200. Geburtstag von Thoreau

Früh am Morgen ein Schluck kondensierter Wolke

Von Uwe Ebbinghaus
12.07.2017
, 15:59
Henry David Thoreau (1817 bis 1862), daguerreotypisiert von Benjamin D. Maxhan
Waldgänger, Sprachkünstler und entschiedener Lebensreformer obendrein: Neue Bücher von und über Henry David Thoreau, dessen zweihundertster Geburtstag heute begangen wird.
ANZEIGE

Selbst wenn einen Henry David Thoreaus Denkschriften, seine Aphorismen, seine Ironie und nicht einmal seine Naturbeschreibungen beeindrucken sollten, was unwahrscheinlich genug ist, käme man doch nicht umhin, den außergewöhnlichen Einfluss anzuerkennen, den er auf seine nächsten Mitmenschen ausübte. Ralph Waldo Emersons „Thoreau“-Essay, ursprünglich die Grabrede für den Freund, oder Louisa May Alcotts Kurzgedicht, das sie zu seinem Tod schrieb, gehören sicher zu den einfühlsamsten und rührendsten Dokumenten, die je über einen Menschen geschrieben wurden.

Poetische Intuition und humanistische Großzügigkeit erreichen in beiden Texten einen Grad der Anschaulichkeit, der dann doch wieder auf Thoreaus Werk zurückweist.

Spring came to us in guise forlorn;
The bluebird chants a requiem;

The willow-blossom waits for him; –
The Genius of the wood is gone.

(Das Frühjahr kam in trostlosem Gewand zu uns; /
Der Hüttensänger singt ein Requiem; /
Die Weidenblüte erwartet ihn; – /
Der Genius des Waldes ist fort).

So wurde Thoreau von Louisa May Alcott nachgerufen, seiner wohl gelehrigsten Schülerin, die Jahre nach seinem Tod mit „Betty und ihre Schwestern“ eines der berühmtesten Kinderbücher der Weltliteratur schreiben sollte.

ANZEIGE

Dass ausgerechnet zwei Vertreter des amerikanischen Transzendentalismus so mitreißende Worte fanden, ist dabei nicht verwunderlich. Neigte diese Bewegung doch dazu, den Menschen zu einem natürlich-sympathischen Möglichkeits-Wesen zu verklären. In Thoreau fand sie ihr Vorbild – und zugleich die perfekte Projektionsfläche für eine Vielzahl ihrer Seitentriebe.

Neuauflagen zum 200. Geburtstag

Was für ein Zufall, dass Ralph Waldo Emerson, Erfinder des Transzendentalismus, im Jahr 1835, Thoreau war da noch ein Teenager, ausgerechnet in dessen Heimatstadt Concord gezogen war. Emerson erlebte Thoreau dort später als Lehrer und Bleistift-Fabrikanten, als Hausmeister und Gärtner, als Schriftsteller und Landvermesser. Zeitweilig wohnte Thoreau sogar in seinem Haus und durfte Emersons Grundstück am Walden Pond für sein berühmtes Blockhüttenexperiment des Jahres 1845 nutzen.

Thoreau war das perfekte Anschauungsmaterial für Emersons Weltsicht, der zufolge das intuitive Erfassen des Göttlichen auch in den kleinsten Regungen der Natur möglich zu sein hatte. Und Thoreau wusste tatsächlich genau, das zeigen seine Schriften, wann und wo in Concord gerade die nächste Walderdbeere reif geworden war. „Natur“ hieß Emersons berühmtestes Werk, und dieses war Thoreau ebenso heilig wie die Natur selbst. Wenn Thoreau mit seinen Schülern in den Wald ging, sagte er, jetzt gehe es „in den Himmel“, wobei man gerne wüsste, was genau ihm dabei vorschwebte.

ANZEIGE

An diesem Mittwoch wird Henry Davis Thoreaus zweihundertster Geburtstag begangen. Einige erstmals veröffentlichte oder neu bearbeitete Texte wie der zweite Teil der auf mehrere Bände angelegten Tagebücher sind gerade im Verlag Matthes und Seitz erschienen, Suhrkamp hat eine neue Thoreau-Biographie von Frank Schäfer vorgelegt und Insel die Übersetzung eines schon vor zehn Jahre erschienenen amerikanischen Buchs von Susan Cheever, „American Bloomsbury“, das von dem Kreis handelt, der sich um Emerson und Thoreau in Concord scharte und der bis hin zu Nathaniel Hawthorne, Edgar Allan Poe, Walt Whitman und Herman Melville reichte. Zu sagen, dass in Concord, wo einst die ersten Kämpfe des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs ausgetragen wurden, die amerikanische Literatur auf den Weg gebracht wurde, ist tatsächlich nur eine geringe Übertreibung.

