Amerikanischer Sicherheitswahn

Das Potential der Angst

Von Johannes Völz
06.04.2016
, 06:25
Vermeintlich sicher: Didi Fancher (Juliette Binoche) in der Hochsicherheitslimousine des Hedge-Fund-Milliardärs Eric Packer (Robert Pattinson) in David Cronenbergs Verfilmung von Don DeLillos Roman „Cosmopolis“.
Eine Hypermacht stellt ihre Verwundbarkeit zur Schau: Ein Blick in amerikanische Romane zeigt, warum sich die Amerikaner so tiefgreifend um die eigene Sicherheit sorgen. Ein Gastbeitrag.

Ausgerechnet in den Vereinigten Staaten lassen sich Fragen der Sicherheit – insbesondere der nationalen Sicherheit – erfolgreich politisch instrumentalisieren. Wie passt das zu einem Land, das sich durch Optimismus und Zukunftsgewandtheit auszuzeichnen scheint? Sind die Amerikaner ein ängstliches Volk geworden, verunsichert von Terrorismus, politischen Scharfmachern und wachsender ökonomischer Ungleichheit? Schlummert in der ältesten funktionierenden Demokratie der Welt eine tiefsitzende Begierde nach einem autoritären Führer?

Die Sozial- und Geisteswissenschaften auf beiden Seiten des Atlantiks suchen seit einigen Jahren nach Antworten auf diese Fragen. Die Zwischenresultate scheinen den Verdacht zu bestätigen. Die Fixierung auf Sicherheit, heißt es etwa mit Bezug auf einen von dem Soziologen Barry Glassner geprägten Begriff, sei das Produkt einer „Kultur der Furcht“. Gemeint ist ein Manipulationszusammenhang, in dem politische und wirtschaftliche Eliten gezielt versuchen, Wähler und Kunden in Angst zu versetzen, um Gewinne zu steigern, ob bei Wahlen oder im Marktgeschehen.

Allzeit gerne mobilisiert: die Emotion der Massen

Noch einen Schritt weiter geht Joseph Masco, ein Anthropologe der Universität von Chicago, der in der amerikanischen Politik die Hervorbringung eines sich selbst verstärkenden „nationalen Sicherheitsaffekts“ zu erkennen glaubt: die Vereinigten Staaten, so schreibt er in seinem Buch „The Theater of Operations: National Security Affect from the Cold War to the War on Terror“, seien eine „globale Hypermacht“, die ihre eigene politische, ökonomische und ökologische Verwundbarkeit hervorbringe und diese auf der Ebene kollektiver Emotionen mobilisiere, um den Ausbau des Sicherheitsapparates weiter voranzutreiben.

Keine Frage: Ohne kollektiv erfahrene – und zum Teil gezielt geschürte – Angst wäre die gegenwärtige Faszination von Sicherheit und Unsicherheit nicht denkbar. Wollte man aber die politische Durchschlagskraft der Sicherheitslogik einzig mit dieser Angst begründen, müsste man die gesamte amerikanische Geschichte als die einer kollektiven Verstörung, ja Schwäche, umschreiben. Denn es lässt sich kaum ein Zeitpunkt finden, an dem Sicherheitsbedenken keine tragende Rolle gespielt hätten.

Stets haben die Amerikaner größte Gefahren gewittert, für das Gemeinwesen wie fürs individuelle Überleben. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, kurz nach der Verabschiedung der mühsam ausgehandelten Verfassung, sahen viele die Republik an moralischer Korruption und der vermeintlichen Schreckensherrschaft des aus Frankreich einströmenden revolutionären Geistes zerbrechen. Ab den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts führte die Auseinandersetzung um die Sklaverei zu einer immer größer werdenden Kluft zwischen Nord- und Südstaaten. Beide Seiten sahen sich zunehmend voneinander bedroht und manövrierten sich somit in ein Sicherheitsdilemma, das sich schließlich nur durch den überaus brutal geführten Bürgerkrieg zerschlagen ließ. Im zwanzigsten Jahrhundert sah es nicht besser aus. Die Gewalt des Ersten Weltkrieges zeitigte einen pessimistischen Blick auf die Moderne, den Gertrude Stein vom Pariser Exil aus mit dem Begriff „Lost Generation“ zu einer kulturgeschichtlichen Epoche erhob. Der Krieg war gewonnen, doch die Zivilisation schien verloren.

