Was will die Romantik?

Die Empfindung als Wille und Werbetext

Von Daniel Kehlmann
27.09.2021
, 17:27
Spricht da Goethe als Spießer? Erste Schülergruppen üben eine Annäherung an die Romantik.
Ist das Empfinden ebenso eine erlernte Kulturtechnik wie das Denken? Ein Dramolett für das neue Romantik-Museum in Frankfurt.
ANZEIGE

Enthusiast: Ohne die Romantik wären wir nicht, was wir sind!

Skeptiker: Selbst wenn das stimmen sollte und nicht nur ein Werbeslogan wäre, spricht das für die Romantik? Es stimmt übrigens auch nicht.

Enthusiast: O doch. Der Weg des menschlichen Geistes führt zu immer größerer Vollständigkeit. Die Zeit vor der Romantik liegt jenseits des Berggrades, auf der anderen Seite der großen Wasserscheide, in einem anderen Land, in das wir nicht zurückkönnen, wir sind seither reicher geworden, widersprüchlicher.

ANZEIGE

Skeptiker: Ich habe dieses Land nie verlassen.

Enthusiast: Doch, das haben Sie, auch Sie. Auch wer die Romantik ablehnt, ist durch die Romantik geprägt. Das Empfinden ist ebenso eine erlernte Kulturtechnik wie Denken. Seit der Romantik empfinden wir anders.

Skeptiker: „Wir . . . ?“

Enthusiast: Deutsche, Engländer, Franzosen. Spanier. Italiener. Wir Europäer. Bitte jetzt nicht die antikolonialistische Perspektive, die hat damit wirklich nichts zu tun! Reden wir doch über Inhalte!

Skeptiker: Ach, Inhalte. Gerne.

Enthusiast: Schlegel schreibt: „Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Sie will die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen. Sie kann auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln . . .“

Skeptiker: Das ist kein Inhalt, das ist Werbetext. „Das Leben und die Gesellschaft poetisch machen” – was heißt denn das? Heißt das nicht nur, dass die Romantik die erste geistige Bewegung ist, die schon ihr eigenes Pressebüro unterhält? Wenn Sie Slogans wollen, wie wäre es dann mit diesem? „Das Klassische nenne ich das Gesunde, das Romantische ist das Kranke.“

Enthusiast: Das mussten Sie natürlich zitieren.

Skeptiker: Zunächst scheint Goethes Verdikt sehr hart, aber je länger man darüber nachdenkt, desto mehr findet man sich . . .

Enthusiast: Finden Sie sich, wollen Sie sagen!

Skeptiker: . ­. . finde ich mich bereit zuzustimmen. Die Abwendung von der Idee, dass die Welt sinnvoll geordnet sein soll. Die Ablehnung der Aufklärung, weil sie ja das Gefühl vergesse. Die Ahnungen, die Geisternacht, die Seelengründe. Überhaupt, der ganze unheilvolle Kult der Tiefe. Jemand sagt einem etwas, das Hand und Fuß hat und gut durchdacht ist, und anstatt sich damit auseinanderzusetzen, wiegt man den Kopf und murmelt: Ja, das mag schon sein, aber ist solche Richtigkeit nicht . . . flach? Die grässliche deutsche Ablehnung von Logik und Konsistenz zugunsten von etwas, das man nicht einmal als Gegenposition zu formulieren bereit ist, denn könnte man es formulieren, es wäre ja schon selbst zu nahe bei Logik und Konsistenz und Zahlen und Figuren und entbehrte damit, natürlich, der Tiefe.

ANZEIGE

Enthusiast: Sind Sie fertig?

Skeptiker: Noch lange nicht.

Enthusiast: Erstens, in dem Satz vom Romantischen als dem Kranken spricht nicht Goethe der Kulturdenker, sondern da spricht Goethe der Spießer, der übrigens auch den Humor aus der Literatur verbannen wollte, mit dem Hinweis, Witze seien für Leute mit schlechtem Charakter. Zweitens, Sie haben ja mit vielem Recht. Aber –

Skeptiker: Aber nur auf oberflächliche Weise!

