Emotionen und Gerechtigkeit

Der dunkle Grund des Rechts

Von Miloš Vec
01.02.2021
, 23:07
Sandra Schnädelbach analysiert Debatten um juristische Emotionalität im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Die Thesen sind empirisch schwer prüfbar, aber für jeden Juristen lesenswert.

„Allen Menschen sind die Gesetze ins Herz geschrieben.“ Der Satz aus dem Römerbrief (2,15) stellt eine bildhafte und anschauliche Verbindung zwischen Recht, Gerechtigkeit und Emotionalität her. Das Spannungsverhältnis zwischen diesen Elementen ahnen jedoch sowohl juristische Laien als auch Rechtsexperten. Noch jede Epoche hat darüber gestritten, wie Recht und Gefühl zusammengehen sollen. Die fabelhafte Studie der Historikerin Sandra Schnädelbach analysiert einschlägige Diskussionen in den fünf Jahrzehnten zwischen Deutschem Kaiserreich und Weimarer Republik und fördert mit reichem Material glänzende Beobachtungen zutage.

Obwohl Diskussionen um Gerechtigkeit und Emotionalität viel älter sind, tritt erst um 1800 das zusammengesetzte Hauptwort „Rechtsgefühl“ erstmalig auf. Wenige Jahre später verfasst Heinrich von Kleist seine Novelle, in der die titelgebende Figur Michael Kohlhaas seinem „Rechtgefühl“ (!) folgend ins Unrecht kippt. Neue Nahrung erfahren die Diskussionen um das Rechtsgefühl durch die sogenannte Historische Schule, die den Ursprung des Rechts im „Volksgeist“ ausmacht. Der Jurist Georg Friedrich Puchta ist 1828 überzeugt von der emotional-moralischen Fundierung des Rechts und behauptete in historischer Perspektive: „Ursprünglich ist das Recht ein mehr oder weniger dunkles Gefühl.“

Schnädelbach setzt wenige Jahrzehnte später an und ist sich der gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gewandelten Rahmenbedingungen des Diskurses über das Rechtsgefühl bewusst: Recht will eine Wissenschaft sein, aber die bewunderten Leitdisziplinen kommen nun aus den Naturwissenschaften. Das Recht soll in Kodifikationen exakt und vollständig niedergeschrieben sein, und zugleich soll es höheren Gerechtigkeitsanforderungen entsprechen. Die Richter sollen sich ihres an Universitäten geschulten Verstandes bedienen, aber keine Justizautomaten sein. Nimmt man noch die außerrechtlichen Bruchlinien zwischen Kaiserreich und dem Ende der Weimarer Republik hinzu, ahnt man, wie komplex das Bild wird.

Empirisch schwer prüfbar

Man muss Schnädelbach vermutlich Glauben schenken, wenn sie behauptet, dass der Diskurs über Gefühle unter den Juristen in diesen Jahrzehnten Hochkonjunktur besaß, auch wenn solche vergleichenden Aussagen empirisch schwer nachprüfbar sind. Noch genauer und vergleichend zu untersuchen wäre auch ihre pauschalierende Annahme einer juristischen Rationalität in „westlichen Rechtskulturen“, die in der Rechtspraxis keine Emotionen erlaube. Legen nicht die Juristenporträts etwa von Honoré Daumier, die zwischen Realismus und Karikatur oszillieren, auch für das neunzehnte Jahrhundert anderes nahe?

Schnädelbachs zeitlicher Ausgangspunkt ist die Tübinger Rektoratsrede des Philosophen und Theologen Gustav Rümelin, der sich 1871 mit dem Rechtsgefühl befasst. Er wird einer der wenigen Nichtjuristen bleiben, die noch Anschluss in juristischen Diskussionen finden. Denn parallel dazu vollzieht sich innerhalb der Rechtswissenschaft eine Säkularisierung und Enttheologisierung. Offene Rekurse auf (christliches) Naturrecht werden seltener. Ein Kuriosum ist es, dass ausgerechnet Gustav Rümelins Sohn Max 1925 erneut und wieder in Tübingen über das Rechtsgefühl räsoniert – und zwar als Jurist.

