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FAZ plus ArtikelGULag- und Holocaust-Literatur

Dinge, von denen man nicht wissen darf

Von Sylvia Sasse
Aktualisiert am 24.05.2020
 - 09:20
Wie sich die Schreckensbilder gleichen: Häftlinge im sowjetischen Lager Molotowsk (Sewerodwinsk) im Jahr 1944
Was für Gemeinsamkeiten gibt es zwischen der Literatur über den GULag und der über den Holocaust? Die Slawistin Renate Lachmann plädiert für ein „europäisches kollektives Gedächtnis“.

Ihre Studie „Lager und Literatur“ fragt nach dem Gelingen von Erinnerungskultur. Die Frage ist hochaktuell, wenn man bedenkt, dass rechte und nationalistische Politiker das kollektive Gedächtnis an den Holocaust verunglimpfen und dass die russische politische Führung die Erinnerung an den GULag verhindert oder erschwert. Noch schwieriger wird es, wenn es darum geht, ein „europäisches kollektives Gedächtnis“ zu bewerkstelligen, wie das Jorge Semprún forderte. Was sind die Gründe dafür, dass es dieses „Doppelgedächtnis“ bis heute nicht gibt?

Semprún wollte mit seinem Begriff „mémoire dédoublée“, eigentlich gedoppeltes Gedächtnis, die Berührungsangst mit der Geschichte des anderen Unrechtssystems des zwanzigsten Jahrhunderts überwinden und ein Bewusstsein für den Vernichtungscharakter auch des sowjetischen Lagersystems schaffen. In diesem Sinne unterstützte er bis zu seinem Tod die Aktivitäten der Menschenrechtsorganisation Memorial, die mit Ausstellungen das Faktum GULag in Deutschland publik zu machen versuchte. Es gab Reaktionen, aber, wie mir scheint, kurzfristig wirksame, so dass das Doppelgedächtnis nicht an Kraft gewinnen konnte. Die großen Holocaust-Gedenkveranstaltungen dieser Tage, die die Ungeheuerlichkeit der NS-Verbrechen in aller Schärfe in Erinnerung rufen, lassen begreiflicherweise keinen anderen Gedächtnisraum zu. Neben dem Semprúnschen Anliegen eines europäischen kollektiven Gedächtnisses ist es mir wichtig, den Gründen für das (offizielle) Gedächtnisdefizit in Russland nachzugehen, die Behinderung einer Erinnerungskultur zu verstehen, der die Memorial-Aktivisten mit ungeheurer Anstrengung entgegenarbeiten.

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