Essen und Schreiben

Hunger heiligt Kunst

Von Simona Pfister
16.01.2022
, 17:58
„Als ich aufhörte, hatte ich über 3000 Wörter geschrieben. Es war schon nach drei, und ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen.“ (Sally Rooney)
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In den Büchern von Autorinnen wie Sally Rooney, Michelle Steinbeck oder Chris Kraus essen Frauen – oder sie schreiben. Aber nie beides. Über die mystische Tradition einer sehr aktuellen Frage.
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In Japan haben zwei junge Frauen ein Set aus Notizpapier und Füller entwickelt, das man essen kann. Es richtet sich an weibliche Kundinnen: Wenn ihnen der Magen in einem Meeting knurrt, sollen sie heimlich an ihren Schreibutensilien knabbern, um ihren Hunger zu stillen. Nur notieren können die Frauen dann nichts mehr.

In der Gegenwartsliteratur ist es meist umgekehrt – weibliche Figuren essen nichts, dafür können sie schreiben. In den vergangenen Jahren sind einige sehr erfolgreiche Romane erschienen, die diesem Muster folgen. Immer gibt es eine Protagonistin, die Autorin ist oder es sein will, und immer wieder wird erwähnt, dass sie kaum isst. Und wenn sie es doch einmal tut, passiert das gleich wie im japanischen Meeting: Sie hört auf zu schreiben.

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Dabei handeln diese Texte weder von bewusstem Fasten zugunsten der Kunst, noch sind es Biographien einer Magersuchterkrankung. Hauptsächlich geht es in diesen Romanen um eine weibliche Hauptfigur, die in irgendeiner Form schreibt oder schreiben will, darum, wie sie lebt, und oft ,wie sie einen Mann begehrt. Ihr Essverhalten bleibt als Motiv im Hintergrund; es ist auch kein total auffälliges Hungern, eher ein passives Nicht-Essen, das von Momenten des Essens und Nicht-Schreibens durchbrochen wird. Nichts daran ist so explizit und spektakulär wie bei den männlichen Autoren der Vergangenheit, die ihr Schreiben mit „Abmagern nach allen Richtungen“ verbunden haben. Und es sind nun auch keine Männer, die diese meist auffällig schreibenden und meist unauffällig nicht essenden Figuren schaffen, sondern weibliche Autorinnen.

„Mein Magen rumort“

Zum Beispiel die gefeierte irische Schriftstellerin Sally Rooney: In allen ihren Romanen geht es um Liebe, Annäherung, Missverständnisse – und im Zen­trum stehen junge, kluge, schreibende Frauen, die kaum essen. „Als ich aufhörte, hatte ich über dreitausend Wörter geschrieben. Es war schon nach drei, und ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Ich nahm die Hände von der Tastatur, und in dem Licht (...) wirkten sie wie ausgezehrt“, heißt es beispielsweise in Rooneys Debüt „Gespräche mit Freunden“ an der Stelle, als die Hauptfigur Frances ihr großes Prosastück schreibt. Überhaupt kommt es öfters vor, dass die „extrem dünne“ Frances tagelang in der Bibliothek an ihren Texten brütet: „Meistens vergaß ich an solchen Tagen zu essen und ging mit schönen, gellenden Kopfschmerzen in den Abend hinaus.“ Nur in den Phasen, in denen Frances mit dem verheirateten Nick eine Affäre hat, isst sie, was immer er ihr zubereitet – und schreibt nicht mehr.

