Menschen und Schweine

Tierquälerei ist Teil des Geschäfts

Von Thomas Macho
23.06.2022
, 22:17
Sympathisch und sensibel, aber nicht mehr als Schlachtvieh: Ferkel im Stall
Ist denn wirklich der Hund unser bester Freund? Zwei Bücher erörtern das Verhältnis zwischen Schweinen und Menschen. Dabei zeigt sich, dass wir unsere Ernährung umstellen müssen, um aktuelle Krisen bewältigen zu können.
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Gegenwärtig wird im Wiener Akademietheater Elfriede Jelineks Theaterstück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ aufgeführt. In der Inszenierung von Frank Castorf betritt auch ein lebendes Schwein die Bühne; die Kritik zur Premiere in der Wiener Tageszeitung „Der Standard“ erschien im September 2021 unter dem Titel: „Die Liebe zum Schwein“; ein anderer Rezensent sprach vom „Schweinsgalopp in die Postmoderne“. Wenige Monate später, zum Jahresbeginn 2022, erregten Sensationsnachrichten von der ersten erfolgreichen Schweineherz-Transplantation in Baltimore die ganze Welt, auch wenn der Patient die Operation nur zwei Monate lang überlebte.

Nun hat Cem Özdemir ein Konzept für ein fünfstufiges staatliches Label zur Tierwohlkennzeichnung auf Lebensmitteln vorgestellt. Dem Bundeslandwirtschaftsminister zufolge soll die Verpflichtung zunächst für Schweinefleisch gelten. Die Botschaft ist eindeutig: Schweine sind „saugut“ und „ein wenig wie wir“. So lautet auch der Titel einer „Geschichte über das Schwein“ des norwegischen Historikers und Journalisten Kristoffer Hatteland Endresen.

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Zwischen Reportage und Erfahrungsbericht

Doch schon das erste Kapitel des Buchs tritt in Kontrast zur eminenten Sichtbarkeit der Schweine auf der Bühne oder im Operationssaal: Darin erzählt der Autor nämlich von seinen Schwierigkeiten, einen Schlachthof zu betreten. Endresen rekapituliert, wie viel Schweinefleisch in Norwegen verzehrt wird, ergänzt durch die Statistik für Deutschland, um dann zu fragen: „Wie kann eine Industrie diesen Ausmaßes, die auf lebendigen Tieren solcher Größe beruht, für uns völlig unsichtbar sein?“

Kristoffer Hatteland Endresen: „Saugut und ein wenig wie wir“. Eine Geschichte über das Schwein.
Kristoffer Hatteland Endresen: „Saugut und ein wenig wie wir“. Eine Geschichte über das Schwein. Bild: Westend Verlag

Er nimmt sich vor – unter Verweis auf John Bergers Essay „Why Look at Animals?“ –, erst den Schweinen in die Augen zu schauen, bevor er über sie zu schreiben beginnt. Die Erzählung entfaltet sich folgerichtig im Wechsel zwischen Reportage und Erfahrungsbericht. Manchmal werden Imagination und Realität eng verschränkt, etwa wenn Endresen die Geburt eines Ferkels mit „Alice im Wunderland“ assoziiert, freilich in umgekehrter Richtung: Während Alice ein Baby im Arm hält, das sich plötzlich in ein Ferkel verwandelt, ist es ein Ferkel, das dem Autor und werdenden Vater wie ein Baby vorkommt. Doch der literarischen Referenz wird rasch eine Grenze gesetzt, sobald ein Vorarbeiter bemerkt, Schweine seien Industrietiere, keine Schmusetiere.

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Am Ende stumpft man zwangsläufig ab

Der häufige Perspektivwechsel gehört zu den bevorzugten Stilmitteln des Buchs. So bekennt der Autor nicht nur seine Sympathie mit Ferkeln, sondern auch seine Vorliebe für Schweinefleisch: „Obwohl ich fast täglich Industrieschwein in irgendeiner Form in mich hineinstopfe, ist meine Weltanschauung schon lange von Ansichten geprägt, die gegen diese Lebensweise sprechen.“ Manche Kapitel führen uns in die Frühgeschichte, wo es um paläolithische Felsmalereien geht, aber auch um Domestikationsprozesse; andere Kapitel erzählen von den bekannten Schweinefleischtabus im Nahen Osten, von Appetit und Aversion und von den Züchtungen neuer Schweinerassen.

