Schriftsteller Sergej Lebedew

Jede Flucht ist eine Wette mit dem Tod

Von Per Leo
04.02.2016
, 21:12
Wer Sibirien nicht kennt, kennt Russland nicht: Überreste eines Straflagers im fernöstlichen Tschukotka
Er war in Russland Investigativjournalist auf verlorenem Posten und wurde darum Schriftsteller. In seinen Büchern jagt er die jüngere Geschichte seines Landes, als sei sie eine giftige Schlange. Eine Begegnung mit Sergej Lebedew.
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Als sich im November 2014 eine Schar deutschsprachiger Literaten in Freiburg versammelte, war die Stimmung ausgelassen. Ein Ex-Verleger verkündete ein Krähengleichnis und trug dann Verse vor, die vielleicht zum Ergreifendsten gehören, was je über den Starnberger See gedichtet wurde; ein Nazi-Enkel sang ein Weihnachtslied, das man seinerzeit auch in der SS geschätzt hatte; eine Prosaschriftstellerin aus Österreich deklamierte aus ihrer Kriminaltravestie, sehr laut, aber präziser, als die zahlreich angereisten deutschen Lyriker ihre Gedichte je hätten flüstern können; diese kannten dafür unglaublich viele Namen anderer deutscher Lyriker, einmal spielten sie ein Spiel, bei dem deutsche Lyrikernamen aneinandergereiht werden mussten, es dauerte mehrere Stunden; nachts suchten Lyriker und Romanciers gemeinsam eine Raucherbar auf.

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Der auch tagsüber rauchende Sergej Lebedew fiel da zunächst gar nicht auf. Ihm wiederum dürfte unser Treiben egal gewesen sein. Dass die Stimmung von Betriebsausflügen für Außenstehende unzugänglich ist, gilt ja auch für Literaturbetriebe. Keiner von uns wusste etwas über diesen Gast, und er, trotz badischer Herbstsonne in einen dicken Schal und wetterfeste Funktionskleidung gehüllt, hielt sich zurück. Nichts deutete auf die Überraschung des letzten Abends hin.

Dafür gibt es keine andere Form als Literatur

Schon wenige Minuten nachdem ein Schauspieler begonnen hatte, aus Lebedews – von Franziska Zwerg kantenlos übersetztem – Debütroman vorzulesen, war mir klar, dass die einzige produktive Irritation dieser Tage von diesem jungen Russen ausgehen würde. Die Wirkung war umso überwältigender, als sie nicht wie sonst bei zeitgenössischen Romanen vom Stil herrührte, dem Sound einer Erzählstimme, dem Sprachwitz oder anderen Originalitäten, für die unsere Agenten und Verleger zu morden bereit sind. Was wir da zu hören bekamen, war keine Vorschussliteratur eines vielversprechenden Debütanten. Trittsicher, frei von Phrasen, hatte diese Prosa dennoch etwas Befremdliches – ein Eindruck, der sich nach der Lektüre des ganzen Romans, und erst recht nach der des zweiten, noch verstärkte.

Romantiker der Freiheit, das war einmal: Sergej Lebedew
Romantiker der Freiheit, das war einmal: Sergej Lebedew Bild: Ullstein

Lebedews Sprache hat wenig Tonlage. Sie gibt sich nicht lakonisch hart, ironisch verspielt oder episch präzise. Wenn sie trotzdem auffällig ist, dann weil sie zu Metaphern und Vergleichen neigt, zu Pathos und Dramatisierung, ja sogar zum Gebrauch von Adjektiven: poetischen Mitteln, die uns, den Literaturinstitutszöglingen und Herrndorf-Epigonen, früh ausgetrieben wurden. Was mich packte, war nicht die literarische Form, sondern eine Art der Mitteilung, für die es keine andere Form als die Literatur gibt. Nun teilt natürlich jede Literatur, auch die deutsche Gegenwartsliteratur, andauernd etwas mit. Ganz und gar ungewöhnlich aber ist es geworden, wenn ein Autor etwas mitteilen will, das dem Leser so unbegreiflich sein muss, dass weder die Faktizität der beschriebenen Welt noch die Konvention eines Genres es glaubhaft machen kann. Das gilt erst recht für historische Stoffe.

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Dunkle Ahnungen, aus denen Zeichen werden

Zwei Bücher Lebedews sind bisher ins Deutsche übersetzt, beide handeln von der jüngeren Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Doch fehlt ihnen der Sicherheitsabstand des historischen Romans, der selbst in das schrecklichste Geschehen mit dem Versprechen lockt, dass all das ja längst vorbei sei. Lebedews Vergangenheit lebt. Er beschreibt sie nicht wie der Historiker seine Epoche oder der Pathologe eine Leiche. Er jagt sie. Als sei sie eine giftige Schlange, deren Versteck mitten unter uns er gewittert hat und nun aufspüren muss, aber nicht, um sie zu töten, sondern sie zu fassen und vor den Augen des Lesers zu beschwören.

Protagonist beider Romane ist ein Ich-Erzähler in der Tradition der Romantik. Was für andere unauffällig sein mag, das Gebaren eines alten Mannes, ein hinterlassenes Manuskript, die Ordnung der großmütterlichen Bibliothek, weckt in ihm dunkle Ahnungen. Aus Ahnungen werden bald Zeichen, die Zeichen verdichten sich zu einem Geheimnis, das zu ergründen den Erzähler zum Reisen zwingt. Die Routen, denen er folgt, bleiben jedoch undurchsichtig, mal verdanken sie sich detektivischem Kalkül, mal dem Zufall, mal der divinatorischen Gabe des Erzählers, für den auch stumme Menschen reden, Orte eine Mimik haben und Dinge eine Stimme.

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Albtraumsequenzen, die den Leser hypnotisieren

Einem Lesepublikum, das sich literarische Reisen am liebsten wie ein an der Schnur aufgezogenes Roadmovie vorstellt, mag das schwer verdaulich vorkommen. Tatsächlich bereitet diese Literatur immer wieder Mühe. Doch wer sich ihr aussetzt, wird merken, dass der Autor sie einem wohlkalkuliert zumutet. Und dass sie sich lohnt. Das anfangs beschworene Geheimnis ist nämlich gar keines, zumindest geht es weniger um seine Lüftung als um seine Entfaltung. Natürlich, es stellt sich heraus, dass der blinde alte Mann, den der Erzähler „zweiter Großvater“ nannte und dessen Blut ihm in einer symbolträchtigen Transfusion das Leben rettete, als er im August 1991 von einem wilden Hund gebissen wurde, Lagerkommandant im GULag gewesen ist. Aber das ist nicht der Clou.

Es wäre ein Missverständnis, in diesen Romanen die poststalinistische Antwort auf die deutsche Nazinachfahrenliteratur zu sehen. Hier wird niemand entlarvt, nichts gestanden, kein Urteil gefällt. Lebedew bettet seine Leser nicht auf der Gewissheit der Nachgeborenen – er treibt sie hinaus: in den Sumpf der Vergangenheit, in historische Landschaften, in denen überall Gewalt lauert, hinter jedem Busch, in jedem Kopf. Urplötzlich tauchen die Schilderungen auf, um derentwillen sich die Lektüre dieser Bücher so lohnt, wie Albtraumsequenzen, die den Leser in ihrer hyperrealistischen Dichte, inneren Logik und Unerwartbarkeit über viele Seiten hypnotisieren. Dabei muss es gar nicht blutig zugehen.

An der Küste zur Karasee: Gasförderung in Sibirien
An der Küste zur Karasee: Gasförderung in Sibirien Bild: AFP

In der in Freiburg gelesenen Passage beispielsweise, einem 35 Seiten langen Meisterstück von abgrundtiefer Düsternis, erscheint das Grauen des GULag in Gestalt in einer ganz unscheinbaren Begebenheit: Der Lagerkommandant nimmt seinem Sohn die Vogelflöte weg, die ihm ein geisteskranker Lagerinsasse geschnitzt hat. Doch was Lebedew daraus macht, ist atemberaubend. Ohne jede Drastik, in der Paraphrase eines Berichts, den ein ehemaliger Häftling dem Erzähler gegeben hat, entfaltet sich aus dem kleinen Willkürakt ein Drama auf Leben und Tod, kalt wie eine Polarnacht und schön wie ein Eiskristall. Satz für Satz entsteht dabei vor unseren Augen etwas sehr Seltenes: das Bild eines Täters mit Amtsgewalt. Wie porträtiert man einen solchen Täter, ohne sich – und sei es noch so distanziert – mit ihm zu identifizieren oder umgekehrt den Blick allein auf das Leid seiner Opfer zu lenken?

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Die rohe russische Gewalt des Hinterlandes: Sibirien

Lebedew tut es, indem er das Dilemma zeigt, in das die Existenz seines Sohnes ihn bringt. Als Vater liebt er ihn, aber als Träger eines lebensvernichtenden Regimes bedroht ihn die kindliche Freiheit. Sie zu bejahen käme einer offenen Persönlichkeitsspaltung gleich. Zuneigung kann sich unter diesen Umständen nur paradox äußern, als Double Bind, in dem die väterliche Selbstbehauptung dem Kind als Geschenk präsentiert wird. Denn was den Sohn schließlich in den Tod treibt, ist das Spielzeug, das ihm der Vater von anderen Häftlingen in monatelanger Kleinarbeit bauen lässt, um den Verlust der Flöte zu ersetzen: ein detailgetreues Holzmodell des Straflagers. Am Ende flieht der Junge – nicht aus, sondern vor dem Lager und bricht sich beim Sturz in einen Steinbruch das Genick.

Der Zeuge dieser Ereignisse wird vom Erzähler als Steinmetz eingeführt, das Naturmaterial, das in dem tödlichen Steinbruch gewonnen wird, als das äußerst widerstandsfähige Ringsilikat Eudialyt. Eine Fabel, die anhand des Werkstoffes Holz von der Grausamkeit einer modellierenden Erziehung erzählt, ist also gerahmt von Sprachbildern aus Stein. Das ist kein Zufall. Denn so hart Lebedews Stoffe sein mögen, seine Beobachtung hat sich an noch härteren Gegenständen gebildet, lange bevor er zu schreiben begann. Er hat Geologie studiert, die russischste aller Wissenschaften. Und ihm ist die rohe Gewalt des russischen Hinterlandes begegnet: Er kennt Sibirien.

Romantik in Ostsibirien, 2800 Kilometer östlich von Moskau
Romantik in Ostsibirien, 2800 Kilometer östlich von Moskau Bild: Reuters

Ich flog nach Moskau, um mehr über Lebedew zu erfahren. Nicht um die Romane mit dem Leben des Autors abzugleichen, das hat gute Literatur zum Glück niemals nötig, sondern aus einem persönlichen Antrieb. Ich wollte wissen, warum dieser Schriftsteller mich so beschäftigte, warum mir sein Schreiben nicht unbedingt besser, aber so viel ernster und notwendiger vorkam als mein eigenes und das meiner deutschen Kollegen. Zweifellos hatte dieser Unterschied etwas mit Russland zu tun. Aber in welchem Sinn? Das Wirken einer mysteriösen Essenz namens „russischer Seele“ war ausgeschlossen, aus Gründen der gedanklichen Hygiene natürlich, vor allem aber, weil Lebedew zu den russischen Intellektuellen gehört, die man früher als „Westler“ bezeichnet hätte. Wiederholt hat er sich kritisch zum politischen Geschehen geäußert, zuletzt zum Ukraine-Konflikt. Und sein Werk findet in Europa viel mehr Beachtung als in der Heimat; der letzte Roman etwa wurde zuerst in deutscher Übersetzung veröffentlicht (erst kürzlich fand sich für ihn auch ein kleiner Verlag in Moskau). Nein, wenn dieser Kollege mir „russisch“ vorkam, dann weil er Erfahrungen gemacht hat, die nur in Russland möglich sind.

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„Wir waren Romantiker der Freiheit“

Wir sitzen in einem georgischen Restaurant, einem dieser Orte im Zentrum Moskaus, an denen man sich mittlerweile so wohl fühlen kann wie in jeder anderen Metropole Europas. Es wäre übertrieben, die entspannte Atmosphäre trügerisch zu nennen. Aber sie passt nicht zu dem Bericht, den ich höre.

Geboren 1981, ist Sergej Lebedew ein Kind der neunziger Jahre. Wie kaum ein anderes trennt dieses Jahrzehnt in Russland die Generationen. Während die Älteren die rasende Inflation, den Einsturz der Sozialsysteme, den Ausbruch der Bürgerkriege als traumatische Zäsur erlebten, brachen für die Jüngeren wilde Zeiten an. „Wir waren Romantiker der Freiheit“, sagt Lebedew. „Wir glaubten an unsere Kraft und waren bereit, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.“ Ein Gefühl, das nur wenige Jahre währte. Heute nennt er sich und seinen Altersgenossen eine „Generation der Besiegten“. Doch es klingt nicht verbittert, eher melancholisch.

Als Sohn eines Geologenpaares, beginnt Lebedew selbst Geologie zu studieren. Die Semesterferien verbringt er auf Expeditionen in die nordöstliche Taiga. Doch deren Zweck ist nicht wissenschaftlicher Natur. 1998 herrscht in Russland eine rohe Marktwirtschaft, in der fast nichts produziert wird, aber alle dringend Geld brauchen. Für die einen bedeutet das, ihren kümmerlichen Privatbesitz in U-Bahnhöfen anzubieten, ein paar selbstgezogene Zwiebeln, zwei Radios und die gesammelten Werke Puschkins für eine halbe Monatsmiete. Die anderen nehmen sich, was – je nach Perspektive – allen oder keinem gehört, dies und das aus der gewaltigen Erbmasse, die bis vor kurzem noch Staatseigentum hieß. Industrieanlagen werden demontiert, Waffenarsenale geplündert, ganze Infrastrukturen in ihre Einzelteile zerlegt.

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Wie ein Held aus den Romanen Jack Londons

Lebedew, der bald auf eigene Faust in die Wildnis aufbricht, bedient sich am größten Reichtum des Landes: der Natur. Die Riesenreservoire an Gas und Öl haben sich die neuen Oligarchen unter den Nagel gerissen, aber wer sich auskennt und jung, zäh und abenteuerlustig ist, kann die Schätze in den Weiten Sibiriens auch suchen; wie die über Nacht alt gewordenen Eltern die Pilze in den Wäldern bei Moskau. Es sind Edelsteine, vor allem seltene Bergkristalle, die Lebedew und seine Kumpels zwar nicht reich machen, aber wohlhabend genug, um die Fortsetzung des Studiums lächerlich zu finden. Sie verlassen die Universität und ziehen in der Taiga ihr Ding durch. Verrückte, gute Jahre sind das, in denen Lebedew sich vorkommt wie ein Held aus den Romanen Jack Londons.

Anfang 2000, wenige Tage nach Putins Amtsantritt, fühlt er sich alt genug, das Abenteuerdasein gegen einen regulären Job in Moskau einzutauschen. Er wird Redaktionsmitglied bei „Pervoje Sentjabrja“, einer Zeitung für Themen des Schulwesens – ohne zu ahnen, dass ihm mit dieser Entscheidung der Atem der Provinz näher auf den Leib rücken wird als je zuvor. Eines Abends im Januar 2003, Lebedew ist gerade zum stellvertretenden Chefredakteur aufgestiegen und arbeitet lange, klingelt das Telefon. Der Anrufer, der mit zitternder Stimme spricht und anonym bleiben will, meldet sich aus einer westsibirischen Kleinstadt. Ein Schüler sei bei einer Wehrübung ums Leben gekommen, unter der Gasmaske am Erbrochenen erstickt, eine fahrlässige Tötung, deren Aufklärung hintertrieben werde. Was sich aus diesem Anruf entwickelt, ist die bühnenreife Miniatur eines Machtkampfes zwischen alten und neuen Kräften in der russischen Gesellschaft. Lebedew geht dem Fall mit allen Mitteln des investigativen Journalismus nach. Er recherchiert vor Ort, schreibt einen langen Artikel, flankiert von einer öffentlichen Kampagne, für die er auch namhafte Oppositionspolitiker gewinnt. Am Ende steht ein symbolischer Sieg der jungen Demokratie, der mit so undemokratischen Mitteln errungen wurde, dass er sich anfühlt wie das Vorzeichen einer zukünftigen Kapitulation.

„Es ist eine Geschichte ohne Helden“, sagt Lebedew

Dass es in zweiter Instanz überhaupt zu einer – wenn auch milden – Verurteilung des verantwortlichen Offiziers kommt, verdankt sich einer Mischung aus Vetternwirtschaft und Zufall: Der Richter ist ein Studienfreund des Klägeranwalts. Das allein hätte einen jungen Idealisten ernüchtern, vielleicht sogar realistischer machen können. Tatsächlich aber demoralisiert ihn die Affäre. Denn er hat den Preis seiner Integrität erfahren. Das erste Angebot findet er fast noch amüsant. Während der Recherche im Osten erscheint spätabends ein kahlgeschorener Afghanistan-Veteran in seinem Hotelzimmer. Man sei bereit, für die Einstellung der Nachforschungen zu bezahlen. Der Journalist wittert eine harte Information. Wie viel? Genug für einen gebrauchten japanischen Kleinwagen, lautet die Antwort. Der zweite Preis ist dann allerdings zu hoch, um ihn zu ignorieren: Nun bietet man Lebedew die Unversehrtheit seines Körpers an. Der Chefredakteur kommt seiner Fürsorgepflicht nach, indem er seinem Stellvertreter eine Telefonnummer zusteckt.

„Ich war bedroht vom russischen Militär und beschützt von einer Brigade aus russischen Kriminellen“, sagt Lebedew und lacht. In der Tat, eine paradoxe Komik: Den Moment, in dem sein zivilgesellschaftliches Engagement Wirkung zeigt, erlebt er als Ohnmacht. Er hat begriffen, dass man sich gegen die Vertreter dieses Staates nur mit Methoden des Bürgerkriegs wehren kann. Und dass man sich mit Kritik keine Freunde macht. Noch immer sieht er die hasserfüllten Blicke, unter denen er das Gericht verließ, noch immer hallen die Worte nach, die ihm die Frau des Angeklagten zugeflüstert hat: „Warum tun Sie das? Es sterben doch so viele Kinder in Russland.“

Am Ende der Kräfte: ein Bergretter nach einer Methangasexplosion in einer sibirischen Kohlemine
Am Ende der Kräfte: ein Bergretter nach einer Methangasexplosion in einer sibirischen Kohlemine Bild: AP

Vermutlich ist es ein Erbe der Sowjetunion, dass man in Russland nirgendwo so frei spricht wie zu Hause. Und über Russland: Wer Swetlana Alexijewitschs Bücher, wie die Lebedews Zeugnisse einer literarischen Geschichtskultur, gelesen hat, der weiß, wie greifbar das größte Land der Erde in den engen Küchen seiner Bewohner wird. Zwei kleine Zimmer, die Einrichtung unverändert so, wie die Großmutter sie dem Enkel hinterlassen hat. Es sind unscheinbare Dinge, die vom jetzigen Bewohner zeugen. Die Bücher natürlich. Die Gesteinsproben im Regal. Ein kleines Bild an der Wand, Tusche in zarten Grünweißtönen, minimalistischer Stil: Ein Mann und zwei Hunde sehen in die tiefstehende Sonne über dem Polarmeer. Das Bajonett, das der Großvater einem toten Wehrmachtsoldaten abgenommen und ein Messer daraus gemacht hat; es ist geschärft und spiegelblank. Auf seinen Expeditionen hat Lebedew es jeden Tag am Leib getragen, jede Nacht hat er es mit in den Schlafsack genommen.

Wir haben auf dich gewartet

Wer Sibirien nicht kennt, kennt Russland nicht. Lebedew, der das nicht wörtlich, aber sinngemäß mit jedem Satz sagt, mit dem er nun aufs Neue und zugleich ganz anders von den Reisen in den Nordosten berichtet, meint damit auch seine eigenen Landsleute. Sibirien, das ist ja nicht nur Natur. Es ist auch mehr als eine offene Grenze. Es ist die Rückseite der Heimat, der Teil der russischen Gesellschaft, der für die meisten nur als Drohung existiert. Mehr als alles, was Lebedew dort begegnet ist, hat ihn die Unmöglichkeit beeindruckt, darüber zu kommunizieren. Das Gefühl, als Journalist zunehmend auf verlorenem Posten zu stehen, mag der Anlass gewesen sein, sich als Schriftsteller zu versuchen. Der Impuls aber liegt tiefer, in verstörenden Erlebnissen, für die sich im Alltag keine Sprache fand.

Manche davon haben einfach nur damit zu tun, dass ihn, den Hochsensiblen, etwas überwältigt, das andere kaltlässt. Die sich bis zum Horizont ausbreitenden Kulturspuren, die man gerade überfliege, seien verlassene Lager des GULag, teilen die Hubschrauberpiloten den Expeditionsteilnehmern mit. Die Kameraden nehmen das wie eine geographische Information zur Kenntnis, während sich für Lebedew eine historische Landschaft auftut, verstörend, anziehend und fremd wie ein unbekannter Planet, dessen Eigenart man unwillkürlich wie eine codierte Botschaft auffasst: „Mir war, als riefen all diese verfallenen Zäune, Türme und Baracken mir etwas zu: Hörst du uns? Empfängst du unsere Signale? Ja? Dann bist du der Richtige, wir haben auf dich gewartet. Ich schaute noch einmal in die Gesichter der anderen: nichts. Da war mir klar, ich bin allein damit.“

Lebedew wittert die Vergangenheit. Und sie ihn

Andere Erlebnisse rühren an Tabus. Als er sie mit seiner Freundin teilen will, wendet sie sich instinktiv ab. Wenn man Sibirien eine Lagerzone nennt, dann sind damit nicht nur die Ruinen gemeint, die der Staat nach dem Ende des GULag-Systems zurückgelassen hat, oder die Siedlungen, in denen die Nachfahren von Häftlingen und Wächtern leben. Bis heute gibt es dort ja Straflager, und noch immer gelten dieselben Regeln wie vor siebzig Jahren. Eine davon heißt: Die Flucht ist jederzeit möglich, aber sie ist eine Wette mit dem Tod. Das Ziel, irgendein fernöstliches Nest mit einer kriminellen Infrastruktur, in der man untertauchen kann, ist weit. Und bevor man es erreicht, haben die Hunde der Wachmannschaften, der Nachtfrost, die gleißende Sonne auf dem schmelzenden Schnee oder wilde Tiere den Flüchtling meist erledigt. Die schrecklichste Gefahr aber droht von den Komplizen, ohne die man sich auf ein solches Unternehmen niemals einließe.

Einer von ihnen, das wissen alle, ist die „Kuh“ – die Notration gegen das Verhungern. Dass in Sibirien hin und wieder Menschen verspeist werden, kann man wissen. Trotzdem kann einen nichts darauf vorbereiten, wenn man in der Polarmeer-Region unversehens auf einen Jäger trifft und der zu reden beginnt. Er sei tags zuvor einem geflohenen Sträfling begegnet, völlig orientierungslos, weit werde er nicht kommen. Habe ihn laufen lassen. Vorgestern noch zu zweit. Kommt mal mit. Dann führt er die jungen Edelsteinjäger zum Fluss und zeigt ihnen eine frische Feuerstelle. Im Sommer 1999 war das. Russland im 20. Jahrhundert.

Sergej Lebedew: „Menschen im August“. Roman. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015. 22,99 €
Sergej Lebedew: „Menschen im August“. Roman. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015. 22,99 € Bild: S. Fischer

In Lebedews nächstem Roman soll es unter anderem um Julius Schweikert gehen, einen Mediziner aus Wittenberg, der als Hofarzt die Homöopathie nach Russland brachte. Der Autor stammt väterlicherseits von ihm ab. Während er davon erzählt, trinken wir sein Lieblingsbier. Ein russisches Produkt, dessen moderaten Alkoholgehalt von 4,3% das Etikett in kyrillischen Buchstaben ausweist. Der Slogan aber steht in deutscher Kursivschrift: Geschmack auf dem Gipfel der Perfektion. Echtes weißes Bier.

Als Lebedew ein paar Wochen später zur Buchmesse nach Deutschland kommt, übernachtet er auf der Durchreise bei uns in Berlin, in einem Viertel mit zwei Hauptstraßen. Die eine ist nach einer Brauerei benannt, die andere nach Schweikerts berühmtem Kollegen Christoph Wilhelm Hufeland. Lededew ist elektrisiert. Wieder hat die Vergangenheit ihn gewittert. Und er sie.

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Der Autor

Per Leo, geboren 1972, ist Schriftsteller und Historiker. Sein Roman „Flut und Boden“ stand 2014 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Quelle: F.A.Z.
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