Ähnlich läuft es bei Marianne, der begabten Studentin aus „Normale Menschen“: Auch sie isst kaum, wenn sie an ihren Arbeiten für die Uni schreibt, und auch sie findet nur dann ein wenig Appetit, wenn sie mit ihrem männlichen Gegenpart Connell zusammen ist. Im gerade erschienenen „Schöne Welt, wo bist du“ teilt Rooney dieses Muster dann auf zwei Figuren auf: auf der einen Seite die stets als „dünn und bleich“ beschriebene Eileen, Redakteurin in einem Literaturmagazin, die im Gegensatz zu den anderen Figuren kaum je isst, sich aber danach sehnt, ein Buch zu schreiben; auf der anderen Seite deren beste Freundin Alice, die tatsächlich mehrere Bücher geschrieben hat, nun aber nicht mehr schreiben will, sondern kocht und isst und für eine Rooney-Figur ungewöhnlich offen darüber spricht, verliebt zu sein.

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In der deutschsprachigen Literatur zeigt sich das Phänomen zum Beispiel in Michelle Steinbecks ziemlich turbulentem – und erfolgreichen – Roman „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“, dort verkörpert durch die Ich-Erzählerin Loribeth. Diese will nämlich unbedingt schreiben und damit werden wie ihr Schriftsteller-Vater, also macht sie sich auf die Suche nach ihm, und ständig erklärt sie während dieser Reise: „Erst jetzt merke ich, wie ich zittere, mein Magen zieht sich zusammen vor Hunger.“ oder: „ich schwör Ihnen, ich sterbe noch vor Hunger!“ oder: „Mein Magen rumort.“

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Zurück zu den weiblichen Heiligen des Mittelalters

Und doch fährt Loribeth nach solchen Aussagen einfach fort, ohne zu essen, sucht weiter hektisch nach dem Vater und dem Schreiben. Nur als sie unterwegs jungen schönen Männern begegnet, hält sie kurz inne und isst, was die ihr geben – und vergisst darüber beinahe ihr Ziel. Auch hier also: eine weibliche Hauptfigur, die schreiben will und nicht isst, außer ein Mann füttert sie, worauf sie vom Schreiben abkommt.

Die irische Autorin Sally Rooney
Die irische Autorin Sally Rooney Bild: dpa

Chris Kraus („Aliens & Anorexie“, im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen) und Dorothee Elmiger („Aus der Zuckerfabrik“, im Jahr 2020 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises) haben ebenfalls nicht essende, schreibende Frauen zu Protagonistinnen gemacht, bei ihnen als suchende Ich-Erzählerinnen, bewusster in diesem Verhalten und doch nicht klar begründet. Trotzdem geben diese Bücher einen wertvollen Hinweis, woher dieses seltsame Motiv einer Verknüpfung von Schreiben und Nicht-Essen kommen könnte, das so viele Autorinnen nicht loslässt. Beide, Kraus wie Elmiger, verbinden nämlich das Verhalten ihrer Ich-Stimmen mit demjenigen von christlichen Mystikerinnen der Vergangenheit.

Das Ich bei Kraus „identifiziert“ sich „vollkommen“ mit der französischen Phil­osophin und Mystikerin Simone Weil, die 1943 in London einen „tuberkularen Hungertod starb“, weil sie sich weigerte, mehr zu essen, als ihren Landsleuten im besetzten Frankreich zur Verfügung stand. „Die Panik des Verhungerns“ kennt auch die Ich-Erzählerin; wie Weil leidet sie an „einer chronischen Krankheit, die (...) oftmals das Essen erschwerte“, wie Weil hofft sie, „den Limitationen unserer merkwürdigen Körper zu entkommen“, um sich zugunsten von etwas Größerem aufzulösen – und wie Weil schreibt sie darüber.

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Kraus geht aber noch weiter, zieht eine Linie von ihrer Ich-Figur über Weil zurück zu den weiblichen Heiligen des Mittelalters – und auf die bezieht sich auch Dorothee Elmiger, wenn ihre Ich-Erzählerin das eigene Schreiben und den eigenen Hunger mit demjenigen der heiligen Teresa von Ávila verwebt. So stellt sie die Lebensgeschichte der Mystikerin und Literatin, wie diese sich buchstäblich nach Gott verzehrte, litt und liebte, neben die Erinnerung, wie sie selbst als Kind nach dem Gottesdienst jeweils ein Brötchen essen durfte: „Dieses Brot nahm in einem gewissen Sinn (...) völlig überhand, man könnte sagen, es geschah alles in seinem Namen.“ Heute aber stehe sie bloß „vor dem Schrank, in dem das Brot liegt: J’ai faim.“ Und an anderer Stelle: „In meinem Fall hingegen heißt jeder Satz, den ich zurzeit schreibe, immer auch: J’ai faim./Aime-moi, alors.“ Ich bin hungrig, liebe mich.

Ist nicht zu essen etwas spezifisch Weibliches?

Auch viele christliche Mystikerinnen des Mittelalters waren dafür bekannt, dass sie sowohl geschrieben als auch über Jahre keine Nahrung zu sich genommen haben bis auf die Hostie beim Abendmahl. Prompt hätten sie dann während der Eucharistiefeier Visionen von Jesus gehabt, Wunder seien geschehen und seine Wundmale an ihren Körpern aufgetaucht. Ähnliche Berichte von männlichen Heiligen gibt es nur wenige, die bekannteste Ausnahme ist Franziskus von Assisi.

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Nicht zu essen war also schon im Mittelalter etwas spezifisch Weibliches, und die historische Forschung hat auch eine Erklärung dafür: Weil man damals die Nahrung und den Körper, ja das Fleischliche generell mit Weiblichkeit assoziierte, verknüpfte man auch Jesus’ Fleisch, seinen menschlichen Leib mit dem Weiblichen – im Gegensatz zu seinem immateriellen, göttlichen und vor allem männlichen Geist, dem Logos. Also nutzten gerade die weiblichen Heiligen ihren Körper – das, was sie mit Jesus verband –, um sich ihm anzugleichen: Sie verweigerten die materielle, „weibliche“ Nahrung und lebten stattdessen von geistiger, der Hostie, ihren Visionen, ihrer mystischen Entrückung. So litt der Körper der Heiligen im weiblichen Fleisch und erschien zugleich vom männlichen Geist erfüllt.

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Die nicht essenden Protagonistinnen der heutigen Romane könnte man als säkularisierte Wiedergängerinnen der mittelalterlichen Heiligen deuten: Nur ist der „Logos“ jetzt nicht mehr der göttliche Geist, sondern das profane Wort, das historisch ebenso den Männern vorbehalten war wie die Kommunikation mit Jesus den männlichen Priestern. Und wie die Heiligen tragen auch die heutigen Protagonistinnen diesen Anspruch über ihren leidenden Körper aus, über das Nicht-Essen, weil sich offenbar seit dem Mittelalter die Vorstellung erhalten hat, dass die Frau, die nicht isst, auch die Frau ist, die vom männlichen Geist erfüllt ist. Und umgekehrt: dass die essende Frau nicht mehr zum Reich dieses Geistes gehört, sondern weiblich, körperlich, fleischlich begehrt.

Wir haben uns einfach daran gewöhnt

Und wenn man das einmal so zu betrachten begonnen hat, dann fällt einem plötzlich auf, dass zwei von Sally Rooneys Heldinnen Frances und Marianne heißen und dass Frances ausgerechnet die Evangelien liest, bevor sie nicht essend ihr Prosastück schreibt. Die Hauptfigur in Michelle Steinbecks Roman kommt ausgerechnet in einer Kirche zur Ruhe, kurz bevor sie dann endlich (im Bauch eines Wals!) schreiben kann. Die Protagonistinnen hören auf zu schreiben, sobald sie „fleischlich“ begehren. Sobald sie essen.

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Das mittelalterliche Ideal der nicht essenden Frau des Geistes lebt weiter in den nicht essenden Autorinnenfiguren von heute. Man findet dieses Ideal auch besonders präsent in der Berichterstattung zum Auftritt der Lyrikerin Amanda Gorman bei der Inaugurationsfeier des amerikanischen Präsidenten Joe Biden. Wie Gorman sich in ihrem Gedicht als „skinny black girl“ beschreibt, das nun für einen Präsidenten seinen Text vorträgt: Das verweist nicht nur auf Gormans soziale Marginalisierung als weibliche „Person of Color“. Es enthält auch, ganz unauffällig, den Topos der schreibenden Frau, die nicht isst. Gorman selbst wurde wie eine Heilige präsentiert, von den Kameras abgelichtet nach dem Vorbild mittelalterlicher Ikonen: strahlend goldener Mantel, die Hände wie zum Gebet erhoben, das Prada-Haarband als Heiligenschein.

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Das alles fällt aber gar nicht so sehr auf, weil wir diese Vorstellungen von Frauen und ihren Körpern, vom männlichen Geist und vom weiblichen Nicht-Essen schon verinnerlicht haben, subtil aufgenommen in einer (zumindest teilweise) christlich geprägten Kultur. Wir haben uns einfach daran gewöhnt, dass „Essen das ganze Leben lang ein Problem“ ist „für viele Frauen“, wie die kanadische Autorin Anne Carson in einem Essay über die Philosophin Simone Weil das weibliche Schreiben nonchalant genannt hat. Diese „Probleme“ sind aber nicht einfach Individualneurosen, wie es so oft abwertend heißt, nicht bei den schreibenden Figuren der Literatur und auch nicht bei den „vielen Frauen“. Vielmehr versuchen diese Frauen nur die kulturell verankerten Möglichkeiten wahrzunehmen, die ein als weiblich konzipierter Körper bietet, um für sich zu beanspruchen, was eben männlich determiniert bleibt: der Verstand, der Geist.

Es geht primär um den „Body“

Mann gleich Denken, Frau gleich Körper: Diesem Schema entkommt selbst eine Bewegung wie die „Body Positivity“ nicht, die doch eigentlich gegründet wurde, um Frauen aus diesen „Problemen mit dem Essen“ zu befreien und Weiblichkeitsideale auszuweiten. Aber immer noch geht es dabei primär um den „Body“; immer noch müssen sich Frauen dabei zuallererst mit ihren Körpern auseinandersetzen, sich – auch und gerade öffentlich – zu ihren Körpern verhalten, bevor sie über anderes sprechen können, bevor ihnen zugestanden wird, über anderes sprechen zu können. Immer noch erscheint „Frau“ so in erster Linie als „Körper“; und deshalb muss sie ihn (und damit sich) in gewissem Sinne immer noch erst „gefügig machen“, bevor sie eine Stimme hat, bevor sie zum Logos gelangt – auch wenn sie diesen Körper nun wenigstens lieben lernen anstatt leiden lassen muss.

Vielleicht braucht es also eher eine Bewegung wie die „Body Neutrality“, eine Bewegung, die alle Körper als Teil des Denkens und nicht als dessen Gegenüber versteht. Und es braucht Frauenfiguren, die diese Idee, ja, „verkörpern“, denken und essen, ohne das eine oder das andere zu erklären. Frauenfiguren, wie sie auch die britisch-südafrikanische Autorin Deborah Levy in ihrem vorigen Herbst auf Deutsch erschienenen Buch „Ein eigenes Haus“ fordert. Einst hatte zwar auch Levy eine nicht essende Poetin zur Protagonistin gemacht (die spindeldürre Kitty Finch in „Heim schwimmen“), doch nun, im dritten Teil ihres autobiographischen Projekts, sucht Levy nach einer neuen Art von weiblicher Hauptfigur. Eine Figur, die „jedes einzelne Bedürfnis aus(lebt), auf der Stelle“, liebt und denkt, gibt und zu sich nimmt, was immer sie begehrt. Und wenn man weiterliest, merkt man: Levy hat sie schon gefunden.

Quelle: F.A.S.
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