Daneben schildert Endresen seinen Alltag als Schweinebauer, ohne die eigene Abstumpfung zu verschweigen: „Die Schweine sind zu Gegenständen geworden, sie sind keine Individuen mehr und ganz sicher keine sensiblen Geschöpfe.“ Das Buch endet mit einem deprimierenden Kapitel zur Schlachtung und einem Epilog, der die „Zoonosen“, die Übertragung von Krankheitserregern durch unsere Nutztiere, reflektiert. Die Geschichte der Schweine, so bemerkt der Autor, ist stets eine Geschichte der Menschen.

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Auch Schweine können nach Feierabend die Hausschuhe bringen

Das Buch „Pig Business“ verfolgt einen anderen Zugang zum Thema. Verfasst wurde es von dem Agrarökonomen Rudolf Buntzel und einer Reihe weiterer Autoren. Es wirkt ein wenig kaleidoskopisch und hat verschiedene Schwerpunkte: etwa die Geschichte der Hausschweine, die noch nicht in der Massentierhaltung zu seelenlosen „Industrieschweinen“ abgewertet wurden, oder die engen Beziehungen zwischen Frauen und Schweinen in verschiedenen Kulturen, etwa in Sri Lanka, Papua-Neuguinea, Indien oder in der Eifel.

Rudolf Buntzel: „Pig Business“. Vom Hausschwein zum globalen Massenprodukt.
Rudolf Buntzel: „Pig Business“. Vom Hausschwein zum globalen Massenprodukt. Bild: Oekom Verlag

Als Motto für dieses Kapitel fungiert ein Zitat aus Marilyn Nissensons und Susan Jonas’ Buch „Das allgegenwärtige Schwein“: „Schweinefreunde halten es schon lange für ungerecht, den Hund als ‚des Menschen bester Freund‘ zu bezeichnen, sie wissen, dass Schweine genauso treu und anhänglich sind und ebenfalls nach Feierabend die Hausschuhe bringen können.“

Bekenntnis zu einer fleischärmeren Ernährung

Die historischen Rückblicke sind relevant, weil sie der Transformation bäuerlicher Schweinehaltung in das globale „Pig Business“, dieser „Fleischwerdung“ der Schweine, eine schärfere Kontur verleihen. Die Effekte globaler Vermarktung des Schweinefleischs werden – auch mithilfe von Statistiken und Tabellen – veranschaulicht, wozu ebenso die kurzen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels beitragen. Ein erschütternder Beitrag zur Quälerei der Schweine in den industriellen Anlagen der Intensivproduktion von Fleisch thematisiert neben den Kastrationen ohne Betäubung etwa das Abschneiden der Schwänze kurz nach der Geburt, zumeist ebenfalls ohne Betäubung.

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Doch werden in dem Band nicht nur zahlreiche Informationen zur Geschichte und zu gegenwärtigen Formen der Schweinehaltung präsentiert, sondern auch die Perspektiven möglicher Veränderungen, zugunsten der Schweine wie der Menschen. So nennt Franz-Theo Gottwald in seinem Vorwort eine Reihe von Maßnahmen, die politisch umgesetzt werden könnten: eine Verschärfung des Tier- und Umweltschutzrechts, die Entwicklung von Finanzierungskonzepten für die Anhebung von Standards für Tierwohl und Umwelt, die Einführung staatlicher Tierwohllabels mit anspruchsvollen Kriterien, eine verpflichtende Deklaration von Haltungsbedingungen auf Fleisch- und Wurstwaren, ein klares Bekenntnis der Bundes- und Länderministerien zu einer fleischärmeren Ernährung, die Förderung von Forschungs- und Bildungsprogrammen zur Umsetzung dieser Ziele.

Beide Bücher sind gut lesbar, reich an Informationen und gelegentlich hautnahen Erfahrungsberichten. Auf moralische Vorwürfe wird zwar verzichtet, nicht aber auf die Gewissheit, dass wir unsere Ernährung umstellen müssen, um die Herausforderungen aktueller Krisen – Krieg, Pandemie, Klimawandel – angemessen bewältigen zu können.

Kristoffer Hatteland Endresen: „Saugut und ein wenig wie wir“. Eine Geschichte über das Schwein. Aus dem Norwegischen von Frank Zuber und Günther Frauenlob. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2022. 272 S., geb., 24,– €.

Rudolf Buntzel: „Pig Business“. Vom Hausschwein zum globalen Massenprodukt. Oekom Verlag, München 2022. 344 S., br., 25,– €.

Quelle: F.A.Z.
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