Zwischen abgeklärtem Bescheidwissertum und Küchenpsychologie

Insgesamt aber erweist sich die Jubiläums-Bücherparade doch als etwas enttäuschend. Viel Neues über Thoreau erfährt man in den beiden Monographien nicht. Schäfer und Cheever schmücken aus, reihen über weite Strecken die gleichen Anekdoten und Interpretationen aneinander, wobei beide an den Kapitelenden dazu neigen, recht reißerische Cliffhanger zu setzen, als bedürfe es solcher Anreize und halte ausgerechnet das Leben des passionierten Zuhausebleibers Thoreau noch unzählige Spannungsmomente bereit. Nur in zwei Fragen sind die beiden fast gegenteiliger Ansicht. „War Thoreau homosexuell?“, lautet die eine, „Ist Thoreaus Bewunderung für den Sklavereigegner John Brown entschuldbar, der seine Position mit Mord und Totschlag durchzusetzen versuchte?“, ist die andere, weitaus gewichtigere. Wobei beide Argumentationslinien auf zu schmaler Materialbasis ruhen, als dass der Leser geneigt wäre, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen.

ANZEIGE

Während Frank Schäfer eine Haltung des abgeklärten Bescheidwissers pflegt („Hier zeigt sich einmal mehr, wie sich idealistische Schwärmerei und Realität vertragen. Überhaupt nicht.“) und auch die Küchenpsychologie nicht scheut („Er fordert zu viel von sich und seinen Mitmenschen“), zitiert Cheever an den entscheidenden Stellen gerne aus anerkannter Sekundärliteratur, ohne die dazugehörigen Begründungen mitzuliefern. An den besten Stellen ihres Buches gelingt es Cheever jedoch, den Leser in die freigeistige Stimmung von Concords großer Zeit hineinzuziehen – was eine dankbare Aufgabe ist, wenn etwa Nathaniel Hawthorne und der „Yankee-Platon“ Emerson um dieselbe Frau werben.

Briefmarke zu Ehren Thoreaus
Briefmarke zu Ehren Thoreaus Bild: AP

Was Schäfer und Cheever bedauerlicherweise nicht einmal im Ansatz vertiefend zu erklären versuchen, ist der von beiden häufig verwendete Begriff des Transzendentalismus. Dabei hätte es gerade das Interesse vieler deutscher Leser ansprechen können, wie sich der Begriff genau zu Kants Philosophie, zum Deismus eines Barthold Hinrich Brockes – viele Naturbeobachtungen Thoreaus erinnern an ihn – oder zum Pantheismus und Symboldenken Goethes verhält. Sowohl Emerson, der offenbar kurzzeitig in Göttingen studiert hatte, als auch seine Freundin, die Journalistin und frühe Feministin Margaret Fuller, waren mit Goethe durchaus vertraut. Und Thoreau, für den dasselbe gilt, zitiert sogar schon in seinem allerersten Tagebucheintrag von 1837 ein deutsches Sprichwort. Bemerkenswert auch, dass die Eltern der eingangs zitierten Louisa May Alcott, hartgesottene Reformpädagogen, die es fertigbrachten, in zwanzig Jahren zwanzig Mal umzuziehen, neben Sokrates eine Büste Schillers in ihrem beweglichen Hausstand mitführten.

Fehlende Beschäftigung mit Thoreaus stilistischem Können

Und noch eines bleibt in beiden Büchern unterbelichtet, denn wäre es nicht an der Zeit, sich eingehender mit Thoreaus Stil und seiner Beschreibungskunst zu beschäftigen? Emerson geht bereits in seinem Essay einen guten Schritt voran, indem er am Schluss desselben die bemerkenswertesten Aphorismen Thoreaus aus den damals noch unveröffentlichten Manuskripten zusammentrug und zu der Schlussfolgerung kam: „Seine Rätsel sind lesenswert, und ich vertraue darauf, dass sie wohlüberlegt sind, auch wenn ich nicht immer die Lösung finde.“