Enthusiast: Aber nur zur Hälfte, und ja, nur an der Oberfläche.

Skeptiker: Nicht in der Tiefe!

Die Ahnungen, die Geisternacht, die Seelengründe. Überhaupt, der ganze unheilvolle Kult der Tiefe: Schmeichelhafte Goethebüste mit wallendem Haupthaar.
Die Ahnungen, die Geisternacht, die Seelengründe. Überhaupt, der ganze unheilvolle Kult der Tiefe: Schmeichelhafte Goethebüste mit wallendem Haupthaar. Bild: Frank Röth

Enthusiast: Dass Sie den Einwand kommen sehen, macht ihn nicht falsch. Nehmen wir Goethe und Voltaire, zum Beispiel. Wenn wir sie heute lesen, tun wir das mit Liebe und mit Bewunderung. Mit Dankbarkeit. Aber egal wie entschlossen man zur Begeisterung ist über Voltaires vernunftfrommen Witz und Goethes marmorne Schönheit, ja sogar – da fehlt einem doch etwas bei ihnen, und das liegt daran, dass wir andere sind, als sie waren. Was wir sind, wie wir sind, das ist bei den Klassikern nicht mehr vollständig eingefangen. Der Mensch ist bei ihnen noch Herr im Haus. Darin liegt, geisteshistorisch gesehen, ihre Unwahrheit. Wir haben dazugelernt seither.

ANZEIGE

Skeptiker: Natürlich, durch Freud!

Enthusiast: Und Einstein. Der gekrümmte Raum und der Irrgarten der Lüste. Die Romantik begreift das, auch wenn sie es noch nicht aussprechen kann. Deshalb stammelt sie zuweilen.

Skeptiker: „Was von Menschen nicht bewusst oder nicht gedacht . . .“

Enthusiast: „. . . durch das Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht“. Ja, er war eben auch schon Romantiker. Deswegen gibt es Mephisto. Goethe hat den nächsten Schritt, der nötig war, der unvermeidlich war, den der menschliche Geist selbst verlangte, eben zum Teil schon selbst getan.

Skeptiker: Zur blauen Blume?

Enthusiast: Ich gebe gerne zu, dass die blaue Blume eine Leerformel für Deutschlehrer ist. Aber Hoffmanns Elixiere und Bergwerke? Schlemihl, der seinen Schatten sucht, und Gotthelfs Schwarze Spinne, dieses lebende Krebsgeschwür der Angst, und Schopenhauers Wille, dessen Selbsterkenntnis die Welt hervorbringt, und die Shakespeare-Übersetzung von Schlegel, Tieck und Baudissin? Und Hölderlin, der . . .

Skeptiker: . . . dem Vaterland verspricht, dass ihm nicht einer zu viel gestorben ist! Der ganze ekelhafte Nationenunsinn, dort beginnt er, bei Ihren hochgestimmten keuschen Jünglingen! Alles Männer übrigens, die auch noch durchgängig Antisemiten waren.

ANZEIGE

Enthusiast: Rahel Varnhagen war eine Frau und eine Jüdin!

Skeptiker: Und musste einen gut versteckten Platz in den Fußnoten der Literaturgeschichten einnehmen und wäre da immer noch, hätte Hannah Arendt sie nicht gerettet.

Enthusiast: Auch Eichendorff war kein Antisemit.

Skeptiker: Oh, das ändert alles.

Enthusiast: Und Heine, natürlich.

Skeptiker: Der sehr wenig von der Romantik hielt.

Enthusiast: Und doch zu ihr gehörte.

Skeptiker: Ich würde behaupten, dass Heine geradewegs von Voltaire herkommt und in der deutschen Literatur ein Fremder geblieben ist, ganz und gar. Weswegen es folgerichtig war, dass er in Paris gelebt hat.

Da war der Mensch noch Herr im Haus: Galerie der Romantiker im neuen Museum.
Da war der Mensch noch Herr im Haus: Galerie der Romantiker im neuen Museum. Bild: Frank Röth

Enthusiast: Im „Buch der Lieder“ wachsen ganze Wiesen voll blauer Blumen.

Skeptiker: Geschenkt. Ich schenke Ihnen das „Buch der Lieder“. Wenn Sie mir wiederum einräumen wollen, dass die ungesunde Mischung aus Griechenverehrung, Katholizismus, erotischer Prüderie und Hurrapatriotismus, die die Romantik ausmacht . . .

Enthusiast: Gerne! Das ist alles sehr problematisch! Aber wo Revolutionen geschehen, geht es nun mal nicht gemessen und auch nicht vernünftig zu. Die Romantik war eben kein Sonntagsausflug, sondern eine geistige Revolution!

Skeptiker: Das bedeutet nicht, dass sie recht hatte.

Enthusiast: Revolutionen müssen nicht recht haben. Revolutionen sind Tatsachen, und wer nachher kommt, hat sich mit der neuen Welt abzufinden.

Skeptiker: Sich abfinden ist Privatsache. Das können Sie mir nicht vorschreiben. Ich finde mich nicht ab. Ich bleibe bei Goethe.

Enthusiast: Und Ihr Flaubert und Fontane und Dickens?

Skeptiker: Das ist doch was ganz anderes!

Enthusiast: Glauben Sie im Ernst, die psychologischen Romane, die Sie immer loben, gäbe es ohne die Gefühlsumwälzungen der Romantik? Selbst ihr Spott ist ein romantischer. Denken Sie, dass es Proust gäbe ohne Chateaubriand und seine Naturschilderungen? Denken Sie wirklich, es gäbe Balzac und Zola? Und von der romantischen Musik haben wir noch gar nicht gesprochen. Natürlich lieben wir Bach, aber würden wir Schubert aufgeben wollen? Schumann? Beethoven?

Skeptiker: Das wäre jetzt wahrscheinlich der Moment, wo wir uns einigen sollten und das Gespräch auf einer Note spöttischer Übereinstimmung beenden. So macht man das doch, oder? Wenn man bei einer Eröffnungsveranstaltung auftritt.

Enthusiast: Aber Sie möchten sich nicht einigen.

Skeptiker: Haben Sie nicht gesagt, dass wir widersprüchlich sind und dass das gut so ist?

Enthusiast: Wer auf verlorenem Posten steht, lehnt gern die Einigung ab. Wer bei der siegreichen Armee marschiert, so wie ich . . .

Skeptiker: Bitte keine Militärmetaphern!

Enthusiast: . . . dem ist an Freundschaft und Frieden gelegen. Wollen wir wenigstens zusammen durch die Ausstellung gehen? Da gibt es einen Brief von Wackenroder über seine Harzreise mit seinem Freund Tieck.

Skeptiker: So gut waren die gar nicht befreundet.

Enthusiast: Schlegels Entwurf zum „Kreis der Poesie“ und seine „Wiener Vorlesungen“.

Skeptiker: Das wird ja immer reaktionärer.

Enthusiast: Und natürlich viel Goethe.

Skeptiker: Natürlich. Und ganz bestimmt viele Landschaftsbilder mit dunklem deutschem Wald und hohem deutschem Berg und verschatteten deutschen Höhlen?

Enthusiast: Aber gewiss.

Skeptiker: Na gut, aber machen wir schnell.

Enthusiast (zum Publikum): Vielen Dank fürs Zuhören! Und viel Vergnügen beim Pflücken.

Skeptiker: Pflücken?

Enthusiast: Von blauen Blumen.

Skeptiker: Treiben Sie’s nicht zu weit!

Enthusiast (zu den Zuschauern): Vielen Dank! Und viel Vergnügen!

(Beide verbeugen sich.)

Daniel Kehlmann schrieb das Dramolett für das neue Deutsche Romantik-Museum.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE