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Automatische Gesichtserkennung

Es gibt keine privaten Bilder mehr

Von Jan von Brevern
 - 22:11
Echtzeit-Demonstration eines Algorithmus zur Gesichtserkennung in Menschenmengen auf der diesjährigen Consumer Electronics Show in Las Vegas

Vor etwas mehr als dreißig Jahren erschien ein Artikel in der amerikanischen Zeitschrift „October“, der die Fotografiegeschichte neu ordnen sollte. In „The Body and the Archive“ beschrieb Allan Sekula die Fotografie als ein Medium, das bei seiner öffentlichen Präsentation im Jahr 1839 sogleich Phantasien über neue Möglichkeiten der Polizeiarbeit, der Identifikation und Überwachung auslöste. Doch Erwartungen und reale Möglichkeiten fielen weit auseinander. Besonders deutlich wurde das am Porträt, das, zuerst in Frankreich, schon um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eingesetzt wurde, um Kriminelle zu identifizieren. Das erwies sich als sehr viel komplizierter, als man zunächst angenommen hatte: Wie sollte man in den bald riesigen Sammlungen von polizeilich erstellten Fotos dasjenige finden, mit dem sich ein unter verschiedenen Identitäten auftretender Verbrecher eindeutig bestimmen ließ? Zumal sich zwei verschiedene Fotografien derselben Person oftmals kaum ähnelten.

Es war die vielleicht überraschendste und theoriegeschichtlich folgenreichste Einsicht Sekulas, dass die Fotografie für sich genommen gar nicht in der Lage sei, Referenz zu erzeugen. Erst ihre Einbindung in ein durchorganisiertes Archiv mit seinen Ordnungssystemen, Querverweisen und Kombinationsmöglichkeiten machte sie zu einem Instrument für die Identifikation von Personen. Für Sekula war es daher nicht das einzelne fotografische Bild, das Ähnlichkeit herstellte, sondern ein Möbelstück: der Archivschrank. Hier deutete sich ein völlig anderes Konzept des Porträts an als das von der Kunstgeschichte bis heute favorisierte – kein repräsentatives Einzelbild, das ein vermeintlich einheitliches, autonomes Individuum darstellt, sondern eine Masse von an sich kaum aussagekräftigen Bildern, deren Wert sich daran erweist, ob die in ihnen enthaltenen Informationen ausgelesen und mit anderen Daten verknüpft werden können.

Verheißungsvoll und bedrohlich

Roland Meyers äußerst lesenswertes Buch über die „Bildgeschichte der Identifizierbarkeit“ knüpft an diesen Punkt an. Es ist eine historische Studie, die kenntnisreich und anschaulich von den mühsamen Versuchen seit dem achtzehnten Jahrhundert erzählt, Porträts operabel zu machen: von Johann Caspar Lavaters „Physiognomischen Fragmenten“ über Cesare Lombrosos Kriminalanthropologie bis zu Alphonse Bertillons „anthropometrischem Signalement“ gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, von der verpflichtenden Einführung von Lichtbildern in Pässen im frühen zwanzigsten Jahrhundert bis zur Rasterfahndung. Die Studie des Kunst- und Medienwissenschaftlers hat aber auch den Anspruch, dem gegenwärtigen Schicksal des Porträts nachzuspüren, die Allgegenwärtigkeit dieser Gattung und ihre Wirkmächtigkeit in Zeiten von Social Media und flächendeckender Gesichtserkennung zu verstehen.

Eine zentrale These lautet, dass sich die Versprechen der analogen Fotografie, die seit dem neunzehnten Jahrhundert bestanden, erst unter den digitalen Bedingungen der Gegenwart zu verwirklichen beginnen. Das bedeutet allerdings auch, dass sich in der Fotografie, die von Anfang an zugleich ein verheißungsvolles und ein bedrohliches Medium war, die sozial konstitutiven und die repressiven Aspekte immer stärker gegenseitig bedingen.

Wer heute ein Foto von sich oder seinen Freunden schießt, speist es fast automatisch in eine gigantische digitale Infrastruktur ein. Kaum eines der mit dem Smartphone aufgenommenen „privaten“ Bilder wird nicht mit anderen Bildern und Daten – GPS, Adressbuch, Facebook-Profil – verknüpft. Weil das Gesicht dabei Meyer zufolge „zu einer Art Anker zwischen der analogen und der digitalen Welt geworden“ ist, spielt die Gesichtserkennung eine so zentrale Rolle. Die Big-Data-Algorithmen der geheimdienstlichen und kommerziellen Datenbanken versuchen längst, aus den Korrelationen von Bildern, Bewegungsprofilen, Kontakten, E-Mails, Buchungsdaten und Kreditkartenabrechnungen Muster zu errechnen, aus denen sich unsere zukünftigen Absichten und Handlungen ableiten lassen.

„Komplizen des Erkennungsdienstes“

Wir sind, so hat auch Andreas Bernard unlängst argumentiert, zu „Komplizen des Erkennungsdienstes“ geworden. Bereitwillig erstellen wir Profile unserer selbst, ohne wirklich abschätzen zu können, wie diese verwendet und welche Informationen aus ihnen gezogen werden. Wir erzeugen damit Identitäten, von denen wir selbst wenig wissen.

Aus den Archivschränken – so könnte man die historische Entwicklung kurz beschreiben – sind Datenbanken geworden. Damit aber ist, so Meyer, nicht nur ein quantitativer Wandel, sondern ein veritabler „Maßstabssprung“ verbunden. Es ist ein Verdienst des Autors, die historischen Kontinuitäten herauszuarbeiten, insofern sie heutige Phänomene verständlich machen, immer wieder aber auch auf Brüche hinzuweisen. Bertillons System der Identifizierung von Verbrechern mag ein „Vorläufer“ der automatisierten Gesichtserkennung- und -auswertung gewesen sein – doch was genau ist damit gesagt? Schließlich sind die Gefahren, aber auch die Möglichkeiten, die sich aus den gegenwärtigen Identifikationssystemen ergeben, mit denen des neunzehnten Jahrhunderts überhaupt nicht mehr vergleichbar.

Den Begriff der „operativen“ Bilder hat sich Meyer von Harun Farocki geborgt. Der 2014 verstorbene Filmemacher hat sich in zahlreichen Essayfilmen mit Bildern beschäftigt, welche Prozesse steuern können und die immer häufiger von Maschinen für Maschinen gemacht werden – Industrieroboter, automatisierte Grenzkontrollen und militärische Drohnen – , also nicht mehr auf menschliche Betrachter angewiesen sind. Damit ist ein neuer, technischer Bildtypus bezeichnet, der unsere Gegenwart auf fundamentale Weise prägt. Für die Gesichtsbilder zeigt Meyer nun eindrücklich, dass sich die bis weit ins zwanzigste Jahrhundert bestehende kategoriale Trennung zwischen „repräsentativen“ und „operativen“ Porträts, zwischen Bildern als Darstellung und als Informationsträger, ja selbst zwischen menschlichem und maschinellem Sehen nicht mehr aufrechterhalten lässt.

Während früher gemalte Porträts, Familienalben oder Schnappschüsse von Freunden in Sphären zirkulierten, die von erkennungsdienstlichen Bildern und Überwachungsaufnahmen streng getrennt waren, so zirkulieren heute „beinahe alle technischen Bilder in derselben medialen Infrastruktur“. Es ist diese Überschneidung der Sphären, die die gegenwärtigen Verfahren der Gesichtserkennung so mächtig werden lässt.

Die Gattung Porträt stellte nie nur Gesichter und Personen dar, sie bestimmte immer auch, wie Gesichter angesehen wurden, wer darstellungswürdig war und was Individualität ausmachte. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, die sich – vor allem an das künstlerische – Porträt knüpften. Die akademische Kunstgeschichte hat an der Mystifizierung des Porträts als Instrument der tiefenpsychologischen Durchdringung autonomer Subjekte kräftig mitgewirkt, und etwas hilflos haben Kunsthistoriker bisweilen versucht, den hier „operativ“ genannten Bildern den Porträtstatus einfach abzusprechen.

Tatsächlich sind die Erwartungen, die an das einzelne Smartphone-Selfie, das Instagram-Porträt oder die verpixelte Überwachungsaufnahme gestellt werden, in dieser Hinsicht viel niedriger: Kaum jemand dürfte sich davon Aufschlüsse über die „ganze“ Person oder den „Charakter“ eines Individuums erhoffen. Als Stücke eines unüberschaubaren Puzzles aus Bildern und Daten aber entfalten diese Gesichtsbilder eine soziale Wirkung, die sich kaum noch mit derjenigen des klassischen Porträts vergleichen lässt. Wie es dazu kam, erfährt man bei der Lektüre von Roland Meyers wichtiger Studie.

Roland Meyer: „Operative Porträts“. Eine Bildgeschichte der Identifizierbarkeit von Lavater bis Facebook. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 468 S., Abb., geb., 39,– .

Quelle: F.A.Z.
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