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Neue Nowitzki-Biografie

Das große Dazwischen

Von Tobias Rüther
 - 10:52
Dirk Nowitzkis Geschichte ist auch die eines Landes, dessen Kinder sich spielend Einflüsse von außen zu eigen machen, weil es sonst zu eng werden könnte, daheim.zur Bildergalerie

Zwei deutsche Kinderzimmer in den achtziger Jahren, eins in Hagen, das andere in Würzburg, in beiden hängen die gleichen Poster amerikanischer Basketballer an der Wand. In dem einen wird der Schriftsteller Thomas Pletzinger groß, in dem anderen der Basketballer Dirk Nowitzki. Jetzt hat der eine über den anderen ein Buch geschrieben: Es handelt von einem Jungen aus Deutschland, der nach Amerika geht, um alles aus sich herauszuholen, was in ihm steckt.

Aber zwischen den Zeilen handelt es auch davon, wie man in diesem Land aufwächst und sich von anderswo dazuholen muss, was man braucht. Weil das, was man vorfindet an Büchern, Platten, Filmen, Sport, und das, was über diese Bücher, Platten, Filme und den Sport auf Deutsch geschrieben wird, nicht reicht. „The Great Nowitzki“, Thomas Pletzingers Annäherung an den sehr großen (2,13 Meter) fränkischen Basketballstar, der mit den Dallas Mavericks 2011 NBA-Meister wurde, ist auch die Geschichte einer typisch bundesrepublikanischen Adaption amerikanischer Vorbilder.

Im Fall Nowitzki geht es dabei um einen Jungen aus Würzburg, der als Teenager von einem Mentor entdeckt wird, Holger Geschwindner, der selbst in den Sechzigern von einem Amerikaner, der in den Army Barracks von Gießen als Lehrer arbeitete, das Basketballspielen gelernt hatte. Und wie der junge Nowitzki und der ältere Geschwindner daran arbeiten, Dirks Talent in etwas zu verwandeln, was es bis dahin noch nicht gibt im Basketball: wo die Riesen sonst unter dem Korb warten müssen, damit sie den Ball nur noch versenken. Nowitzki aber dribbelt und wirft, verbindet europäische Taktik mit amerikanischer Power und wechselt mit 19 zu den Dallas Mavericks, spielt 21 Jahre lang für sie in der NBA. Am Ende kopieren andere Profis seine Tricks.

Nowitzki, schreibt Pletzinger, „hatte ein amerikanisches Spiel grundlegend verändert, er hatte es revolutioniert. Basketball seit Nowitzki war anders als Basketball vor ihm: beweglicher, variabler, weniger erwartbar, feiner, raffinierter. Das Spiel war internationaler und weltgewandter.“ Und: „Er hat sich etwas genommen, was ihnen gehörte.“

Sich etwas zu nehmen, was anderen gehört, um es sich zu eigen zu machen, bis etwas Neues daraus entsteht, zu Hause im Dazwischen: Im Falle des Erzählers Thomas Pletzinger beginnt das beim Format. Kaum jemand schreibt über Sport auf Deutsch, wie Pletzinger es tut (und wenn, dann über Fußball). Pletzinger aber tut es schon zum zweiten Mal, nach „Gentlemen, wir leben am Abgrund“ (2012), seiner Geschichte einer Meisterschaftssaison mit dem Basketballteam Alba Berlin.

Der Text erweckt das Spiel zum Leben

Sportbücher auf Deutsch sind affirmative Biographien für Fans, Bildbände von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Pletzinger aber formt seine Geschichte. Er ist präzise, aber nicht dank Statistik, sondern weil er beobachtet, zweifelt, ringt und erzählend das, was er sieht, noch mal zum Leben erweckt: als Text, als Erlebnis eigener Regeln.

Und dabei ist er frei von Legitimationsdruck: Sport ist für Pletzinger schlicht eine weitere Ausdrucksform des menschlichen Zusammenlebens und der Wahrheitssuche. Damit steht er in der angloamerikanischen Tradition eines leidenschaftlichen Ernsts beim Schreiben über Sport, weswegen Pletzinger sich immer wieder auf amerikanische Autoren bezieht, Bill Bradley, Thomas Beller, John McPhee. „Die eigene Begeisterung ernst zu nehmen“, sagt Pletzinger im Gespräch, „über die Bedeutung von Sport im eigenen Leben und den kulturellen Hallraum von Sport nachzudenken – das machen in Deutschland nur wenige Autoren. Ich kenne wenige deutsche Basketballtexte, die Popkultur sind.“

Pletzinger hat selbst auch mal Basketball gespielt, bei Brandt Hagen („es hat nicht im Entferntesten etwas mit dem Spiel zu tun, das Nowitzki gespielt hat“). Mag sein, dass es ihm den Zugang in die Hallen und Kabinen der Profis erleichtert hat. Stilprägend ist es aber in einem anderen Sinn: „Ich habe nur deswegen Amerikanistik studiert, weil ich Basketballer war“, sagt er, „und ich schreibe jetzt auch so über Basketball, weil ich amerikanische Literatur studiert habe. Das bedingt sich gegenseitig.“

Und hinterlässt Spuren: Ruft Nowitzki ihn auf dem Handy an, leuchtet „The Great Gatsby“ als Deckname auf, die beiden reden über Steinbecks „Jenseits von Eden“, das Nowitzki in seiner letzten Saison für die Mavericks liest („Da passiert so viel“, sagt Nowitzki, „aber am Ende könnte es etwas mehr Feuerwerk geben“), ein zentraler Satz dieser amerikanischen Saga ist auch das Motto des letzten Kapitels: „No one who is young is ever going to be old.“

Es könnte ebenso ein Motto der Vereinigten Staaten sein, deren ewige Jugendlichkeit auch im Respekt der Amerikaner vor Sport und Entertainment Ausdruck findet. „Aber es ist auch so wahnsinnig traurig!“, sagt Pletzinger. „Mein Buch ist auch das Porträt eines alternden Sportlers: Deswegen berührt mich diese Geschichte so. Ein Sportler, der einen Gipfel erreicht hat. Er ist wie wir alle, und gleichzeitig ist er ewig. Deswegen mag ich dieses Steinbeck-Zitat so sehr. Es ist rührend, weil jedes Menschen Jugend vergeht – aber etwas bleibt.“

Wie sieht der Held seine Geschichte aber eigentlich selbst? Ein Anruf in Dallas, Tage vor dem Abflug zur Buchmesse, auf der Dirk Nowitzki auftreten wird, er geht selbst ans Telefon.

Herr Nowitzki, als Sie im April Ihre Karriere beendeten, haben Sie sich als Texaner bezeichnet. Wo stehen Sie nach all den Jahren, zwischen den Kontinenten?

Ich bin in der glücklichen Lage, mich an beiden Orten superwohl zu fühlen. Ich bin sehr, sehr gern in Deutschland, meine Eltern leben noch da, meine Schwester mit ihren Kindern, und wir kommen jetzt, wo ich mehr Zeit habe, auch wieder öfter. Das ist in den letzten Jahren mit den Kindern immer ein bisschen schwer gewesen. Wenn ich hier einem meiner Freunde erzähle, dass ich nächste Woche nach Deutschland fliege, sage ich: „I’m going home.“ Und wenn ich in Deutschland bin, sage ich auch: Nächste Woche geht’s wieder heim. Für mich sind beide Orte Heimat. Aber ich habe mich so gut in Dallas eingelebt, die Kinder sind hier geboren und gehen hier in die Schule: Unsere nahe Zukunft liegt in Dallas.

Gibt es ein Ritual, wenn Sie nach Hause in Würzburg kommen?

Normalerweise macht meine Mutter erst mal Weißwurst mit süßem Senf – das ist zwar eine bayerische Sache, aber seit ich nicht mehr spiele, kann ich mir auch mal was gönnen. Und dann macht sie auch immer Schnitzel mit Spargel, wenn Spargelzeit ist. Das gehört in den ersten paar Tagen gleich dazu.

Hat es Sie beschäftigt, als Sie weggegangen sind, dass Sie in einer anderen Kultur leben würden?

Am liebsten wäre mir gewesen, ich hätte daheim bleiben und trotzdem in der NBA spielen können. Ich bin eher schüchtern und zurückhaltend und nehme Neues nicht so gern gleich an, für mich war das schon ein schwerer Schritt. Ich hatte Riesenrespekt davor, was mich hier erwartet, nicht nur auf dem Spielfeld. Alleine wohnen, allein zurechtkommen. Im ersten Jahr war es schwer, aber auch, weil es nicht so leicht war, mich im Basketball einzuleben. Ich habe aber gewusst, dass es schwer sein würde, auf dem Spielfeld Leistungen zu bringen, wenn ich mich außerhalb davon nicht wohl fühlen würde. Im zweiten Jahr war es viel besser. Die Leute hier haben mich aber auch super aufgenommen. Man sagt ja, die Amerikaner wären zwar freundlich, aber oberflächlich, „how ya doin’“, doch sie haben mich von Anfang an unterstützt.

An wann waren Sie dann nicht mehr das „German Kid“?

Manchmal sagen die immer noch „the German Wunderkind“. Meine Geschichte ist so oft erzählt worden, alle wissen, dass ich aus Deutschland bin – wenn einer „Dörk“ sagt, muss er nicht mal mehr den Nachnamen sagen. Aber ich werde immer ein Deutscher bleiben und meinen Pass behalten.

Woran haben Sie gemerkt, dass Sie angekommen sind?

Hier ist ja alles immer offen, vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche, außer an Weihnachten. Und wenn tagsüber viel los war oder wir abends gespielt haben, bin ich manchmal nachts noch schnell in einen Lebensmittelladen gegangen, zu Albertsons oder Kroger oder so, und habe mir schnell mein Müsli geholt. Solche Kleinigkeiten waren es. Aber das ist schon so lange her. Hier in Dallas hat sich in den zwei Jahrzehnten viel geändert, die Stadt ist eine Riesenmetropole geworden.

Jetzt ist auch noch eine Straße nach Ihnen benannt worden.

Ja, Wahnsinn. Riesenehre. Keiner hat im City Council dagegen gestimmt, als das entschieden wurde. Ich bin der erste lebende Mensch, für den das gemacht wird. Das ist schon fast surreal. Ich bin bei den Cowboys geehrt worden, bei den Rangers, beim FC Dallas, der Fußballmannschaft, bei ganz vielen Gala-Abenden, das zeigt auch, dass ich etwas geleistet habe, dass ich etwas hinterlassen habe. Deswegen war es ein schöner, aber schon auch ein bitterer Sommer, weil jetzt alles vorbei ist.

Sie sind ein deutscher Weltstar geworden in einer Sportart, die in Deutschland nicht gerade populär ist. In Dallas sind Sie das German Wunderkind, nach dem eine Straße benannt wird.

Das ist schon toll. Aber ich wusste ja selbst nicht, wie es laufen würde, damals. Ich dachte, vielleicht kommst du nach ein paar Jahren zurück, vielleicht gefällt es dir nicht, vielleicht setzt du dich nicht durch. Dass es dann so gelaufen ist, macht mich riesig stolz. Zwischen meinem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr habe ich jeden Sommer mit der Nationalmannschaft gespielt, da haben wir gesehen: Der Sport wird ein bisschen populärer, alle Hallen waren ausverkauft. Aber es ist nicht so einfach, den Sport voranzubringen, wenn ich nicht das ganze Jahr da bin. Wegen der Zeitverschiebung konnten mir die Leute auch nicht zur Prime Time zuschauen, es war immer nachts um halb vier, halb fünf, wenn ich in der NBA gespielt habe. Meine eigene Popularität hat eher zugenommen mit der Bankenwerbung, die ich mache. Wenn ich in Deutschland im Hotel bin, Aufzug fahre und ein älteres Ehepaar steigt ein, sagt die Frau nicht: Das ist der Basketballer, sondern: Das ist der Mann von der Werbung.

Die Tennisspielerin Andrea Petković hat zu Ihrem Abschied in unserer Zeitung geschrieben, dass Sie eine unglaubliche Imageleistung erbracht hätten für Deutschland in Amerika. Sie erzählt, dass sie inzwischen – Ihretwegen! – ganz anders begrüßt werde, früher hätten die Taxifahrer noch nach Hitler gefragt. Haben Sie in all den Jahren je darüber nachgedacht, dass Sie ein Repräsentant sind?

Das freut mich natürlich und macht mich stolz. Aber ich habe nie im Hinterkopf gehabt, dass ich Würzburg repräsentieren soll, beispielsweise, oder die X-Rays, für die ich vorher gespielt hatte. Mir ging’s hier ums Überleben und darum, mich durchzusetzen. Da kommen natürlich auch Zweifel. Es hat eine Weile gedauert – und dann kennt dich jeder hier noch als „Dörk“. Mit Vornamen. Das ist natürlich der ultimative Respekt.

Im Buch erzählt Thomas Pletzinger davon, wie Sie zur Villa von Thomas Mann nach Kalifornien fahren, als die zum Verkauf stand. Ihr Mentor Holger Geschwindner hatte überlegt, sie zu kaufen, um sie unbedingt zu erhalten. Jetzt ist aus Pacific Palisades eine kulturelle Institution der Bundesrepublik Deutschland geworden. Würde Sie die Rolle eines Vermittlers zwischen den Kontinenten auch reizen?

Das wäre natürlich spannend. Jetzt will ich erst mal etwas Abstand gewinnen, die Zeit mit der Familie genießen. Aber klar, kann man sich da zusammensetzen und überlegen. Beide Orte sind Heimat für mich – wenn sich daraus eine Funktion ergibt, die für beide Seiten passt, wäre das schon sinnvoll.

Wo wir schon bei Literatur sind: Stimmt es, dass Sie in der Schule keine Lust hatten, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ zu lesen, und sich mit „Königs Erläuterungen“ durchgewurschtelt haben?

Das war schon witzig. Der Deutschlehrer hatte das Reclam-Heftchen in der Hand, alle konnten sehen, wie dick es ist. Ihr habt zwei, drei Monate Zeit, hat er gesagt, und der, dessen Name ich jetzt nenne, muss ein Referat darüber halten. Und alle natürlich die Köpfe runter. Ich habe mich, glaube ich, irgendwo hingelegt und versucht, keinen Augenkontakt aufzunehmen. Dann ist er durch die Liste gegangen, und stop! – war er bei Nowitzki. Da habe ich natürlich erst mal tief geschnauft, es aber auf mich genommen. Damals habe ich nachmittags teilweise zwei Sportarten hintereinander trainiert und dachte: Oh, das wird schwer, mich da durch 500, 600 Seiten Reclam-Heft durchzubeißen. Und wie immer: Eine Woche vor dem Referat die totale Panik, jetzt schaffst du es eh nicht mehr, und dann: „Königs Erläuterungen“ her. Aber das hat der Lehrer schnell gemerkt, es war alles recht oberflächlich. Obwohl die gut gemacht sind, diese „Königs Erläuterungen“. Es sind ja hinten sogar ein paar Fragen drin, die ich mir selber versucht habe zu beantworten. Ich habe mich irgendwie durchgekämpft, aber eine Eins habe ich nicht bekommen.

„The Great Nowitzki“ erzählt eine deutsche Geschichte von heute. Die Geschichte einer Republik, deren Kinder sich spielend Einflüsse von außen zu eigen machen, aus Amerika und sonstwoher, weil es ja auch eng werden kann, daheim. Man muss aber gar kein Basketballstar werden, um das selbst zu erleben und zu praktizieren: Es steht allen offen. „Dirk Nowitzki ist wie wir“, sagt Thomas Pletzinger, „nur viel, viel besser.“

Thomas Pletzinger, „The Great Nowitzki“. Mit Fotos von Tobias Zielony. Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten, 26 Euro. Am 17. Oktober treten Nowitzki und Pletzinger bei der Buchmesse im Frankfurter Schauspielhaus auf.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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