Bachmannpreis für Ana Marwan

Im Jahr der Wechselkröte

Von Jan Wiele, Klagenfurt
26.06.2022
, 18:32
Ausgezeichnet: Die slowenische Schriftstellerin Ana Marwan hält den Bachmann-Preis nach der Verleihung.
Die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt sind eine der letzten Bastionen hochklassiger Literaturkritik. In diesem Jahr bekam der beste Text nur die zweitbeste Auszeichnung.
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Um zu verstehen, wie wichtig die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt noch immer oder jetzt erst recht sind, muss man im Jahr 2022 zuerst daran erinnern, wo Literaturkritik in den öffentlich-rechtlichen Medien gerade steht: Sie ist ständig bedroht von Abschaffung oder Schrumpfung, manchmal entstellt zur Parodie. Man könnte zum Beispiel an die Folge des „Literarischen Quartetts“ vom 26. Mai denken, in der Uwe Tellkamps umstrittener neuer Roman vorgestellt wurde – beziehungsweise eben nicht vorgestellt, denn der Runde gelang es nicht an­nä­hernd, einen Eindruck dieses komplexen Werks, seiner Erzählsituation und vielleicht auch seiner Problematik zu geben, aufgrund dessen sich die Zuschauer eine eigene Meinung hätten bilden können. Stattdessen stieß man direkt vor zu unbegründeten Urteilen und zu lauter außertextuellen Dingen, mündend in die beinahe un­glaub­lich dumme Feststellung, wer beleidigt sei, könne keine guten Romane schreiben. Dann war die in fast allen derartigen Sendungen viel zu knapp bemessene Zeit schon um.

Der Wettbewerb um den Bachmannpreis in Klagenfurt ist das Gegenkonzept zu solcher Verstümmelung von Literaturkritik – eine fast schon letzte Bastion der intensiven bis manischen Beschäftigung mit literarischen Texten über mehrere Tage am Stück, mit einer nach Gesetzen heutiger Aufmerksamkeitsökonomie fast schon verrückt langen Verweildauer bei einem Text. Eine gute halbe Stunde liest jeder der vierzehn Kandidaten, und noch einmal so lange diskutiert die siebenköpfige Jury aus professionellen Kritikern jeweils darüber. Vierzehn Stunden Literatur also, dazwischen noch Pausengespräche, alles übertragen im Fernsehen und im Internet, be­glei­tet von Beobachtern der Beobachter, die selbst wiederum ihre Gedanken dazu veröffentlichen und weiterdiskutieren – ei­ne Maschine der Literaturkritik mit vielen Rädchen. Und eine geballte Ladung produzierter Inhalte. Wer Bachmannpreis-Binge-Watching betreibt, also von Donnerstagmorgen bis Samstagnachmittag, kann da­nach ziemlich „durch“ sein, hat aber eben auch jedes Jahr eine ziemlich gute Positionsbestimmung der Gegenwartsliteratur und ihrer Kritik – for better or worse.

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Debatte über den Originalitätsanspruch von Literatur

Wie vorbildlich die Klagenfurter Maschine schnurren kann, sah man in diesem Jahr etwa bei der Diskussion über den Text des 1977 in Teheran geborenen und heute in Berlin lebenden Behzad Karim-Kani, der von der Juryvorsitzenden Insa Wilke sogleich und zu Recht als Genre-Erzählung eingestuft wurde, als „Knastgeschichte“ nämlich: „Wir haben ein Milieu, das homogen erzählt wird, wir haben einen begrenzten Raum, und wir haben die Figur, die als Ausnahmefigur in diesen Raum kommt, damit plausibel wird: Sie benutzt eine gewähltere Sprache und ist gleichzeitig fähig zu reflektieren und zu beschreiben.“ Das ist eine recht akademische Beschreibung für den Erzählungssatz „Er war der einzige Iraner im Knast“, aber eine solche theoretische Grundierung ist gar nicht schlecht für eine weitere Diskussion, die sich in einer Jury aus sieben verschiedenen Temperamenten ohnehin schnell zuspitzt.

Klagenfurt, 23. Juni: Der Bachmann-Kandidat Alexandru Bulucz hört zu, wie der Bachmann-Juror Michael Wiederstein seinen Text kritisiert.
Klagenfurt, 23. Juni: Der Bachmann-Kandidat Alexandru Bulucz hört zu, wie der Bachmann-Juror Michael Wiederstein seinen Text kritisiert. Bild: tob

Die Haftdarstellung, minutiös be­schrie­ben bis zum beginnenden Wahnsinn, wenn der junge Mann in seiner Isolation alles durchzählt von Kniebeugen bis zu Gemüsestückchen, weckte bei den Kritikern allerlei Assoziationen von Netflix-Serien bis zu historischen Romanen und löste eine Debatte über den Originalitätsanspruch von Literatur sowie eine über den Begriff der Unterhaltungsliteratur aus. Der Autor und Kritiker Philipp Tingler, der Karim-Kani eingeladen hatte, be­fand, gute Literatur müsse nicht originell sein. Mara Delius gefiel der Sound der Erzählung, während ihre Kollegen sich teils daran störten, Klaus Kastberger hörte „zu viel Testosteron“, und Michael Wiederstein sah sich mit einer „Hipster-Boulangerie hinter schwedischen Gardinen“ konfrontiert. Und wer alles mitverfolgt hatte, schwankte vielleicht noch hier und da zwischen Zustimmung und Widerspruch. Insgesamt, und das soll hier der Punkt sein, war die Lesung des weitgehend sich selbst erklärenden Textes wie auch die Diskussion ein niedrigschwelliges Angebot, kategorisch über literarische Kriterien nachzudenken – und da­mit ein gutes.

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Nun muss man so ehrlich sein, zuzugeben, dass der Idealfall auch bei diesem Kritikformat längst nicht immer eintritt. Er kann es etwa kaum, wenn der Vortrag des Textes an emotionale Erpressung grenzt wie im Falle der 1970 in Wuppertal geborenen Eva Sichelschmidt oder der 1981 im österreichischen Eisenstadt geborenen Barbara Zeman. So schmerzlich der Verlust einer Großmutter sein mag, schien bei Sichelschmidt der literaturkritische Blick der Jury davon teils verstellt, auch wenn Jurorin Brigitte Schwens-Harrant „hohle Bausteine“ in dem floskelhaften Text bemerkte. Und Ze­mans intertextuell stark aufgeladene Liebeskrisenerzählung „Sand“ mit An­klän­gen an die reiche Geschichte der todessehnsüchtigen Venedig-Literatur sowie Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ hätte kälter, härter und weniger gedehnt gelesen womöglich auf die Jury einen weniger quälenden, also gewinnenderen Eindruck gemacht.

Metafiktionale Texte haben es in Klagenfurt schwer

Man muss außerdem sagen, dass der Jahrgang, bei aller Euphorie über die Rückkehr der Präsenzveranstaltung ans ORF-Landestheater in Klagenfurt mit Lesungen in dessen Garten, so manche Texte bot, die zwar ansatzweise gut gemacht waren, denen aber doch der gewisse Dreh oder gar Wow-Effekt fehlte. Denkt man an Lesungen wie jene von Lutz Seiler (2007) oder Katja Petrowskaja (2013) zurück, bei denen so ziemlich jeder sofort spürte: hier hat man einen Siegertext, stellte sich ein solches Gefühl diesmal nicht recht ein. Am ehesten war es der Fall bei der Erzählung eines „entgeisterten Heimatunfähigen“ des 1987 im rumänischen Alba Iulia geborenen Alexandru Bulucz, der sich, bei höchster Sprachreflexivität, von einem Kaffeehausplatz fortdenkt und „Einige Landesgrenzen weiter östlich, von hier aus gesehen“ landet (so der Titel des Texts), dabei „Weltwissen, politische und philosophische Erfahrung“ verbindend (Insa Wilke). Von der Jury fast einhellig gelobt und von einigen für den Favoriten gehalten, erhielt Bulucz am Ende den zweiten von inzwischen fünf Preisen des Wettbewerbs, den mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis.

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Der mit 25.000 Euro dotierte Bachmannpreis ging ebenfalls an eine Erzählung, die schon im Titel von einer inneren Zerrissenheit zeugt: In „Wechselkröte“ lässt die 1980 im slowenischen Murska Sobota geborene Ana Marwan eine junge Frau sprechen, die gerade von ihrer Schwangerschaft erfahren hat und sich in einer Situation zwischen Lebens- und Klimakrise das Aufwachsen des Kindes ausmalt: „Ich stelle mir vor, ich habe vergessen, dass ich mich schon kurz vor ihm aufgegeben habe.“ Klaus Kastberger, der Marwan eingeladen hatte, lobte die Melancholie und den Witz ihrer Prosa, mit der sie eine große Selbstermächtigung beschreibe. Am Ende der Erzählung steht ein Sprachbild, das sich wohl nicht nur auf einen beschriebenen Swimmingpool bezieht: „Kann man alles absaugen.“

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Zwei Texte mit parodistischem Einschlag fanden besonderen Anklang auch beim Publikum: zum einen die mit dem durch Online-Abstimmung ermittelten BKS-Publikumspreis (7000 Euro) belohnte Satire des 1994 in Wien geborenen Elias Hirschl auf einen Start-up-Unternehmer, der für einen fiktiven und unter ständigem Optimierungsdruck stehenden Online-Lieferdienst arbeitet, zum anderen die absurde Science-Fiction-Erzählung „Im Falle des Druckabfalls“ des 1989 in Seligenstadt geborenen Juan S. Guse, für die es den Kelag-Preis (10.000 Euro) gab. In dieser Satire auf den Literatur- und Wissenschaftsbetrieb kampiert eine internationale Gruppe von Forschern auf ethnologischer Expedition im Taunus und stößt auf eine bislang unbekannte Menschengruppe, die in einer Nachbildung des Frankfurter Flughafens arbeitet. An Ironie und Rätselhaftigkeit war Guses Text den anderen deutlich überlegen, aber seit je haben es metafiktionale Texte in Klagenfurt regelmäßig schwer. So postulierte der Juror Philipp Tingler in diesem Jahr denn auch an anderer Stelle einfach, ein Text dürfe „nie selbstbezüglich sein“.

Den mit 7500 Euro dotierten 3Sat-Preis erhielt der 1989 im bayerischen Osterzell geborene Leon Engler für seinen Text „Liste der Dinge, die nicht so sind, wie sie sein sollten“, wobei die hier von Tingler attestierte Ironie in der etwas baukastenhaften Milieukritik eines Jungschauspielers nicht recht aufgehen wollte. Augenfällig wurde dieses Jahr manchmal aber auch kritisches Schubladendenken, etwa angesichts der „Klimafiktion“ der 1988 geborenen Leona Stahlmann. Gerade auch das befeuerte dann aber wiederum die kritische Debatte.

Trotz festen Glaubens daran, dass bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur oft der Weg das Ziel ist: Die Einschätzung Klaus Kastbergers am Sonntagmorgen, man hätte sogar noch mehr Preise vergeben können, wirkt angesichts einer dann bald erreichten Gewinnerquote von fünfzig Prozent noch absurder als der Nachbau eines Flughafens im ORF-Landestheater. Aber vielleicht erleben wir ja auch das noch.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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