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Architektur

Ein sachlicher Blick auf die Welt

Von Matthias Alexander
Aktualisiert am 17.02.2020
 - 19:51
Zur rechten Zeit am rechten Ort, um den sozialen Wohnungsbau neu zu definieren: Margarete Lihotzky, gezeichnet von Lino Salini , 1927.
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Sie stehen für eine Reformarchitektur, die die Gemeinschaft im Blick hatte: Margarete Schütte-Lihotzky und Wilhelm Schütte. Wer Lesestoff von und über die beiden sucht, findet hier eine Auswahl.

Margarete Schütte-Lihotzky ist längst zur Identifikationsfigur unter den deutschsprachigen Architektinnen geworden. Die Verehrung kommt nicht von ungefähr. Was für eine faszinierende Frau: begabt, lebenslustig, mutig, selbstbewusst, weltläufig, engagiert. In vielerlei Hinsicht hat Schütte-Lihotzky den modernen neuen Menschen verkörpert, der den Reformbewegten der zwanziger Jahre als Idealbild vor Augen stand.

Die 1897 in Wien geborene Tochter aus bürgerlichem Haus war mehrfach zur rechten Zeit an dem Ort, an dem Wegweisendes gestaltet wurde: Sie hat nach dem Ersten Weltkrieg als gerade examinierte Architektin gemeinsam mit Großen ihrer Zunft in ihrer Heimatstadt den sozialen Wohnungsbau neu definiert, hat für das Neue Frankfurt unter Ernst May den seriellen Hausbau vorangetrieben und anschließend von 1930 an sieben Jahre lang in der Sowjetunion am Aufbauversuch einer sozialistischen Gesellschaft mitgearbeitet. Nie stand sie dabei in der ersten Reihe, immer war sie aber mehr als eine Randfigur. Dass von ihr keine bedeutenden Gebäude überliefert sind, ist auch auf ihr Selbstverständnis zurückzuführen. Es ging ihr darum, im Team preiswerte Standardlösungen zu finden.

Etwa die Ruhm bringende Frankfurter Küche

Als Widerstandskämpferin gegen die Nazis hat Schütte-Lihotzky vier Jahre lang im Gefängnis gesessen. In der Nachkriegszeit als Architektin in Wien auch wegen ihrer kommunistischen Parteizugehörigkeit unterbeschäftigt, wurde sie zu einer wichtigen Figur in der österreichischen Frauen- und Friedensbewegung. Als sich die innenpolitischen Fronten mit dem Ende des Ost-West-Konflikts zu lockern begannen, genoss sie in hohem Alter schließlich doch noch eine Art Nachruhm zu Lebzeiten, gekrönt von der großen Ausstellung, die das Wiener Museum für angewandte Kunst 1993 ihrem Werk widmete. Nach ihrem Tod im Alter von 102 Jahren bekam sie ein Ehrengrab in ihrer Heimatstadt.

Von dieser Jahrhundertfrau müsste doch interessant zu erzählen sein, denkt man sich. Und es ist auch nicht so, dass sich die reich bebilderte und ansprechend gestaltete Biographie der Publizistin Mona Horncastle langweilig läse. Die wichtigsten Lebensstationen werden zuverlässig abgeschritten. Kleinere Fehler – der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann war kein liberaler Sozialdemokrat, sondern ein Liberaler mit sozialer Ader, und die Frankfurter Altstadt ist im Ersten Weltkrieg keineswegs stark zerstört worden – fallen kaum ins Gewicht.

Gravierender ist ein anderes Manko: Schütte-Lihotzky wird als Person nicht recht lebendig. Was offenkundig auch mit dem Bild zu tun hat, das die Architektin in ihren autobiographischen Schriften und in den übrigen Selbstzeugnissen von der eigenen Person entworfen hat. Die Lektüre ihrer Erinnerungen an Jugend, Studium und berufliche Anfänge bis zum Jahr 1930, die unter dem Titel „Warum ich Architektin wurde“ erschienen sind, zeugt von einem sehr sachlichen Blick auf die Welt. Diese Frau formuliert, wie sie entwirft: schnörkellos. Berichtenswert sind für Schütte-Lihotzky Begegnungen mit bedeutenden Architekten, die sie beeinflusst haben, und die detaillierte Schilderung der eigenen Arbeit, darunter auch die systematische Art und Weise, mit der sie etwa die Ruhm bringende Frankfurter Küche als Vorläuferin der Einbauküche entworfen hat.

Das ist durchaus anschaulich und kurzweilig geschrieben, die Werbung für den Beruf der Architektin fällt auch für den heutigen Leser eindringlich aus. Von Gefühlen, von Sorgen und Glücksmomenten ist jedoch an keiner Stelle die Rede, ihr Mann Wilhelm Schütte, den sie 1926 in Frankfurt kennengelernt hat, wird von Lihotzky nicht einmal erwähnt.

Lihotzky folgt auf ihrem Lebensweg über alle äußeren Umschwünge hinweg den einmal gefassten Überzeugungen. Diese ebenso faszinierende wie irritierende Eigenschaft zeichnet sich früh ab. Obwohl sie eine der ersten Architekturstudentinnen in Österreich gewesen ist, gelang ihr der Aufbruch in die Emanzipation bemerkenswert entspannt. Der Vater traute ihr das Studium ohne weiteres zu. Und was ihr Verhältnis zu ihren naturgemäß durchweg männlichen Lehrern anging, hat sie sich nie beklagt, nicht ernst genommen worden zu sein. Ihre Professoren und später ihre Vorgesetzten gaben ihr stets eine Chance. Sie näherte sich ihnen ganz unverkrampft: zur Bewunderung fähig, aber nicht zur Verehrung neigend.

Stellt sich die Frage, ob alles wirklich so einfach und kameradschaftlich ablief. Dass Schütte-Lihotzky gelegentlich dazu neigte, Zurücksetzungen nicht wahrzunehmen, lässt sich an einer Kleinigkeit feststellen. Als sie 1930 gemeinsam mit ihrem Mann in die Sowjetunion ging, erhielt sie laut Dokumenten ein deutlich geringeres Gehalt als er. Sie selbst behauptete aber, das Gleiche verdient zu haben. Immer wieder zeigte sich Schütte-Lihotzkys Überzeugungstreue: In der Sowjetunion muss das Ehepaar Schütte etwas mitbekommen haben von den Säuberungen Stalins, die 1936 einsetzten und sich nicht zuletzt gegen die vielen deutschen Exilanten richteten. Für manche neusachlichen Architekten, die aus Frankfurt und vom Bauhaus in Dessau in die Sowjetunion gekommen waren, endete das Abenteuer vor dem Erschießungskommando oder im GULag. Andere hatten wegen der deprimierenden Lebensumstände früh aufgegeben. Das Ehepaar Schütte, das unbehelligt blieb und 1937 offenbar vor allem deshalb ausreiste, weil die Pässe abgelaufen waren, hat sich in seinem Glauben an die kommunistische Sache nicht erschüttern lassen.

Geradezu tollkühn nahm Schütte-Lihotzky ihre Tätigkeit im Widerstand gegen die Nationalsozialisten auf. Aus Istanbul, wo sie und ihr Mann eine Anstellung an der Kunstakademie gefunden haben, reiste sie Ende 1940 nach Wien, um für die Kommunistische Partei Österreichs Kurierdienste zu übernehmen. Sie flog, ungeschickt agierend, bald auf und konnte von Glück sagen, dass sie nicht zum Tode verurteilt wurde. Es stellen sich angesichts der Opferbereitschaft Schütte-Lihotzkys, die sie selbst nie in Zweifel gezogen hat, schwierige, gleichwohl zulässige Fragen: War es das Risiko wert? Und wie mag Wilhelm Schütte über das Verhalten seiner Frau gedacht haben?

Mögliche Antworten bleiben Spekulation. Briefe Schütte-Lihotzkys aus der Haft an die Schwester und an ihren Mann dokumentiert Horncastle ausgiebig, der Erkenntniswert bleibt aber gering. Schütte-Lihotzky wusste, dass die nationalsozialistischen Zensoren mitlasen. Vielleicht wird man klarer sehen, wenn demnächst der gesamte Briefwechsel der Eheleute in einer kommentierten Ausgabe erscheinen wird. Die Ehe war nach der Haft jedenfalls irreparabel beschädigt, 1951 kam es zur Trennung des Paares, das beruflich aber weiter miteinander verbunden blieb.

Geteiltes Schicksal

Die Jahre im Gefängnis und die dort erfahrene Solidarität zwischen den inhaftierten Kommunistinnen erklären vermutlich auch, warum Schütte-Lihotzky für den Rest ihres langen Lebens der KPÖ die Treue hielt. Mit erheblicher konspirativer Energie hat sie im Jahr 1956 während einer Studienreise österreichischer Intellektueller nach China den dortigen Machthabern und später der KPÖ Auskunft über den Charakter und die politische Einstellung ihrer Mitreisenden gegeben.

Horncastle ist hoch anzurechnen, dass sie sich der Lihotzky-Hagiographie, die sich inzwischen breitmacht, verweigert. Ihrer Lebensbeschreibung hätte gleichwohl eine größere Tiefenschärfe in der Darstellung der politischen Umstände, in denen Schütte-Lihotzky lebte und agierte, gutgetan. Auch die architekturhistorische Einbettung ihres Werks hätte ausführlicher ausfallen dürfen.

Für eine Biographie Wilhelm Schüttes werden derzeit erst die Grundlagen geschaffen. Aus Anlass seines fünfzigsten Todestags hat die Österreichische Gesellschaft für Architektur einen reich illustrierten Aufsatzband herausgebracht. Der Werdegang des 1900 geborenen Schütte wird in allen Facetten ausgeleuchtet. Im Reformschulbau war er als praktischer Architekt, vor allem aber als Theoretiker von internationalem Rang in Frankfurt, in Moskau, Istanbul und Wien tätig. Dem Menschen Schütte nahezukommen bleibt dem Nachruf von Fritz Weber von 1968 vorbehalten, der in dem Band nachgedruckt wird. Demnach scheint Schütte geradezu ideal zu seiner Frau gepasst zu haben: prinzipienfest, mit sozialem Gewissen, teamfähig. Nur ihr Charme ging ihm ab, der Mann aus dem Ruhrgebiet tat sich zunächst schwer, mit seiner deutsch-direkten, undiplomatischen Art in Wien, wohin er seiner Frau gefolgt war, heimisch zu werden.

Er teilte ihr Schicksal, nach dem Krieg wenig bauen zu dürfen, und verbrachte seine Zeit nicht zuletzt mit Publizieren und damit, die Wiederaufnahme österreichischer Architekten in internationale Standesorganisationen vorzubereiten. Die Beteiligung an Entwürfen für das Hochhaus des Globus-Verlags der KPÖ in Wien und für Gedenkstätten für Verfolgte des Nazi-Regimes stellen kleine Höhepunkte seiner späten Jahre dar. Einmal noch kann er seine Schulbau-Ideen in der Freiluftschule Floridsdorf verwirklichen.

Bleibt die Frage, wie sich das anhaltende Interesse an Schütte-Lihotzky und die aufkeimende Beschäftigung mit Schüttes Werk erklären lassen. Eine wichtige Rolle dürfte spielen, dass beide einen Architektentypus verkörpern, der selten geworden ist in einer Zeit, die von egomanischen Stararchitekten auf der einen und anonymen Lieferanten renditeorientierter Investorenarchitektur auf der anderen Seite dominiert wird. Die Schüttes waren angetrieben vom Idealismus, die Lebensbedingungen der einfachen Leute zu verbessern. Der Gemeinschaftsgedanke spielte für sie eine große Rolle, unter den Planern wie mit Blick auf die Nutzer der Gebäude: Diese kollektivistische Vorstellung ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was derzeit Konjunktur hat, und genau das, wonach sich mancher sehnt.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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