Starwissenschaftler

Das Letzte von Hawking

Von Ulf von Rauchhaupt
16.10.2018
, 00:00
Stephen Hawking 2008, ein Jahr vor seiner Emeritierung, auf einer Pressekonferenz. Der Sensor an seiner Wange steuerte einen Sprachsynthesizer.
Sieben Monate nach dem Tod des britischen Physikers kommt noch einmal ein Sachbuch von ihm auf den Markt. Es ist großer Mist.
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Stephen Hawking war einer der bedeutenden Gravitationstheoretiker in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. In den sechziger Jahren hat er maßgeblich zum tieferen Verständnis der Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins beigetragen und in den Siebzigern die Theorie der Schwarzen Löcher revolutioniert. Danach wurde er für sein Fach vielleicht sogar noch wichtiger - als öffentliche Figur. Hawking selbst hat diesen Umstand offen mit seiner schweren Behinderung in Zusammenhang gebracht, und zu seinem Status als Popstar der theoretischen Physik pflegte der Brite stets eine humorvolle Distanz. Tatsächlich ging Hawking seiner Krankheit zum Trotz unbeirrt seiner Forschung nach, nahm bis zu seiner Emeritierung 2009 seine Verpflichtungen als Professor in Cambridge wahr, fuhr auch danach noch zu wissenschaftlichen Tagungen, publizierte Fachartikel und hielt Vorträge in aller Welt. Damit hat er auch Fachfremde für die Physik begeistert, und es nötigte Respekt und Bewunderung ab.

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Dass Hawkings Ruhm seit den achtziger Jahren eine eigene kleine Industrie ernährte - angefangen bei Büchern von ihm und über ihn bis hin zu Verfilmungen seines Lebens und Gastauftritten in Fernsehserien -, ist weder verwunderlich, noch sollte jemand, dem am öffentlichen Ansehen der Grundlagenforschung liegt, darüber die Nase rümpfen. Es mag zwar gehaltvollere und in ihrer Darstellung der wissenschaftlichen Inhalte gelungenere Sachbücher über Hawkings Forschungsfeld geben als die von ihm selbst verfassten, aber diese erreichen eben nicht so viele Menschen. Und wenn sich jeder Nobelpreisträger über seine Fachkompetenz hinaus zu allen möglichen Menschheitsfragen äußern darf, dann natürlich erst recht Stephen Hawking.

Aus alten Powerpoint-Files herauskopiert

Nun aber, sieben Monate nach seinem Tod im März 2018, ist noch einmal ein Buch herausgebracht worden, als dessen Autor Hawking firmiert. Allerdings informiert ein Verlagshinweis den Leser gleich zu Beginn darüber, dass der Band aus einem "umfangreichen persönlichen Archiv" Hawkings mit Antworten auf "große Fragen", die ihm immer wieder gestellt worden seien, hervorgegangen ist. "Antworten in Form von Reden, Interviews, Essays, Entgegnungen und Stellungnahmen".

Das ist schon mal das erste Problem des Buches: Nichts darin ist neu. Verschiedene Passagen finden sich zum Teil wörtlich in früheren Veröffentlichungen, etwa seiner 2013 erschienenen Autobiographie. Andere Abschnitte sehen aus, als habe man sie kurzerhand aus Hawkings Powerpoint-Präsentationen herauskopiert, und so ziemlich alle der hier präsentierten Antworten auf Fragen jenseits der Physik waren bereits schon einmal Gegenstand von Presseberichten: Hawking warnt vor Außerirdischen. Hawking verneint die Existenz Gottes. Hawking warnt vor Künstlicher Intelligenz. Hawking befürwortet die Kolonisierung des Weltraums, weil die Menschheit infolge Umweltzerstörung und Überbevölkerung sonst verloren sei.

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Schüttere Thesen, verrührt mit Quantenschnipseln

Nun wäre gegen einen "Hawking Reader" nichts einzuwenden, wohl aber gegen solch ein inkonsistentes Sammelsurium wie das hier vorliegende. Dabei sind physikalische Einlassungen nicht nur bei den "großen Fragen" aus Hawkings fachlichem Kompetenzbereich zu finden ("Was befindet sich in einem Schwarzen Loch?", "Sind Zeitreisen möglich?"). So schweift zum Beispiel die Antwort auf die Frage "Werden wir auf der Erde überleben?" reichlich unvermittelt in die Quantentheorie ab, und es fallen Sätze wie "Selbst das, was wir als leeren Raum betrachten, ist voll von Teilchen, die sich in geschlossenen Kreisläufen in Raum und Zeit bewegen. Vorwärts bewegen sich die Teilchen in der Zeit auf der einen Seite der Schleife und rückwärts in der Zeit auf der anderen Seite." Physiker unter den Lesern ahnen vielleicht, wovon Hawking hier redet, fragen sich aber mit allen anderen, was das hier eigentlich zur Sache tut.

