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Warum wir das Klima erst jetzt entdecken

 - 12:00

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Die Klimadebatte hat einen Berg von Zahlen, Messwerten und Tabellen aufgeschüttet. Was bedeuten sie aber für uns? Wie werden wir leben? Was essen? Wie wohnen? Die Antwort darauf, was die Zukunft bringt, kann die Geschichte geben. Zu häufig wiederholte Warnungen haben Leichtsinn zur Folge. Zu häufige Erklärungen auch. Die Mahnung, die in den letzten Wochen regelmäßig, wenn es um die Erderwärmung ging, von Klimaforschern formuliert wurde, hieß: Aus einem Schnappschuss lasse sich kein Spielfilm machen. Will heißen: Aus dem täglichen Wetterbericht kann noch keiner auf die Zukunft schließen. Und der Effekt, der sich einstellte, war genau umgekehrt. Geradezu zwanghaft meldet sich seitdem, wann immer Wetterkarten im Fernsehen oder Internet auftauchen, die Frage, ob sie nicht doch ein Guckloch in das Großgeschehen bohren, ob Winter ohne Schnee oder draußen Frühstücken im Februar die Zukunft sein werden. Könnte Kiel dann das neue Neapel sein? Und eines Tages das Krokodil aus dem Frankfurter Zoo im Main brüten?

Die Experten sind sich einig: Die Erde erwärmt sich. Es wird Dürre und Hochwasser geben, Wirbelstürme, abschmelzende Gletscher und Schneekatastrophen. Im Moment rollen aus der Zukunft allerdings vor allem abstrakte Daten an, die einen täglich wachsenden Zahlenberg aufschütten: Zwischen 2 und 4,5 Grad Celsius sollen die Temperaturen steigen, um dreißig Prozent will die Europäische Union bis 2020 den CO2-Ausstoß senken, und allein in Deutschland könnten Dürren, Überschwemmungen und Stürme Tourismus und Landwirtschaft sowie die Versicherungswirtschaft 330 Milliarden Euro kosten. Das klingt nach Endzeit oder zumindest Zeitenwende. Kommen wir Menschen gerade dort an, wo am Ende der Kreidezeit die Dinosaurier standen?

Klimavergessenheit wird man diese Vorstellung nennen müssen. Denn ein Schnappschuss mag keinen Spielfilm machen - viele, sehr viele Schnappschüsse jedoch schon. Es ist dieser Spielfilm, der nun als das aufregendste Buch des Frühjahrs vorliegt: "Die kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends" von Josef H. Reichholf. Schnipsel für Schnipsel hat der Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe, der als Präsidiumsmitglied des deutschen WWF auch für den Naturschutz tätig ist, zu einer Großansicht zusammengefügt, Chroniken ausgewertet, alte Tier- und Pflanzenbücher oder aus Eisbohrkernen gewonnene Messdaten. Zehn Jahrhunderte auf 336 Seiten. Erzählt wird in dieser den Zeitraum von 1000 nach Christus bis zur Gegenwart umfassenden Naturgeschichte die Vorgeschichte des derzeitigen Wandels, die Klammer bilden dabei die beiden Klimaumschwünge der letzten tausend Jahre: das Wärmeoptimum im Mittelalter und der Beginn einer neuen Warmzeit um 1800 - dazwischen: Mitteleuropas vergessene Kleine Eiszeit.

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Die reinen Eckdaten sind für die Klimaforschung nicht neu; wann sich die Erde erwärmte, in welchen Jahren strenge Winter herrschten, dazu gibt es Tabellen und Übersichtstafeln, die auch Reichholf in seinem Buch abbildet - sie sind aber nur der Anfang, ein Grundriss. Denn was dem Buch seine Spannung und Aktualität verleiht, ist, wie dieses Koordinatensystem von Celsiuswerten mit Leben gefüllt wird: mit Drosseln, Flusskrebsen, Wölfen, Bären, Ratten, Mäusen, Pferden, Nerzen oder Kängurus - und uns: den Menschen. Es reichen tausend Jahre, um ein Auf- und Abwogen von Tieren und Pflanzen vor sich zu sehen, von schrumpfenden und wachsenden Wäldern, steigenden und versiegenden Flüssen, Änderungen, die in ihrem Schlepptau Kriege, Techniken und Erfindungen nach sich ziehen, auch Lebens- oder Kunststile - Biertrinken zum Beispiel oder die Romantik.

