<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Vereinigung der Bibliotheken

Als sich Frankfurt und Leipzig zusammenfanden

Von Frank Scholze, Michael Fernau und Ute Schwens
Aktualisiert am 04.04.2020
 - 18:36
Frucht der Bibliothekseinheit: Der Erweiterungsbau der Deutschen Bücherei Leipzig von 2011
Vor dreißig Jahren und damit noch vor der Wiedervereinigung Deutschlands fanden die beiden Nationalbibliotheken in Ost und West zusammen. Damals ahnte keiner der Beteiligten, wie viel Zukunft in der avisierten Arbeitsteilung steckte.

Am 5. April 1990 legten die Deutsche Bücherei in Leipzig und die Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main ein Konzept zur Zusammenführung der beiden Institutionen vor, die mehr als vierzig Jahre lang mit ihren nationalbibliothekarischen Angeboten konkurriert hatten. Nur knapp fünf Monate nach dem Fall der Mauer und noch vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten konnte keiner der Beteiligten ahnen, wie viel Zukunft in der avisierten Arbeitsteiligkeit der beiden Großbibliotheken steckte.

Es lag jenseits des Vorstellungsvermögens, welch rasante Fahrt der in den achtziger Jahren gerade erst begonnene digitale Umbau der gesamten Informationsversorgung aufnehmen würde. Heute liegt der Zugang, den die aus beiden Häuser geschaffene Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet, bei täglich rund achttausend Titeln, mehr als zwei Drittel davon in digitaler Form.

Sie alle werden gesammelt, verzeichnet und langzeitarchiviert – ohne einen hohen Grad an Automatisierung sind diese Prozesse nicht darstellbar. Dass diese Herausforderung, die unsere Gesellschaft an die Deutsche Nationalbibliothek stellt, bewältigt werden kann, verdankt sich auch dem Konzept, das vor dreißig Jahren im Rahmen der Wiesbadener Buchhändlertage vorgestellt wurde.

Im Zentrum der Bemühung steht die Rettung beider Standorte

Die Vereinigung der beiden Bibliotheken zum nationalen kulturellen Gedächtnis hatte Modellcharakter für andere Institutionen in Deutschland. Denn die Frage nach der Zukunft von teilungsbedingten Parallelinstitutionen in Ost und West war eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen zu Beginn im wiedervereinigten Deutschland und dabei zugleich Quelle sowohl existentieller Verunsicherungen als auch großer Chancen. Dass bei den Buchhändlertagen im Frühjahr 1990 die Chancen im Vordergrund standen, steht heute außer Frage. Es war nicht die Zeit für Bedenkenträgerei.

Dass die Vision einer vereinten Nationalbibliothek Realität wurde, ist vor allem vier einzelnen Akteuren zu verdanken: Klaus-Dieter Lehmann, damals Generaldirektor der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main, war Kopf und eine Herzkammer des Unternehmens. Die andere Herzkammer, Helmut Rötzsch, seinerzeit Generaldirektor der Deutschen Bücherei in Leipzig, war der Stratege im Osten, der durch seine guten Kontakte auch in die westdeutsche Buchbranche den Faden zwischen BRD und DDR nie hatte reißen lassen.

Wolfgang Schäuble, damals Bundesminister des Inneren, stand als Wegbereiter Pate und sorgte dafür, dass die Zusammenführung der Bibliotheken Eingang in den Einigungsvertrag fand. Und schließlich wandte sich die damalige Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main, Dorothee Hess-Maier, nach einer gemeinsamen Vorstandssitzung mit ihren Leipziger Kollegen in einem deutlichen Appell an Bund und Länder: Sie sollten die standortsichernden Maßnahmen zugunsten des schriftlichen Gedächtnisses der Nation unterstützen.

Im Zentrum dieser Bemühungen stand die Rettung beider Standorte: der 1912 in Leipzig gegründeten Deutschen Bücherei und der 1946 in Frankfurt am Main gegründeten Deutschen Bibliothek. Klaus-Dieter Lehmann wurde nicht müde zu betonen, dass „Entweder-oder-Lösungen für die nationalbibliographische Zukunft Deutschlands nichts taugen“.

Seine Argumente gegen die Schließung eines der beiden Standorte zielten dabei in drei Richtungen. Zum einen auf den in der Planung bereits weit fortgeschrittenen Neubau der Deutschen Bibliothek in Frankfurt: Dessen Weiterfinanzierung auch angesichts der enormen Kosten zu sichern, die dem Bund durch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten entstehen würden, war das Nahziel, das auch die ihrerseits erst 1991 zusammengeführten Börsenvereine zu betonen nicht müde wurden. Ferner spielte die Effizienzsteigerung eine zentrale Rolle. Durch arbeitsteiliges Vorgehen versprach man sich Einsparungen: „Ökonomisch vertretbar, politisch sinnvoll, bibliothekarisch überzeugend“, so fasst es das Konzept zusammen.

Das in der Stimmung der Aufbruchszeit sicherlich schlagkräftigste politische Argument zur Standortsicherung galt aber dem damals durchaus naheliegenden Szenarium einer Schließung des Leipziger Hauses: „Ein Verlust des Standortes der Deutschen Bücherei würde die jetzige katastrophale Lage in der Literaturversorgung der DDR unerträglich verschlimmern.“ So schlug das Konzept Pflöcke ein und zwang die Politik zum Handeln: „kein deutsch-deutscher Luxus, sondern einer Kulturnation würdig“, wie es Anne Buhrfeind im „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ bewertete.

Alte Herausforderungen in neuen Zeiten

Die Vereinigung der Bibliotheken war keine Spontanaktion im Frühjahr 1990, sondern hatte eine lange Vorgeschichte: Bereits während der deutschen Teilung hatte es immer wieder Kontakte zwischen den Häusern in Leipzig und Frankfurt gegeben. Mit dem Kulturabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, das eine Kooperation ausdrücklich vorsah, wurden sie dann legitimiert.

So hatten die Bibliotheken bereits vor dem 9. November 1989 mit konkreten Überlegungen zur Zusammenarbeit begonnen und fast ein Jahr vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten integrierte Arbeitsgruppen gebildet, um bibliotheksinterne wie auch bibliothekspolitische Verabredungen zu treffen und praktikable Lösungen für den Fall einer Wiedervereinigung vorzubereiten.

Dass sich Wolfgang Schäuble schließlich im Mai 1990 für eine Deutsche Nationalbibliothek mit zwei Standorten aussprach, kennzeichnet also nicht nur einen Aufbruch, sondern zugleich auch eine logische Konsequenz aus Jahrzehnten des nur selten öffentlich gewordenen fachlichen Austauschs zwischen Ost und West. Die aus dem Einigungsvertrag vom 3. Oktober 1990 hervorgegangene bundesunmittelbare Anstalt des öffentlichen Rechts namens Deutsche Bibliothek (seit 2006 dann Deutsche Nationalbibliothek) entpuppt sich im Rückblick als die große Chance in der nun hundertachtjährigen Geschichte seit der Leipziger Gründung.

Diesem frühen deutsch-deutschen Brückenschlag ist es zu verdanken, dass beide Standorte in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einer modernen gesamtdeutschen Institution zusammenwachsen konnten. Wenn Klaus-Dieter Lehmann im Frühjahr 1990 zusammenfasste, die Deutsche Bibliothek sei sich im Klaren darüber, „dass die Zusammenführung der beiden Bibliotheken viel Kraft benötigt, ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft (und) eine offene und phantasievolle Denkweise“, benennt er die Voraussetzungen, die Informationsinfrastrukturen – seien es Archive, Bibliotheken oder Museen – benötigen, um alte Herausforderungen in neuen Zeiten zu meistern: Es braucht jederzeit Kraft, Kooperation und Phantasie, um das kulturelle Erbe der Menschheit zu bewahren und dauerhaft verfügbar zu halten sowie die Arsenale von analogen und digitalen Texten, Bildern und Musik für heutige Fragen aus Wissenschaft und Gesellschaft bereitzuhalten.

F.A.Z.-Newsletter für Deutschland

Jeden Morgen ordnen unsere Redakteure die wichtigsten Themen des Tages ein. Relevant, aktuell und unterhaltsam.

Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

Wenn der Gesetzgeber einer Bibliothek die wertfreie Sammlung aller Publikationen in Schrift und Ton, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht wurden, ins Pflichtenheft schreibt, lässt sich leicht erahnen, welche Dimension dieser Auftrag in digitaler Zeit hat. Ohne entsprechende Speicherkapazität und standardisierte Datenhaltung keine Analyse, keine Erinnerung, keine wissenschaftliche Bearbeitung der vergangenen, von der digitalen Informationsvernetzung geprägten drei Jahrzehnte! Gesammeltes Wissen und Zukunftsfähigkeit gehören zusammen. Und wo die einen angesichts der Flüchtigkeit digitaler Daten eine große Amnesie befürchten, feiern die anderen die nie dagewesenen Möglichkeiten der Datenspeicherung als Befreiung des Wissens von der Ortsgebundenheit.

Frank Scholze ist Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, Ute Schwens seine Stellvertreterin und Michael Fernau Direktor der Deutschen Bücherei als Leipziger Standort.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.