Die Bearbeiter des hawkingschen Privatarchivs haben sich also entweder wenig bis gar keine Mühe gemacht, das Vorgefundene zu ordnen - oder sie haben derlei Quantenschnipsel vorsätzlich in die Antworten auf die eher philosophisch-gesellschaftlichen Fragen hineingerührt, um den intellektuell doch recht schütteren Gehalt des dafür vorhandenen Materials aufzupeppen. Tatsächlich stehen hinter den steilen ebenso wie hinter den banalen Thesen Hawkings zu Aliens, Klimawandel oder Künstlicher Intelligenz keine tiefschürfenden oder wenigstens originelle Gedanken.

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Veraltete Notizen ohne Faktencheck

Die scheint es nicht einmal hinter Hawkings Einlassungen zur Gottesfrage zu geben, die er als jemand, der auch auf dem Gebiet der physikalischen Kosmologie veröffentlicht hat, sicher besonders häufig gestellt bekam. Sein Gottesbegriff erschöpft sich völlig in dem eines Demiurgen, der das Universum zu irgendeinem Zeitpunkt einmal erschuf. Da Hawking nun gute physikalische Gründe für die Annahme hat, dass die Zeit erst mit der Welt entstand, glaubt er folgern zu können, es gebe keinen Schöpfungsakt und mithin keinen Schöpfer. Nur: Den Gedanken, die Zeit gehöre zur Welt und müsse mithin auch zusammen mit dieser in Existenz getreten sein, den hatte bereits der Kirchenvater Augustin vor mehr als anderthalb Jahrtausenden - und zog daraus durchaus andere Schlüsse.

Nun gehören Hawkings Ansichten zu außerphysikalischen Fragen zu seiner Rolle als öffentlicher Figur und damit durchaus in einen Sammelband mit Hawking-Fragmenten. Aber das vorliegende Buch wird ja nicht als Quellensammlung für Publizistikhistoriker vermarktet, sondern als allgemeinverständliches Sachbuch. Als solches aber ist es auch deswegen wertlos, weil es nur so strotzt von veralteten Angaben und zuweilen haarsträubenden Fehlern. Es sind nicht nur Petitessen wie die Behauptung, der Film "Zurück in die Zukunft" sei von Steven Spielberg. Vielmehr werden hier unter Hawkings Namen Mythen perpetuiert wie die, erst die Entdecker der Neuzeit hätten bewiesen, dass die Erde keine Scheibe sei (das wussten schon die alten Griechen), oder die fortgesetzte Freisetzung von CO2 könne der Erde ein Klima wie auf der Venus bescheren (nein, das ist nicht möglich - der amerikanische Planetenwissenschaftler James Kasting hat das schon vor vielen Jahren ausgerechnet). Von aktivem Vulkanismus auf dem Mars ist, anders als im Buch behauptet, bislang nichts bekannt. Und mit der Aussage, der (2005 gestartete) "Mars Reconnaissance Orbiter" sei die vorerst letzte Sonde zum Roten Planeten gewesen (in Wahrheit gab es danach noch sechs weitere erfolgreiche Marsmissionen), ist die Liste der falschen Fakten in diesen "kurzen Antworten" noch lange nicht vollständig.

Offenbar haben die für dieses Buch Verantwortlichen nicht nur bereits veröffentlichtes Hawking-Material recycelt, sondern auch ungeprüft Notizen integriert, in denen Hawking - teilweise schon vor Jahren - Formulierungen lediglich skizzierte, die er als verantwortungsvoller Wissenschaftler nie und nimmer ohne Faktencheck und Aktualisierungen publiziert hätte. Wer nun meint, solche Schlamperei sei doch unbedeutend für die großen Linien, in denen die "großen Fragen" hier erörtert würden, der irrt. Denn sie macht die Annahme hinfällig, bei dieser ganzen Hawking-Textcollage sei überhaupt sorgfältig verfahren worden. Dass dieser lieblos zusammengeschusterte Murks nun den letzten Eintrag in der Publikationsliste von Stephen Hawking stellt, ist schwer erträglich.

Quelle: Stephen Hawking: "Kurze Antworten auf große Frangen". Aus dem Englischen von Heiner Kober unter Mitarbeit von Susanne Held. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2018. 240 S., Abb., geb., 20,- [Euro].
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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