Angst hat nie das letzte Wort

Mit dem Zweiten Weltkrieg stiegen die Amerikaner zwar endgültig zur Weltmacht auf, doch Selbstbewusstsein und Stärke stellt man sich anders vor: im Zeichen der Gefahrenabwehr krempelten sie ihren Staatsapparat um und prägten hierfür den Begriff der „nationalen Sicherheit“. National Security Act, Nationaler Sicherheitsrat, Central Intelligence Agency, kurz darauf die National Security Agency – bis heute wirkt die Sicherheitsarchitektur der Anfangsjahre des Kalten Krieges fort, auch nach dem erneuten Umbau durch die Bush-Regierung bleiben ihre Züge deutlich zu erkennen.

Es lässt sich in dieser Geschichte jedoch sehr viel mehr erkennen als die fortwährende Reproduktion von Angst und Sehnsucht nach rettenden Lenkern. Richtet man den Blick auf die Erzählungen und Fiktionen, mit denen sich die Amerikaner einen Reim auf ihre Welt gemacht haben, so eröffnet sich unvermutet eine zweite Seite der Geschichte von Bedrohung. Sie stellt unser übliches Verständnis von „Sicherheit“ auf den Kopf. Bedrohung und Furcht sind in der amerikanischen Literatur zwar omnipräsent, doch haben sie selten das letzte Wort. Vielmehr dienen sie als Herausforderung und Chance. Die Konfrontation mit Unsicherheit erlaubt es den literarischen Helden – die ihrerseits stets für größere Kollektive stehen –, neue Stärken und Fähigkeiten zu entwickeln, in vormals unerlaubte Orte einzudringen, über bestehende gesellschaftliche Grenzen hinweg neue Allianzen zu schmieden und längst verloren geglaubte Lebensformen neu zu entdecken.

Das schnelle Scheitern der amerikanischen Republik

Erst die Literatur macht somit die politische Geschichte der Sicherheit verständlich. Ende des achtzehnten Jahrhunderts etwa schickt der erste bedeutende amerikanische Romancier, Charles Brockden Brown, seinen Helden Arthur Mervyn im gleichnamigen Schauerroman in den Sündenpfuhl Philadelphia, wo sich dieser in korrupte Geschäfte verwickeln lässt, bevor er von einer grassierenden Gelbfieber-Epidemie erfasst wird. Eine blitzsaubere Allegorie auf die Ängste vor einem schnellen Scheitern der amerikanischen Republik, könnte man meinen. Doch der Held übersteht die Krise, indem er ausgerechnet das Ungewisse, Unplanbare und Beängstigende zu einer moralischen Tugend erhebt. Symbolisch gelesen, macht Browns Schauerästhetik Amerika fit für die Moderne.

Rund ein halbes Jahrhundert später bedienen sich Edgar Allan Poe und Herman Melville für ihre großen Seefahrer-Romane „Arthur Gordon Pym“ (1838) und „Moby-Dick“ (1851) an populären Abenteuer-Erzählungen. Doch der Kitzel des Abenteuers ist diesen Werken nicht genug. Ihre Helden verlieren sich in abstrakt gewordener Sinnlichkeit – im grenzenlosen Weiß des ewigen Eises (Poe), im furchteinflößenden Weiß des Wals (Melville). Beide Werke setzen dem menschlichen Scheitern ein poetisch verdichtetes Mahnmal, beide ermöglichen dadurch eine Ahnung metaphysischer Erkenntnis. Grundlage für diese dunkle Transzendenzerfahrung im gleißenden Licht sind Besessenheit, Schrecken, Unsicherheit.

Angst beflügelt ungeahnte Kräfte

Etwa zur selben Zeit sieht sich eine aus North Carolina entflohene Sklavin namens Harriet Jacobs mit einer sehr viel konkreteren Bedrohung konfrontiert: Die Gefahr, zurück in die Sklaverei verschleppt zu werden, hindert sie daran, jemals in der Freiheit New Yorks anzukommen. Doch in ihrer kanonisch gewordenen Autobiographie „Ereignisse eines Sklavenmädchens“ (1861) beklagt Jacobs nicht einfach das Schicksal der Sklaven. Sie begreift sich selbst als Stellvertreterin der Nordstaaten, die sich dem politisch erstarkten Süden wehrlos ausgesetzt fühlen. So nutzt sie ihre eigene Unsicherheit als Begründung einer Schicksalsgemeinschaft, in der Schwarz und Weiß einander brauchen. Für das Amerika vor dem Bürgerkrieg ein revolutionärer Schritt.

Auch Henry James und Willa Cather – beide Meister des Romans an der Schwelle zwischen Realismus und Modernismus – entwickeln in Werken wie „Die Prinzessin Casamassima“ (1886) und „Im Haus des Professors“ (1926) eine Ästhetik der Gefahr, in der Angst weder beruhigt werden kann, noch zu passiver Machtlosigkeit führt, sondern vielmehr ermöglicht, in der bedrohlichen Unübersichtlichkeit der Welt Ressourcen der eigenen Entfaltung zu erkennen. Cather träumt sich in ihrem Roman angesichts des modernen Kulturverfalls zurück in die friedfertige Abgeschiedenheit einer längst untergegangenen Zivilisation von Pueblo-Indianern. Ein nostalgischer Hort prämoderner Sicherheit, so scheint es zunächst. Doch Cathers literarische Komplexitätsreduktion zielt auf das Gegenteil ab. Nichts ist entschieden in so einem Leben, alles ist möglich. Wahre Sicherheit besteht hier in radikaler Ungewissheit.

Kontingenz und Unsicherheit als Quelle der Ermächtigung

Die morbide Variante dieser Pointe hat Don DeLillo in seinem Roman „Cosmopolis“ (2003) durchgespielt. Hier kriecht ein Hedge-Fund-Milliardär als postmoderner Ulysses in einer Hochsicherheitslimousine durch die verstopften Straßen Manhattans. Straßenecke um Straßenecke befreit er sich aus der Virtualität der Finanzmärkte und beseitigt nebenbei seinen eigenen Sicherheitsapparat. Im Augenblick seines Todes erkennt DeLillos Held die Verquickung von Lebenswunsch und Todestrieb und gewinnt dank existentieller Unsicherheit den Zugang zum Realen zurück.

Freilich lassen sich ähnliche Beobachtungen auch in Werken anderen Nationalliteraturen machen; letztlich handelt es sich hier um ein Phänomen der Moderne. Und doch ist frappierend, wie durchgängig gerade amerikanische Autoren Kontingenz und Unsicherheit als Quelle der Ermächtigung gedeutet haben. Wie sonst auch sollte eine Gesellschaft, die sich nicht auf historisch verbürgte Traditionen und gesellschaftliche Hierarchien stützen kann, mit der Störung etablierter Ordnungen umgehen?

Ungewissheit, Unsicherheit und Gefahr sind nichts weniger als die Grundbedingungen des seit 240 Jahren andauernden demokratischen Experiments der Vereinigten Staaten von Amerika. Die überbordende Prominenz des Themas Sicherheit in der gegenwärtigen amerikanischen Politik ist also weniger ein Anzeichen dafür, dass sich eine bis zur infantilen Regression verängstigte Bevölkerung den Übergang zu einer autoritären Herrschaftsform herbeiwünscht. Vielmehr spricht aus der Beschwörung des Sicherheitsprimats eine kaum zu stillende Faszination von der eigenen Bedrohtheit. Diese umzumünzen in Stärke, ohne dabei die Bedrohung selbst auszulöschen: Darin besteht eine wesentliche politische Tradition dieser demokratisch verfassten Gesellschaft. Einschließlich all ihrer repressiven, gewaltsamen Schattenseiten.

Der Autor lehrt Amerikanistik an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Buch „The Poetics of Insecurity: American Fiction and the Uses of Threat“ erscheint im Herbst bei der Cambridge University Press.

Quelle: F.A.Z.
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