Damit kein Missverständnis entsteht: Reichholf geht es nicht darum, der alten Theorie neues Leben einzuhauchen, mit der vor allem von 1800 an versucht wurde, Menschen oder Nationen nach klimatischen Zonen zu klassifizieren und ihre äußere Erscheinung, Kultur und Geschichte zum Sachzwang der Umweltbedingungen zu erklären. Genauso fern liegt seinem Buch die fatale Lebensraum-Theorie, die einst zur Rechtfertigung von deutschem Expansionsstreben und Kriegstreiben diente. "Die Bedingungen stellt die Natur", schreibt Reichholf. Die Reaktionen auf diese Bedingungen sind allerdings offen. Natur ist kein Korsett, kein starres System, das Werte oder Verhaltensweisen festlegt. "Der Richter", heißt es weiter, "war (und bleibt) die Umwelt, und diese hat kein Ziel, sondern Zustände, die sich verändern."

Die Vorstellung, es gebe stabile Gefüge in der Natur, stellt Reichholfs Buch damit auf den Kopf. Was seine Naturgeschichte kennzeichnet ist der Wandel. Von "Übergangswelten" spricht er an einer Stelle und bringt den Umweltbegriff auf den Punkt: Naturgeschichte ist eine Abfolge von veränderten Umweltbedingungen, die dauernd neue Herausforderungen an die Fähigkeit stellen, sich anzupassen, gefolgt von Reaktionen und deren Kettenreaktionen. Über eines aber können alle Anoraks, Kühlschränke, Häuser, Heizungen, Mikrowellen, Tiefkühlpizzen, Stauseen, Deiche, Zuchttierfarmen und andere Versuche, der Natur den Rücken zu kehren, nicht wegtäuschen: Die Umwelt hat kein draußen - für Menschen so wenig wie für Flusskrebse oder Eichen.

Dem Leser bieten Reichholfs Analysen oft Wiedererkennungseffekte. Im Unterschied etwa zu Jared Diamonds Buch "Kollaps" von 2005, in dem der amerikanische Evolutionsbiologe untergegangene Hochkulturen untersuchte, liegt der Schwerpunkt auf Mitteleuropa, also unseren Breitengraden; auch abweichend von Diamond veranschlagt Reichholf die Bedeutung des Klimas für die Geschichte menschlicher Gesellschaften weitaus höher und zieht damit der derzeitig geführten Debatte den historisch-lebensweltlichen Boden ein: Es geht um Köln oder Bayern und darum, was passierte, als sich dort die Temperaturen änderten.

Von hinten aufgerollt, beginnt unsere Klimageschichte mit einer Hochstimmung, dem maßvollen Steigen der Temperaturen vor zweihundert Jahren, das Visionäre auf die Sache mit den Kängurus im Rheinland brachte, das Emblem einer sich sprichwörtlich aufheizenden Alles-ist-möglich-Atmosphäre.

Es waren zuerst die sehr kalten Winter, die von 1800 an, als sich die Erde wieder langsam erwärmte, seltener wurden. Die Wolfsrudel, die der Hunger zuvor bis dicht an menschliche Siedlungen getrieben hatte, zogen sich zurück; ausgerottet wurden bis weit in den Osten hinein die Luchse und Bären. Der bereits im sechzehnten Jahrhundert mit den Kolonien betriebene Handel verfielfachte sich auf immer schnelleren Verkehrswegen, zuerst mit Schiffen, später auch mit der Eisenbahn. Die Akklimatisierung von exotischen Pflanzen aus den Kolonien, auf deren Kosten Europa in großem Umfang lebte, gelang dank der verbesserten klimatischen Bedingungen immer öfter. Die Kartoffel wird zum wichtigen Grundnahrungsmittel.

Gleichzeitig erreicht die Artenvielfalt in Mitteleuropa ihren Höhepunkt. Die Natur scheint das Bedrohliche einzubüßen. "Die Heiterkeit der Romantik beginnt sich in West- und Mitteleuropa breitzumachen", schreibt Reichholf, und dass sich in dieser Zeit das Ideal der "geschützten Wildnis" duchgesetzt habe. "Alte, knorrige Eiche in freiem Stand, ein Wasserfall oder die Szenerie eines markanten Berges, sturmgepeitschte Küste oder blütengesäumter Weg durch wogende Felder von goldenem Korn drücken die Stimmung aus, die in der Natur gesucht und empfunden wird." Die Hinwendung von Künstlern und Dichtern der Romantik zur Natur wäre demnach tatsächlich die Hinwendung der Natur an den Menschen gewesen. Die Natur kam auf Mitteleuropa zu - und es machte Kunst daraus. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts steigerte sich die durch das milder gewordene Klima geschaffene Vertrauensbeziehung ins Maßlose. Europa exportierte seine Land- und Forstwirtschaft in die ganze Welt: Teile Nord- und Südamerikas, der Süden Afrikas und Australien waren bereits durch und durch europäisiert - mit tödlichen Folgen für zahllose dort heimische Pflanzen, Tiere und Menschen. Im deutschen Rheinland sollten nun, um zusätzlich zu den noch seltenen Rehen ein bejagbares Wild zu haben, australische Kängurus angesiedelt werden. Das Projekt scheiterte, doch das Bild prägt sich ein. Fichtenwald, Sonne, eine Lichtung - und statt eines röhrenden Hirschs: springt da ein Känguru.

Für die Bundesregierung erstellte das Umweltbundesamt zusammen mit der Firma Climate & Environment Consulting Potsdam vor kurzem eine Studie, für die Forscher die möglichen Folgen des Klimawandels in Deutschland berechneten. Zum ersten Mal wurden hier Details regional aufgefächert: tropische Nächte im Breisgau, Regenfälle im Hunsrück, eine versiegende Elbe. Als Historiker hat Reichholf demgegenüber den Vorteil, bereits abgeschlossene Zeiträume zu überblicken und deshalb viel weiter gehen zu können: Auswirkungen von Klimaveränderungen findet er in allen gesellschaftlichen Bereichen, von Lebens- und Essgewohnheiten bis hin zu Kunst und Kultur.

Wie plausibel es ist, auch eine Epoche wie die Romantik vor diesem Hintergrund zu betrachten, macht der Kontrast deutlich - die Kleine Eiszeit. Wieder: Die Behauptung ist nicht, Romantik und Wetter stünden in einem notwendigen Kausalverhältnis. Die Romantik war keine zwingende Reaktion auf die Natur. Nur fünfzig Jahre zuvor wäre sie nicht einmal möglich gewesen. Es herrschten eisige Temperaturen und ständiger Mangel.

Laut Reichholf zog die Kleine Eiszeit, die nach Abklingen des mittelalterlichen Wärmeoptimums um 1500 mit einigen Schwankungen bis 1715 anhielt, zwei lebensweltliche Änderungen nach sich: Bier wurde zum Volksgetränk und Kleinvögel zum häufigsten Fleischgericht. Es war die Kälte, die zuerst den Weinanbau zurückdrängte und dann für das zuvor wegen seiner kurzen Lagerfähigkeit nur saisonal getrunkene Bier monatelang Eis zur Kühlung lieferte. Gleichzeitig rächten sich die Waldrodungen, die dem Großwild das Ende bereitet hatten und die Jagd auf Kleinvögel notwendig machten. Die Kunst des Vogelstellens entwickelte ein ausgefeiltes Fangmethodensystem, wodurch auch der Handel mit lebendigen Vögeln Aufschwung nahm. Ihre Spuren hinterließen die Vogelfänger in der Musik, in der Figur des Papageno in Mozarts Oper "Die Zauberflöte".

Romantik, Kängurus im Rheinland, Volksgetränk Bier: Klimaänderungen, das zeigt die Naturgeschichte des letzten Jahrtausends, sind ein Bestandteil unserer Geschichte, und sie sind nicht weniger einschneidende Ereignisse als etwa die Erfindung des Buchdrucks oder die Einführung der Dampfmaschine. Ob Wärme oder Kälte, immer folgte ein umfassender Gestaltwandel, der in fast alle Lebensbereiche eingriff. Selbst unsere bis vor kurzem währende Klimavergessenheit kann als ein Ausläufer des warmzeitlichen Hochgefühls gelten, das Vergessen in einer wohltemperierten Umwelt. Klimawandel - auch davon handelt das Buch - hatte in der Geschichte immer wieder schreckliche Folgen wie Kriege, Flüchtlingsströme und Epidemien. Aus den Fehlern zu lernen gehört zum Spektrum der Anpassungsfähigkeit des Menschen. Trotzdem: Nach der Lektüre wird man nicht umhinkönnen, neugierig zu sein. Neugierig auf das, was kommt.

Josef H. Reichholf: "Eine kurze Geschichte des letzten Jahrtausends". S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007. 336 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007, Nr. 68 / Seite L13
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