in nennenswerter Zahl), sondern Praktiker, die für Aderlass, Schröpfen, Klistiere, Zähneziehen, Starbehandlung und Blutegel zuständig waren. Sie engagierten Trommler, Pfeifer und Schreier, die möglichst viel Lärm erzeugen sollten, um die Schmerzensschreie der Kundschaft zu übertönen.

Anlass für den „Votanten“, Wachsopfer zu kaufen – in Form von Menschen, Häusern, Tieren, Körperteilen, Organen –, war die Sorge um Familie, Hof und Vieh. Mit diesen Altargaben bat man um Heilung und bedankte sich für Genesung. Die Wachszieher und Lebzelter lieferten Kerzen, Wachsstöcke, Votivgaben, Honig und Met; mithin barg der Beruf eine Art Monopol in Bezug auf Alkohol, Licht und Süßigkeiten. Wachszieher heißt der Beruf, weil ein Docht mittels zweier Schwungräder durch ein Wachsbad gezogen wird, bei manchen Kerzen zwei Dutzend Mal und mehr. Durchtrennt man eine solche handgemachte Kerze mit einem Messer, offenbart sie ihre Entstehungsschichten wie ein Baum seine Jahresringe.

Die Technik ist simpel. Zwischen zwei zusammengepresste Holzstücke, in die je eine Hohlform gestochen wurde, füllt man in mehreren Arbeitsgängen flüssiges Wachs. Nach dem Aushärten wird überständiges Material entfernt, dann werden die Figuren bemalt. Die Familie Hipp besitzt siebzig solcher Model, das älteste, ein Pferd, stammt aus dem Jahr 1684. Die gut hundert Jahre zuvor erlassene Zunftordnung übertrug allein Wachsziehern und Lebzeltern den Umgang mit Bienenwachs und Honig.

Die Wachsopfer zeigten menschliche und tierische Formen. Je nach Leiden wurden Herzen, Lungen, Zähne, Brüste, Hoden, Ohren und Augen gespendet. Lebensechte Wachsfiguren gab es auch, Wohlhabende leisteten sich Jesusknaben und Madonnen, die unter Glasstürzen präsentiert wurden. Auf die Spitze trieb es der Kurfürst selbst: Maximilian I., der gegenreformatorische Wittelsbacher, ließ seine beiden Söhne in Lebensgröße „bossieren“, so der fachsprachliche Ausdruck, als Dank für späte Vaterschaft. Die knapp ein Meter großen Figuren der Prinzen stehen seit 1644 in der St.Benno-Kapelle der Münchner Frauenkirche.

Beliebt waren die Model aber auch als Liebesgabe, die sich selbst erklärt. Einem Altbayern ist es unmöglich, den hochdeutschen Satz „Ich liebe Dich“ im Dialekt zu verbalisieren. Also schenkte man der Angebeteten ein Liebespaar mit brennendem Herzen in den Händen. Noch heute tauchen in Nachlässen solche Wachsmodel auf. Sie zeigen, wie sich die Verstorbene damit an ihre Verehrer respektive Liebschaften schicklich zu erinnern verstand.

Hans Hipp dokumentiert ein reiches Erbe ohne Nostalgieausbrüche. Er führt in eine abgesunkene Welt, deren Restbestände noch sichtbar sind, wenn man sie denn sehen will. Dass es sich lohnt, hat er bewiesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
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