ANZEIGE

Die Natur sich selbst überlassen

Weiter noch führt die Lektüre der erstmals ins Deutsche übersetzten, bei Jung und Jung erschienenen Reiseerzählung „Ktaadn“, die durch Emersons Essay ergänzt wird und in der Thoreau die Besteigung des höchsten Berges von Maine beschreibt. Sicher, zunächst muss man sich über viele Buchseiten durch die übergenau geschilderte Anfahrt mit Eisenbahn, Dampfschiff und Pferdewagen kämpfen, wobei man berücksichtigen sollte, dass viele von Thoreaus Reiseberichten aus Vorträgen heraus entstanden sind, die eine bestimmte Form der Leserführung voraussetzten. Dann aber – der Ktaadn ist zum Großteil erklommen – wird es richtig dicht, auch wenn Thoreau und seine Begleiter auf nichts weiter als einen Schwarm Bachforellen in einem klaren Fluss stoßen. An dieser Stelle aber zeigt sich die Tiefe von Thoreaus Naturwahrnehmung. Er vergleicht die Forellen zunächst mit „leuchtenden flussgeborenen Blumen“ und setzt zu einem herrlich überdrehten inneren Monolog an, der mit den Worten „Gott allein weiß warum (sie) so schön gemacht wurden, um dort zu schwimmen!“ endet.

Thoreau gibt vor, endlich zu begreifen, „welche Wahrheit in den Mythen, den Sagen des Proteus und all jener schönen Meeresungeheuer steckte“, er fühlt sich in die archaische Welt der antiken Dichter versetzt und schließt mit der Einschätzung, die Forellen-Szene gehorche „himmlischen Zwecken“ – hier haben wir ihn wieder, den Himmelsvergleich. Thoreau träumt dann sogar von den Forellen, wähnt sich in einem Märchen. Stärker als in dieser Reiseerzählung kann man Natur kaum mythologisch verzaubern. Aber es graust Thoreau auch vor ihr, vor allem auf dem Gipfel des unbehausten Bergs: „Hier war Natur etwas Wildes und Schreckliches, trotzdem Schönes“, schreibt er in auffälliger Übereinstimmung mit Kants Erhabenheitsbegriff. Dann wieder scheint er sich dort oben nur mit Humor behelfen zu können. So vergleicht er die Felsenreihe auf einem Nebenhügel mit einer grasenden Herde, die „felsiges Futter wiederkäut“, oder spricht davon, zur Erfrischung am Morgen „einen Schluck kondensierter Wolke“ zu sich genommen zu haben.

Am stärksten aber bleibt nach all der Jubiläumslektüre ein von vielen Zeitgenossen erstaunlich beiläufig überliefertes Bild zurück, das den als unverstellt gepriesenen Thoreau paradoxerweise als großen Versteller zeigt. In einem Tümpel stehend oder auf einem Fels sitzend verharrt er so lange in absoluter Regungslosigkeit, bis die Tiere, die er eben noch unwillentlich verscheucht hat, wieder aus ihrem Versteck hervor und in seine nächste Nähe kommen. Vielleicht ist das der wahrste Thoreau. Er, der für so vieles, von der Natur- bis zur Bürgerrechtsbewegung vereinnahmt wurde, nimmt sich vollkommen zurück, um durch teilnehmende Beobachtung und deren gewissenhafte Schilderung die Natur selbst zur Geltung kommen zu lassen.

Doch ausgerechnet in diesem Punkt hat sich unsere heutige Zeit wohl am weitesten von Thoreau entfernt. Es dominiert eine Lustlosigkeit, sich mit der Natur im Detail auseinanderzusetzen. Im Vergleich zu Thoreau wissen wir einfach zu wenig von der Natur, dieses Gefühl hatten schon seine Zeitgenossen. Wer aber würde einen Waldspaziergang mit Thoreau ausschlagen, um mit ihm über die Natur zu staunen?

Literatur

Henry David Thoreau: „Ktaadn“. Mit einem Essay von Ralph Waldo Emerson. Aus dem Englischen. Englisch übersetzt und hrsg. von Alexander Pechmann. Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien 2017. 160 S., geb., 20,– €.

Susan Cheever: „American Bloomsbury“. Ein Leben zwischen Liebe, Inspiration und Natursehnsucht. Henry David Thoreau, Louisa May Alcott, Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller und Nathaniel Hawthorne. Aus dem Englischen von Ebba D. Drolshagen. Insel Verlag, Berlin 2017. 288 S., geb., 24,– €.

Frank Schäfer: „Henry David Thoreau“. Waldgänger und Rebell. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 253 S., br., 16,95 €.

Henry David Thoreau: „Tagebuch II (Wasser und Feuer)“. Aus dem Englischen von Rainer G. Schmidt. Mit einem Nachwort von Holger Teschke. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2017. 377 S., geb., 26,90 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE