Marcel Reich-Ranicki zum 100.

Der Redakteur für Literatur

Von Jochen Hieber
Aktualisiert am 02.06.2020
 - 14:41
Marcel Reich-Ranicki im November 1988, kurz vor dem Ende seiner Zeit als Literaturchef der F.A.Z.
Inspirierend, motivierend, voll Witz und Humor und empathisch: Reminiszenzen, Marcel Reich-Ranicki betreffend.

Zum hundertsten Geburtstag des großen Robert Musil veröffentlichte Marcel Reich-Ranicki am 6. November 1980 bloß eine kleine Glosse. Sie kam einem postumen Verriss gleich. Musils Hauptwerk, das Fragment gebliebene Romanuniversum „Der Mann ohne Eigenschaften“, umfasse zwar 2172 Seiten, sei aber gerade deshalb ein „ungenießbares Buch“. Also müsse ein „Reader’s Digest“ von „vierhundert bis höchstens sechshundert Seiten“ her. Nur so ließe sich der Roman retten. Aufschrei und Entsetzen in der Literaturszene. Ihn amüsierte das: Provokation geglückt. Er telefonierte, telegraphierte, diktierte Briefe an Mitarbeiter und präsentierte einen guten Monat später auf zwei vollen Seiten der Wochenendbeilage „Bilder und Zeiten“ neun substantielle Beiträge zu Musil und dem Roman. Wer hatte je mehr Aufmerksamkeit für den „Mann ohne Eigenschaften“ geweckt?

Lange Zeit, von 1983 bis 1998, war es die reine Freude, mit Reich-Ranicki arbeiten zu dürfen. Er sei, hatte man mich gewarnt, aufbrausend, ja cholerisch, dulde keinen Widerspruch, beute zumal die Jungredakteure gnadenlos aus. Das Gegenteil traf zu. Er war inspirierend, motivierend, voll Witz und Humor und ja: empathisch. Selbstverständlich erwartete er Gegenmeinungen und förderte, wie und wo er nur konnte, also auch, indem er forderte. Unser erstes Treffen, 1982 in einem Westend-Lokal, hielt sich nur kurz mit examinierenden Fragen auf – „Wer ist der größte deutsche Dramatiker und warum?“ – und ging rasch in eine Debatte um zwei österreichische Autoren über: Peter Handke und – Musil. Gegen 22 Uhr gab es bei ihm zu Hause einen Whiskey: „Schickt Siegfried Unseld immer zu Weihnachten, ich trinke Whiskey, wie Sie an der Flasche sehen, nur selten.“ Er rief Joachim Fest an, de jure seinen Vorgesetzten, de facto den Partner eines ziemlich perfekten Feuilleton-Tandems, und sagte, er habe gerade „einen Neuen“ eingestellt.

Der Widerstand war verschwunden

Selbst verlässliche Feinde haben Reich-Ranickis Leistung als Leiter der Literaturredaktion dieser Zeitung immer gerühmt: „Da hat er wirklich etwas Dolles draus gemacht“, attestierte etwa Günter Grass 2004 im Rückblick. Wie groß der interne Widerstand im Feuilleton gegen ihn zunächst war, kann man sowohl bei Peter Hoeres („Zeitung für Deutschland“, 2019) als auch in den Memoiren seines Vorgängers Karl Heinz Bohrer („Jetzt“, 2017) nachlesen. Zehn Jahre lang hatte Reich-Ranicki die Redaktion bereits geleitet, als ich 1983 dazukam. Der Widerstand gegen ihn: längst verschwunden. Die wirtschaftliche Lage der Zeitung: himmlisch. Das Literaturblatt bestand aus vier Redakteuren, die mehrere von Reich-Ranicki erfundene Serien betreuten, die „Frankfurter Anthologie“ an erster Stelle. Sie wählten unter seiner Ägide den jeweiligen Fortsetzungsroman und unveröffentlichte Gedichte fürs aktuelle Feuilleton aus. Hinzu kamen tägliche Buchbesprechungen, die samstägliche Literaturseite sowie vier immer umfangreicher werdende Literaturbeilagen im Frühjahr und Herbst.

Parallel dazu institutionalisierte Reich-Ranicki seinen Einfluss, ja: auch seine Macht im Literaturbetrieb mehr und mehr. Daneben schrieb er Kritik um Kritik, Essay um Essay, Kommentare, Glossen, Polemiken – und tat alles dafür, dass auch seine Redakteure im Blatt sichtbar waren. Der Weltlauf der achtziger Jahre interessierte ihn mit Ausnahme der Ostpolitik und den Entwicklungen in der DDR eher weniger, es sei denn, einer der Autoren, an denen ihm besonders lag – vor allem Heinrich Böll, aber auch Erich Fried, Peter Rühmkorf, Wolf Biermann, Christa Wolf sowie allemal Günter Grass und Martin Walser –, hatte sich im öffentlichen Getümmel wieder einmal bemerkbar gemacht, gar für Skandal gesorgt. Selbst bei „schlimmstmöglichem“ (Dürrenmatt) Rückblick halte ich die Redaktionsjahre unter Reich-Ranicki für eine helle, heitere Zeit. Als Idylle endete sie mit dem Historikerstreit von 1986/87.

Ein Büro auf Distanz

1989, Frank Schirrmacher war nun Literaturchef, bezog Reich-Ranicki außerhalb des Redaktionsgebäudes ein Büro auf Distanz. Weiterhin verantwortlich blieb er für die „Frankfurter Anthologie“. Ich unterstützte ihn dabei. Obwohl – genauer: weil – er nicht mehr Vorgesetzter war, wurde unser Umgang immer vertrauter. 1994 skandalisierte der Journalist Tilman Jens in der ARD Reich-Ranickis einstige Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst – es ging um die Jahre 1944 bis 1949.

Über diesen Beitrag ging Reich-Ranickis Lebensfreundschaft mit Tilmans Vater, dem Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens, vollends in die Brüche. Statt mit Jens telefonierte Reich-Ranicki nun mehrmals in der Woche, entweder vor oder nach den „Tagesthemen“, mit mir. 1995 erschien eine Sammlung von etwa dreihundert „Briefen an Reich-Ranicki“ seit den fünfziger Jahren, die ich edierte. Schon zuvor hatte er gefragt, ob ich bereit sei, die Autobiographie, die er nun doch schreiben wolle, als Lektor zu begleiten.

Das Lektorat von „Mein Leben“

Über drei konzeptuelle und gut zwei auf die unmittelbare Arbeit an und mit Reich-Ranickis Text bezogene Jahre hinweg erstreckte sich das Lektorat von „Mein Leben“. Im Sommer 1998 war der Autobiograph schreibend schon recht nahe an die unmittelbare Gegenwart gerückt. Aber seit einem Jahrzehnt war er als Präzeptor des „Literarischen Quartetts“ im ZDF eben auch ein Fernsehstar. Ich sah das Unglück kommen, als er Martin Walsers Roman „Ein springender Brunnen“ zu lesen begann und sich immer entschiedener in eine Gegnerschaft hineinsteigerte. Ich hielt Reich-Ranickis Vorwürfe für falsch und sagte es ihm: Walser hantiert in diesem Werk eben nicht mit antijüdischen Klischees, er verdrängt den Nationalsozialismus eben nicht. Im Gegenteil: Sein Erzählen ist so wahr wie wahrhaftig.

Es half nichts. Am 14.August 1998 wurde das Buch von allen Teilnehmern des „Quartetts“ verrissen, Reich-Ranicki erklärte erregt, Walser könne überhaupt nicht erzählen, „ums Verrecken nicht“. Danach war die alte Vertrautheit zwischen ihm und mir dahin. Im Frühjahr 1999 beendeten wir die Arbeit an „Mein Leben“. Seit dem ersten Treffen von 1982 war es zur schönen Gewohnheit geworden, den Abschluss einer gemeinsamen Arbeit mit Unselds Weihnachts-Whiskey zu begießen. Jetzt blieb er im Schrank. Stattdessen erbat sich Reich-Ranicki mein Lektorats-Typoskript, weil er, wie er sagte, noch etwas nachschlagen wolle. Zurückerhalten habe ich es nie. In seinem Nachlass ist es nicht.

Bis 2008 haben wir nicht mehr miteinander geredet. Er war inzwischen längst wieder in ein Büro im Redaktionsgebäude zurückgekehrt. Begegnungen blieben nicht aus. Das Schweigen endete. Zu einer wirklichen Versöhnung kam es nicht mehr. „Ein großer Teil der wirklichen Bedeutung eines Mannes liegt darin, sich seinen Zeitgenossen verständlich machen zu können“, heißt es im „Mann ohne Eigenschaften“. Marcel Reich-Ranicki konnte es wie kaum einer. Er wurde nicht müde, dies auch seinen Redakteuren zu vermitteln, versuchsweise jedenfalls. Es gibt ganz wenige Menschen, denen ich (auch deshalb) mehr verdanke als ihm.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hieber, Jochen (hie.)
Jochen Hieber
Freier Autor im Feuilleton.
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