Buchpreis-Longlist

Wohlig unentschieden

Von Andreas Platthaus
24.08.2021
, 10:36
Die Jury des Deutschen Buchpreises 2021, von links nach rechts: Sandra Kegel, Anja Johannsen, Beate Scherzer, Anne-Catherine Simon, Richard Kämmerlings, Bettina Fischer und Knut Cordsen
Die Longlist des Deutschen Buchpreises verzichtet auf ein markantes Profil. Alles schön ausgeglichen, allerdings stellen große Verlage die Mehrzahl der nominierten Romane. Was auffällt, sind eher die fehlenden als die vertretenen Bücher.
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Vom Quartett der deutschsprachigen Erfolgsautorinnen, die nach jahrelanger Pause in diesem Herbst endlich wieder einen Roman vorlegen – Eva Menasse, Jenny Erpenbeck, Sasha Marianna Salzmann und Julia Franck – ist nur eine noch im Rennen um den Deutschen Buchpreis, die jüngste und bislang am wenigsten prominenteste: Salzmann mit „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Franck wird ihre Aussonderung verkraften, sie hat den Buchpreis 2007 mit „Die Mittagsfrau“ gewonnen. Aber Menasse und Erpenbeck haben so etwas wie den Buchpreisfluch auf sich geladen. Egal, wie sehr ihre Bücher gepriesen und gekauft werden, sie bekommen den Preis nicht. In diesem Jahr nicht einmal einen Platz auf der an diesem Dienstagmorgen bekanntgegebenen zwanzig Titel zählenden Longlist.

Aber darauf hat es auch Judith Hermann mit ihrem schon im Frühling erschienenen vielgelobten und vielgekauften Roman „Daheim“ nicht geschafft. Zurückhaltung gegenüber den Bestsellerlisten kann man der Jury jedoch nicht pauschal unterstellen, denn der schon überall gefeierte und ebenfalls exzellent verkaufte Roman „Eurotrash“ von Christian Kracht ist ebenso vertreten wie Mithu Sanyals „Identitti“ oder Monika Helfers „Vati“. Nicht berücksichtigt dagegen ist der ambitionierte, fast tausendseitige Roman „Matou“ von Helfers Ehemann Michael Köhlmeier, der sich allmählich in die Rolle der weniger bekannten Hälfte des österreichischen Schriftstellerpaars wird schicken müssen.

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Bücher von Gewicht

Aber das Fehlen von „Matou“ auf der Longlist ist wiederum auch kein Beleg für etwaige Jury-Scheu vor gewichtigen Büchern, denn mit „Gentzen oder Betrunken aufräumen“ von Dietmar Dath ist nicht nur ein Sechshundertseitenroman noch im Rennen, sondern auch ein hochanspruchsvolles Thema: Leben und Rezeption des deutschen Logikers Gerhard Gentzen, der 1945 jung als Kriegsgefangener in einem tschechischen Gefängnis starb. Auch Franzobels Historienroman „Die Eroberung Amerikas“ erreicht fast 550 Seiten. Aber mit Dilek Güngörs „Vater und ich“ oder Georges-Arthur Goldschmidts „Der versperrte Weg“ sind zwei Romane vertreten, die kaum mehr als hundert Seiten erreichen. Beide bieten dennoch tiefgreifende Analysen verwandtschaftlicher Sprachlosigkeit. Zusammen mit Helfers „Vati“ und Henning Ahrens’ „Mitgift“ sind das immerhin vier klassische Familienromane unter den Nominierten.

Gibt es aber sonst gar keinen klaren Trend? Alles ist wohlig ausgewogen-unentschieden: elf Titel aus dem ersten Halbjahr, neun aus dem zweiten. Und auch elf Männer sind diesmal nominiert, also eine knappe Mehrheit, aber die ewige Auszählung nach Geschlechtsdualität ist ja eh ermüdend – und auch müßig, nachdem mit Salzmann diesmal eine Autorin dabei ist, die sich selbst für divers erklärt. Dass mit Shida Bazyars „Drei Kameradinnen“ neben Sanyals bereits erwähntem Roman ein weiteres Aushängeschild avancierter Identitätsliteratur auf der Liste steht, darf man wahlweise als Kompensation oder Kapitulation nach jenem Sturm im Wasserglas verstehen, der sich vor einem halben Jahr nach Bekanntgabe der Shortlist zum Leipziger Buchpreis regte. Aber Sharon Dodua Otoos damals vehement eingeforderter Roman „Adas Raum“ hat es auch in Frankfurt nicht geschafft.

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Das Jahr der etablierten Verlage

Interessanter ist da schon das erdrückende Übergewicht in der Frankfurter Liste von so etablierten Verlagen wie Suhrkamp (außer mit Salzmann auch noch mit Thomas Kunsts „Zandschower Klinken“), Fischer (gleich drei Nominierungen mit Felicitas Hoppes „Die Nibelungen“, „Blaue Frau“ von Antje Rávic Strubel und „Mein Lieblingstier heißt Winter“ von Ferdinand Schmalz), Hanser (auch dreimal: neben Helfer und Sanyal noch Norbert Gstreins „Der zweite Jakob“), Kiepenheuer & Witsch (Kracht, Bazyar) und Rowohlt (Heinz Strunks „Es ist immer so schön mir dir“ und Yulia Marfutovas „Der Himmel vor hundert Jahren“). Penguin ist dagegen nur mit Dana Gricorceas Vampir-Farce „Die nicht sterben“ vertreten, was angesichts der ebenfalls dort erschienenen Romane von Erpenbeck oder Matthias Jügler („Die Verlassenen“) einigermaßen grotesk wirkt.

Von den sonst regelmäßig berücksichtigten kleineren Häusern ist diesmal nur Matthes & Seitz (immerhin letztjähriger Gewinner mit Anne Webers „Anette, ein Heldinnenepos“ und auch schon 2015 mit Frank Witzel) durch Daths Buch berücksichtigt worden, während der bisherige Dauerfinalist Jung und Jung (2012 sogar Sieger mit Ursula Krechels „Landgericht“) genauso leer ausgeht wie die Frankfurter Verlagsanstalt (2016 erfolgreich mit Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“). Einzige faustdicke Überraschung ist die Nominierung von Peter Karoshis Novelle „Zu den Elefanten“, die bei Leykam herausgekommen ist. Diesen österreichischen Verlag dürften die wenigsten kennen, obwohl er bereits seit 1585 existiert.

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Ein Altmeister als Favorit

Als einen Favoriten muss man schließlich Gerd Loschütz ansehen, der sich im zweiten Sommer seiner Schriftstellerkarriere anschickt, endlich den großen Durchbruch zu schaffen: Sein autobiographisch motivierter Roman „Besichtigung eines Unglücks“ setzt thematisch und formal aufs Erfolgsrezept seines Comebacks „Ein schönes Paar“ von 2018, das es damals auch auf die Longlist schaffte. Diesmal sollte mehr drin sein.

Mit der aktuellen Auswahl kann man leben und lesen, sie tut keinem weh (außer den genannten Ausgesparten) und vielen wohl. Der in vier Wochen anstehenden Shortlist von dann noch sechs Titeln wäre eine Zuspitzung aufs literarisch Anspruchsvolle zu wünschen, um das Profil des Deutschen Buchpreises zu schärfen. Verliehen wird er am 18. Oktober im Kaisersaal des Frankfurter Römers, zum Auftakt der Buchmessewoche – von der derzeit niemand weiß, wie sie aussehen wird. Nur eines ist schon klar: So die Messe stattfinden kann, wird es pandemiebedingt deutlich weniger Besucher geben. Da wäre ein durch Qualität aufmerksamkeitsheischender Buchpreisgewinner mehr als nur erfreulich. Er wäre nötig.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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