Französischer Literaturherbst

Wie wird es in einer Zeit ohne Zeitzeugen sein?

Von Jürg Altwegg, Genf
19.11.2021
, 14:06
Es ist sein Bücherherbst, heißt es: Patrick Modiano, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2014.
Dieser französische Bücherherbst macht Literaturgeschichte: Die Vermittlung des Erinnerns in einer Zukunft ohne Zeitzeugen der Schoa ist im Gange, und sie scheint zu gelingen.
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Der französische Literaturbetrieb ist eine Inszenierung, bei der die Korruption mitspielt und der Zeitgeist Regie führt. Beim diesjährigen Prix Goncourt waren am Schluss noch vier Kandidaten im Rennen: Christine Angot, die darüber geschrieben hat, dass sie von ihrem Vater vergewaltigt worden ist, Sorj Chalandon, ein ergrauter Weißer, dessen Vater 1945 ins Gefängnis gekommen war, und zwei Schriftsteller schwarzer Hautfarbe. Zwei Bücher jüdischer Schriftsteller über deren Väter und Großväter waren schon zuvor dem Furor der Goncourt-Jurorin Camille Laurens zum Opfer gefallen. Die Akademie erließ daraufhin neue Verhaltensregeln – und kürte Mohamed Mbougar Sarr zum Gewinner.

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Der 31 Jahre alte Senegalese thematisiert in seinem Roman „La plus secrète mémoire des hommes“ die literarischen Beziehungen zum französischen „Mutterland“ am Beispiel eines im Pariser Literaturbetrieb verlorenen Kollegen und mysteriösen „schwarzen Rimbauds“ – Sarr selbst schreibt „Neger“. Schon seine Lehrerin in der Vorbereitungsklasse zur Eliteschule sah in Sarr den zukünftigen Staatspräsidenten seines Landes – was ja auch der Poet Léopold Sédar Senghor geworden war, einer der Väter der „Négritude“.

In der Pandemie ist der Zeitgeist ein Gespenst der Vergangenheit(en), deren Tote die Lebenden heimsuchen. Es spukt in den Köpfen der Zeitgenossen. „Eine literarische Saison im Zeichen von Modiano“, so bilanziert die Tageszeitung Le Monde den französischen Bücherherbst. Für seine Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit, beginnend mit dem Debütroman „Place de l’Etoile“ (1968), hatte der 1945 geborene Modiano 2014 den Literaturnobelpreis erhalten.

Im Jahr 1988 erhielt Sorj Chalandon für seine Prozess-Berichterstattung einen Journalistenpreis.
Im Jahr 1988 erhielt Sorj Chalandon für seine Prozess-Berichterstattung einen Journalistenpreis. Bild: AFP

Der lange Schatten von Vichy hat die französische Literatur seitdem aber nicht losgelassen: Der Leser begegnet ihm nun in Philippe Jaenadas „Frühling der Monster“. Er wird auch von Myriam Anissimov zitiert und bei Christophe Jamin zum Protagonisten der Handlung seines Romans „Passage de l’Union“. „Villa Wexler“ von Jean-François Dupont ist eine Hommage an „Villa ­Triste“ von Modiano. Und im neuen Roman des Nobelpreisträgers selbst, „Chevreuse“ betitelt, kehren aus dessen alten Geschichten bekannte Figuren an vertraute Orte zurück und werden in Ereignisse verwickelt, die sich zu wiederholen scheinen, ohne dass man wüsste, ob sie wirklich stattgefunden haben.

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Sorj Chalandon wiederum besucht in seinem Roman „Enfant de salaud“ das Heim, aus dem Klaus Barbie Kinder deportieren ließ. Für seine Berichte vom Prozess gegen Barbie war Chalandon 1988 mit dem begehrtesten französischen Journalistenpreis ausgezeichnet worden. Nun lässt er seinen Vater im Roman an diesem Prozess teilnehmen. Der Sohn selbst nennt den Vater einen „Schweinehund“ wegen dessen Schweigens und Lügen nach dem Krieg.

Francois Noudelmann verarbeitet seine tragische Familiengeschichte in Büchern.
Francois Noudelmann verarbeitet seine tragische Familiengeschichte in Büchern. Bild: AFP

„Ich habe die Verweigerung des Erbens geerbt“, sagt auch François Noudelmann. Die Senfgasangriffe des Ersten Weltkriegs hatten seinen Großvater in den Wahnsinn getrieben; Noudelmanns Vater überlebte die Judenverfolgung, schwieg darüber und starb später durch eigene Hand. Bevor Noudelmann jetzt seine Familiengeschichte „Les enfants de Cadillac“, der man all das entnehmen kann, herausbrachte, hatte er Jean-Paul Sartre als Klavierspieler und Philosophen, den die Politik anödete, porträtiert. Sartres Engagement, so Noudelmanns These, war der Preis für sein schlechtes Gewissen: Auch Sartre wollte kein Erbe sein: Aus seinem Essay über die „Judenfrage“ blieb die Schoa ausgeklammert. Sartres Solidarität mit Israel und den Juden aber war ebenso unerschütterlich wie sein Kampf gegen den Kolonialismus an der Seite der schwarzen Intellektuellen – für die er reihenweise Vorworte schrieb.

Vielversprechend: Schon in der Grundschule sah eine Lehrerin in Mohamed Mbougar Sarr großes Potenzial.
Vielversprechend: Schon in der Grundschule sah eine Lehrerin in Mohamed Mbougar Sarr großes Potenzial. Bild: AFP

Über mehrere Jahrhunderte bis hin zu 1943, als die „Endlösung“ tobte, führt die Saga „Der Letzte der Gerechten“ über die Familie Lévy, mit der André Schwarz-Bart im Jahr 1959 Furore gemacht hatte; sein Romanerstling bekam damals den Prix Goncourt. Eltern und Brüder hatte Schwarz-Bart in den Vernichtungslagern verloren, er selbst war mit einer „Mulattin“ verheiratet. Das Paar zog sich schließlich nach Guadeloupe zurück und wurde vergessen. Aber André und Simone Schwarz-Bart schrieben Bücher, die im Rahmen der Kolonialismusdebatte nun wiederentdeckt werden. In der israelischen Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem endet der Rundgang mit einer Mauer­inschrift aus dem Roman „Der Letzte der Gerechten“: „Gelobt / Auschwitz / sei / Majdanek / der Herr / Treblinka / in Ewigkeit / Buchenwald / Und ge­lobt . . .“

In der Belletristik gibt es keine Auschwitz-Lüge. Die Nachgeborenen und deren Kinder hinterfragen und überwinden das Schweigen ihrer Vorfahren. Die Vermittlung des Erinnerns in einer Zukunft ohne Zeitzeugen der Schoa ist im Gange, und sie scheint zu gelingen. In der französischen Klassikerbibliothek Pléïade, die Sartre einmal als „Grabstein“ bezeichnet hat und der er die Aufnahme seines eigenen Werks dementsprechend zu Lebzeiten verweigerte, erscheint jetzt ein Band mit den berühmtesten Schilderungen aus den Konzentrationslagern, benannt nach Robert Antelmes Erinnerungsbuch „Das Menschengeschlecht“. In der Gegenwartsliteratur sind die Toten der Schoa lebendig. Begonnen hatte das Jahr 2021, das in die französische Literaturgeschichte eingehen wird, mit „Serge“, der Schilderung eines Ausflugs der Familie von Yasmina Reza nach Auschwitz. Dieser Roman wurde beim Goncourt-Wettbewerb vergessen. Auf Deutsch wird er im Januar erscheinen.

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Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Freier Autor im Feuilleton.
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