Schnädelbach führt zunächst umsichtig in die theoretischen Debatten des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts ein. Sie sind geprägt vom Aufstieg und der praktischen Relevanz der Naturwissenschaften und vor allem der Psychologie. Mancher der Juristen, insbesondere Rudolf von Jhering, vollziehen sogar innerhalb ihres eigenen Werks eine Wende hin zu Biologie und Empirie. Rechtspraktische Fragen verbinden sich hier mit rechtsphilosophischen Überlegungen. Das Recht wird aus religiösen und metaphysischen Begründungszusammenhängen herausgelöst, die noch eine Generation zuvor dominant waren. Jhering behauptet 1877: „Nicht das Rechtsgefühl hat das Recht erzeugt, sondern das Recht das Rechtsgefühl.“

Wunsch nach Theoriebildung und Abstraktion

Solch hehre Sätze spiegeln den Wunsch nach Theoriebildung und Abstraktion wider. Zugleich lassen sie eminente praktische Fragen offen, die die damaligen praktischen Juristen ebenso umtrieben, wie sie auch noch Richterinnen und Richter, Anwältinnen und Anwälte des 21. Jahrhunderts beschäftigen: Welchen Stellenwert dürfen und sollen Emotionen im Alltagsgeschäft haben? Welche Rolle spielt das Rechtsgefühl bei rechtlichen Laien und welche bei professionellen Rechtsanwendern? Interessanterweise fördert Schnädelbach einen großen Schatz an theoretischer Anleitungsliteratur wie auch praktischen Konflikten zutage, die diese Themen seinerzeit verhandelten.

Umstritten waren nicht nur die allgemeinen Richterleitbilder, sondern speziell das Verhältnis zur aufstrebenden Profession der Advokaten. Besonders hier ging es auch um soziale Hierarchien. Die Anwälte nahmen es keineswegs hin, in einem Ton abgekanzelt zu werden, den „junge Unteroffiziere ... gegenüber ihren Untergebenen“ pflegen, und manche sahen darin Anlass zu Beschwerden wegen richterlicher Befangenheit. Umgekehrt gab es ehrengerichtliche Verfahren gegen Anwälte wegen Verstößen gegen die „Berufsehre“, und wieder ging es dabei um die angemessene Zügelung der Affekte.

Erst recht wurde das Verhältnis der Juristen zur Emotionalität auf die Probe gestellt, als die demokratisch-republikanische Presse Weimars bis dahin geltende Grenzen der Berichterstattung überschritt. Beim seinerzeit berühmtesten Gerichtsberichterstatter „Sling“ (Paul Schlesinger) finden sich haufenweise Richterporträts, und immer spielt deren Emotionsmanagement eine prominente Rolle.

Rechtsgefühl nur im Plural

Ihre womöglich zurückhaltendste wie überzeugendste Analyse formuliert Schnädelbach dort, wo sie bei allem Scharfsinn und Fähigkeit zur Typisierung eingestehen muss, dass klassische Einteilungen bei diesen Debatten nicht weiterhelfen: Man bekommt den Streit über Recht und Emotion nicht mit den Gegensatzpaaren modern versus antimodern, positivistisch versus antipositivistisch, rational versus irrational in den Griff. Es ist komplizierter gewesen und auf keinen einfachen Nenner zu bringen: Rechtsgefühl, so die Autorin, gab es damals nur im Plural. Wie Schnädelbach ihre Fragen und Ergebnisse in ihrer Einleitung komprimiert, ist für jeden Juristen lesenswert, und erst recht für jede Juristin.

Denn einig waren sich die kleinen und großen Wortführer einzig und allein dort, wo es um die Geschlechterrollen ging: Natürlich war dies eine von Männern über männliche Professionsträger geführte Debatte. Frauen kamen gleichwohl vor, und es ist kurios, mit welchen paradoxen Argumenten ihnen emotionale Kompetenz auf diesem Feld abgesprochen wurde. Zwar seien sie durch ihre Erziehung zu stärkerer Affektkontrolle angeleitet, aber dennoch fehle ihnen die nötige Emotionsbeherrschung. Rechtssinn wird als männliche Tugend, Rechtsgefühl als spezifisch maskulines Gefühl propagiert. Den Frauen wurden Neigungen zur Heftigkeit und zur Rechthaberei vorgehalten. Den PowerSatz der Stunde feuert Otto von Gierke 1897 ab: „Sorgen wir vor allem, dass unsere Männer Männer bleiben!“

Viele der damaligen Konflikte sind bis heute aktuell geblieben, werden aber unter anderen Vorzeichen verhandelt: die Selbstbefragungen nach bewusster und unbewusster Parteilichkeit, nach Verschleierung von machtpolitischen Elementen hinter der Haltung von Neutralität, die Grenzziehungen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit und so fort. Die Fragen zu den unerkannten Gefahren und den ungenutzten Potentialen der Gefühle im Recht gelten weiter. Sie sind rechtswissenschaftlich umso aktueller, als die Einsicht in die rituellen, performativen und theatralen Elemente von Gerichtsverhandlungen relativ jung ist.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot