Wohin führt uns der perfekte Körper?

03.11.2008
, 12:00
Unter den Strategien der Selbstoptimierungen zwischen Gentechnologie und Hirnforschung ist die Schönheitschirurgie die unspektakulärste. Schönheit ist zu einem käuflichen Gut geworden. Längst hat der Markt auch den Körper affiziert. Die Haut ist zur Währung, der Körper zur Bioaktie mutiert. Das Äußere ...
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Unter den Strategien der Selbstoptimierungen zwischen Gentechnologie und Hirnforschung ist die Schönheitschirurgie die unspektakulärste. Schönheit ist zu einem käuflichen Gut geworden. Längst hat der Markt auch den Körper affiziert. Die Haut ist zur Währung, der Körper zur Bioaktie mutiert. Das Äußere eines Menschen muss nicht mehr hingenommen werden, man kann es zurichten, formen und manipulieren. Die Hemmschwelle des "Etwas-an sich-machen-lassens" ist in den letzten Jahren erkennbar gesunken. Woher rührt die hohe Akzeptanz, die die Schönheitschirurgie mittlerweile in der Gesellschaft besitzt?

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Das fragen sich die Autoren eines Sammelbands mit dem Titel "Schön normal". Nicht Ressentiment führt den Beiträgern die Feder, sondern der Wille zur nüchternen Analyse. Uninformierte Vorbehalte gegen Eingriffe werden explizit zurückgewiesen: Kein Mensch lässt einfach so an sich herumschneiden, weil er denkt, dass nach der Nasenoperation sich das lang ersehnte Lebensglück einstellt. Jeder ist sich bewusst, dass Schönheitsideale von der Werbung diktiert werden, um diverse Produkte zu verkaufen. Und dennoch können sich viele vorstellen, "etwas machen zu lassen", und immer mehr Menschen tun es auch.

"Woher kommen unsere Vorstellungen vom Selbst? Wie kommen wir zu bestimmten Wünschen, Hoffnungen und Phantasien in Bezug auf unseren Körper? Woher stammen Urteile wie klein, groß, dick, dunkel, schwabbelig, gesund, fit, weiblich usw.?" So fragt die Herausgeberin des Bandes, Paula-Irene Villa, im Vorwort. Eine neue Qualität bekommen diese Fragen in unserer wirtschaftlich angespannten Zeit. Über ökonomische Denkfiguren wie Humankapital oder unternehmerisches Selbst gewinnt die Schönheitschirurgie eine biopolitische Dimension. Der Bürger wird über seinen Körper "von selbst" regierbar. Soziale Probleme erscheinen als Probleme der Körpergestaltung und werden mit dem Begriff der Selbstverantwortung kurzgeschlossen. Das spart Geld im öffentlichen Haushalt und macht Gesellschaft über das ästhetische Bewusstsein seiner Mitglieder regulierbar.

"Im Innern eines soziotechnischen Regimes des Body-Managements übernehmen souveräne Subjekte eine solche selbstregulative Kompetenz, auch schönheitschirurgischer Art. Indem sie sich als vitale, beziehungs- und arbeitsfähige Subjekte herstellen, entfalten sie ultimativ auch gesellschaftsregulative Wirkung." Das erklärt Sabine Maasen in ihrem Aufsatz über "Schönheitschirurgie als Biopolitik". Ähnlich verhalte es sich mit dem cognitive enhancement, vulgo Gehirndoping. Auch hier werde die Erwartung geschürt, mit psychoaktiven Substanzen soziale Probleme aus dem Feld räumen zu können. Und plötzlich rücken Foucaultsche Visionen in empirische Reichweite.

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Letzteres unterstreicht Barbara Meili unter dem Titel "Experten der Grenzziehung - Eine empirische Annäherung an Legitimationsstrategien von Schönheitschirurgen zwischen Medizin und Lifestyle". Tatsächlich nämlich ist der Patient zum Konsument geworden, und die Ärzte stehen vor der gesundheitspolitisch heiklen Aufgabe, ihre Arbeit entsprechend neu zu formulieren. Doch nicht nur im Vokabular vom "mündigen Patienten", sondern auch der "verantwortlichen Elternschaft" tritt Biopolitik auf den Plan. "Zwischen Hormonen, Mönchspfefferkraut und Lunayoga" analysiert Charlotte Ullrich "Somatische Selbsttechniken in der Kinderwunschbehandlung" und zeigt unter anderem, welche Eigendynamik die pränatale Beratung gewinnt. Unter den Stichworten Wahlfreiheit und Selbstbestimmung baut sich nicht selten ein erheblicher Druck auf die Ratsuchenden auf. Der Grat "zwischen Selbstermächtigung und Selbstunterwerfung" ist jedenfalls schmal, wie Paula-Irene Villa in ihren "Thesen zur Körperarbeit in der Gegenwart" feststellt. Abgeschlossen wird der Band mit einer Untersuchung von Kathy Davis zum "Unbehagen an Michael Jacksons Nase" und mit dem Ausblick von Kathryn Pauly Morgan auf "Fett-Hass, Schlankheitsoperationen und biomedikalisierte Schönheitsideale in Amerika".

Was hat es zu bedeuten, dass Schönheit durch den Fortschritt der medizinischen Möglichkeiten im Prinzip für alle käuflich ist? Die ungleiche Verteilung dessen, was als attraktiv empfunden wird, scheint aufgehoben. Tatsächlich ist es natürlich nur ein frommes Wunschdenken, plastische Chirurgie könne jedermann zugänglich sein. Hier entscheidet nicht die technologische Möglichkeit, sondern die Zahlungsfähigkeit. Die Mehrheit kann sich eben keine Schönheitsoperation leisten. Das wird dann zum gesellschaftlichen Problem, zu einer Frage von Privilegierung und Diskriminierung, wenn sich die Vorstellungen von Normalität so weit verschieben, dass Abweichungen von den jeweils aktuellen Schönheitsidealen pathologisiert werden. Körperliche Mängel oder das, was dafür gehalten wird - eine schiefe Nase, hängende Augenlider oder zu dicke Oberschenkel -, rücken einem dann als korrekturbedürftige Phänomene auf den Leib. Was in der Schönheitschirurgie für den Einzelnen gilt - "Keine Wirkung ohne Nebenwirkung" -, gilt analog im gesamtgesellschaftlichen Maßstab. Keiner der Autoren fordert deswegen zu einer Verbotspolitik auf. Aber alle sprechen von der Notwendigkeit, die sozialen Implikationen individueller Körpertechnologie in den Blick zu nehmen. In diesem Sinne bringt der Band Aufklärung, macht Zusamenhänge bewusst, die gemeinhin eher unterbelichtet sind.

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Die Fähigkeit, zu unterscheiden zwischen persönlichen Motiven und gesamtgesellschaftlichen Folgerungen, ist eine Stärke, die das ganze Buch durchzieht. Auch wenn einige der beschriebenen Szenarien noch Zukunftsmusik sind, ist die Entwicklung dennoch im Gange, ein Zurück zu einem "authentischen" Körperselbst - sollte es das jemals gegeben haben - ist ohnehin undenkbar. Wie ein Kommentar zum aktuellen Krisengeschehen lesen sich die diversen Abschnitte, die das Verhältnis von Körpertechnologien und politischen Praktiken berühren. Neben Sabine Maasen fragt auch Thomas Lemke: "Wie greifen liberale Regierungsformen auf Körpertechniken zurück, wie formen sie Interessen, Bedürfnisse und Präferenzstrukturen? Wie modellieren aktuelle Technologien Individuen als aktive und freie Bürger, als Mitglieder sich selbst managender Gemeinschaften und Organisationen, als autonom Handelnde, die in der Lage sind oder sein sollen, ihre Lebensrisiken vernünftig zu kalkulieren? Welches Verhältnis besteht zwischen der Konzeption eines selbstverantwortlichen und rationalen Subjekts und der Vorstellung von menschlichem Leben als Humankapital in neoliberalen Gesellschaftsentwürfen?" Hier wird ein Horizont gespannt, der die politische Brisanz von Schönheitschirurgie entfaltet.

Auf der pragmatischen Ebene ist die Verunsicherung groß: In welchem Maß kann Schönheit gekauft werden, um so den individuellen Marktwert zu erhöhen? Wo ist ein Handeln sinnvoll, was muss im individuellen Fall getan werden, wo sind die Risiken größer als der Nutzen? Es fällt auf, dass größere und vor allem sichtbare Eingriffe, wie Nasenoperationen, Lifting oder Wangenknochen herauspräparieren, im Allgemeinen abgelehnt werden. Beim Zähnerichten und Ohrenanlegen hört man indes kaum Stimmen, die sich dagegen aussprechen. Hier kann jeder mit Verständnis rechnen. Das Aufspritzen von Fältchen und Lippen löst gemischte Reaktion aus von "Ist ja lächerlich" bis "Würde ich auch gerne machen".

Wie sich die Medizin von der heilenden Behandlung zur kosmetischen Körperveränderung wandelt, kann man im Fall der Brustoperationen beobachten. Das Verkleinern, um Rückenschäden zu vermeiden, gilt als Therapie und ist insoweit allgemein akzeptiert. Das Vergrößern aus ästhetischen Gründen reizt zwar viele Frauen, trifft aber auf ebenso viel Unverständnis. Hier begegnet man dem Einwand, dass die Eingriffe ja nicht mehr rückgängig zu machen sind. Das fängt bei der Tätowierung an und hört bei der Sterilisation auf. Was in der einen Lebensphase wünschenswert erscheint, kann in der folgenden zur Katastrophe werden. Der Körper verändert sich. Wer sagt mir, dass ein mit Anfang zwanzig eingesetztes Brustimplantat sich nicht irgendwann einmal - wenn das Gewebe nicht mehr ganz so prall und straff ist - ganz unästhetisch unter der Haut abzeichnet?

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Es ist das Verdienst der Beiträge, skrupulös die verschiedenen Aspekte gegeneinander abzuwägen und nicht in Schwarzweißmalerei zu verfallen. Frauen, die sich einer Schönheitsoperation unterziehen, haben oft mehrere Jahre der Überlegungen und Auseinandersetzungen mit ihrem sozialen Umfeld hinter sich, bis sie sich dann schließlich trotz aller Widersprüche unters Messer legen, so der Tenor des Bandes. Wer denkt, dass die Entscheidung zur Manipulation des Körpers in jedem Fall eine Unterwerfung unter diktierte Schönheitsideale ist, unterschätzt die Komplexität des Phänomens. Oft geht es um das Gefühl eines fundamentalen Ungenügens, das den Körper als zu formendes Rohmaterial erlebt und den Menschen zu einer Baustelle macht.

GESINE HINDEMITH

"Schön normal". Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst. Herausgegeben von Paula-Irene Villa. transcript Verlag, Bielefeld 2008. 279 S., br., 28,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2008, Nr. 257 / Seite 37
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