Verfolgt bis in den Schlaf

Die Vereinigten News von Amerika

Von Tobias Rüther
23.04.2018
, 14:19
Satori Shakoor aus Detroit
Wie leben Professoren, Polizistinnen oder Prostituierte mit den Nachrichten? Oder ohne sie? Ein Interview- und Bildband dokumentiert die Unmöglichkeit, das zu dokumentieren.
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Amerika, schreibt Ludovic Balland in der Einleitung zu seinem Projekt „American Readers at Home“, „ist ein bisschen älter als die Geschichte der Fotografie. Kein Wunder, dass es sich immer so stark mit diesem Medium identifiziert hat – in einem Ausmaß, dass man nicht mehr unterscheiden kann zwischen der Fiktion und der Realität dieses Landes, seiner Geschichte und den politischen Ereignissen der Gegenwart.“

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Drei Monate lang ist der Designer, seit kurzem Professor für Typographie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, durch die Vereinigten Staaten gereist, als die Ende 2016 in die heiße Phase ihres Präsidentschaftswahlkampfs zwischen Trump und Clinton gingen. Balland ist von der Ostküste an die Westküste und von dort nach Süden und bis nach Washington gefahren, um diese Zeit zu dokumentieren: In Fotos einerseits, andererseits in Interviews, die er an jeder seiner Stationen führte, in New York City und Philadelphia, in Detroit, Nashville, Dallas, in Alburquerque, Tucson, in Washington und San Francisco. Er hat seine Kamera und ein Mikrofon ins Land gehalten, um festzuhalten, wie Professoren, Polizistinnen, Prostituierte, Waffenhändler, Tierpräparatorinnen, Reporter und Farmer mit den Medien leben, die sie umgeben: Wie sie die News verarbeiten, die sie von allen Seiten erreichen, im Fernsehen, in den Zeitungen, per Newsfeed, über Facebook und Twitter.

Wie sortieren Konsumenten Nachrichten?

Und daraus ist ein 550 Seiten starker Bildband geworden, auf Dünndruckpapier: Amerika als Medium, Amerika als Zeitung, gestaltet von einem preisgekrönten Designer; man wechselt zwischen Text und Bild hin und her, wie man es auch mit einer Zeitung täte, und genau darum geht es Balland offenbar: Darum, wie Leserinnen und Leser – oder, neutraler, Konsumenten von Nachrichten – diese Nachrichten bei sich sortieren. Was sie davon behalten. Wie sie, was geschehen ist oder noch geschehen kann, in ihre Weltbilder einfügen, immer, und das liest man aus allen 55 Interviews heraus, in dem Bemühen nach Abrundung und Geschlossenheit. Nach Sinn. Und deshalb geht es hier nur vordergründig um Trump gegen Clinton oder Clinton gegen das FBI oder Trump gegen die Presse. Es geht: um alles.

„Ich glaube, Nachrichten sind die Flucht vor der universellen Realität“, sagt der Medienwissenschaftler Barry Vacker aus Philadelphia. „Ein Selfie ist nur das andere Ende des Hubble-Weltraumteleskops.“

„Hillary hat direkt in die Kamera gesehen und gesagt: ,Ich habe eine Botschaft an alle Nato-Mitglieder, dass sie auf die Vereinigten Staaten zählen können, wir werden euch verteidigen‘“, sagt der Wahlkampfmanager Max Temkin aus Chicago. „In zehn Jahren werden die Leute an jenen Augenblick als den entscheidenden des Wahlkampfs zurückdenken. In jenem Augenblick war sie die Präsidentin, und Trump hat offenbart, wer er wirklich ist: kein Patriot. Er hat keine Ahnung von gar nichts, er interessiert sich nicht für den Rest der Welt.“

Celeste González aus Tucson
Celeste González aus Tucson Bild: Ludovic Balland

„Die Polizei ist nur dazu gut, anschließend die Umrisse mit Kreide auf den Boden zu malen“, sagt der Waffenhändler Jon Thomas aus Odessa in Texas. „Sie kann nichts für Sie tun, wenn Ihnen etwas passiert. Und es steht auch so in der Verfassung, dass die Polizei nicht das Recht oder die Pflicht hat, Sie als Individuum zu schützen. Sie ist dazu da, die Gesellschaft als Ganzes zu schützen.“

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„Ein Chip unter unserer Haut“

„Als ich sah, dass Stephen Hawking der Erde und der Menschheit nur noch tausend Jahre gegeben hat“, sagt die Rundfunkjournalistin Linda Moulton Howe aus Albuquerque, „dachte ich: Ja, er liest das gleiche Material wie ich.“

„Haben Sie den Film ,Minority Report‘ gesehen, wo man einen Knopf drückt und ein komplettes Hologramm erscheint? So werden wir an unsere Nachrichten kommen. Oder vielleicht werden wir gar nichts sehen müssen, da wird nur ein Chip unter unserer Haut stecken, der an unsere Gehirnwellen sendet“, sagt die Journalistikprofessorin Celeste González aus Tucson.

Christopher DiGeorge aus Philadelphia
Christopher DiGeorge aus Philadelphia Bild: Ludovic Ballan

Lauter Beispiele aus dieser riesigen Sammlung von Privatmeinungen, Privatphilosophien, von lauter Leuten, die lesen, das Fernsehen anschalten und ins Netz gehen und versuchen, mit diesem wüsten Land aus News zu Rande zu kommen. „Nachrichten sind das, was wir als Gesellschaft benutzen, um unseren Alltag zu sortieren“, sagt die Kriminologin Jaya Davis aus Dallas – und das hört sich an wie eine Variante eines berühmten Satzes von Joan Didion, der auch gut über Ludovic Ballands Projekt stehen könnte: „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“

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Didion ist eine berühmte Vorläuferin dieses Projekts, wie der Fotograf Robert Frank, ein Schweizer wie Balland selbst, wie John Steinbeck, der Amerika nicht mit einer Kamera, sondern seinem Pudel Charley durchquerte, was ihm tatsächlich einen Zugang zu seinen Landsleuten verschaffte, Ergebnis: Sie sind alle anders, zusammen sind sie alle als Amerikanerinnen und Amerikaner erkennbar, je nach Region unterscheiden sie sich deutlich, aber eigentlich kann man nur sagen, dass sie sich unterscheiden, mehr nicht.

Träumen sie von Nachrichten?

Balland aber ist kein Amerikaner, sein Blick auf das Land ist eben genau das: ein Blick. Geprägt von den Fotografien und Filmen, die im Umlauf sind, von den Motiven, mit denen das Land immer schon versucht hat, sich selbst besser zu verstehen. Balland entdeckt diese Motive also nicht zum ersten Mal (und weiß das auch), die Feuertreppen und Hochspannungsmasten, die rostigen Brücken, die Friedhöfe und Freizeitparks und Motels, die übergroßen Statuen, Paul Bunyan an einer Kreuzung in Tucson, und die Flaggen, überall Stars and Stripes.

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Die Unmöglichkeit, alle Nachrichten zu verstehen, die Unmöglichkeit, alle Nachrichten gleichmäßig in die Welt zu setzen, die Unmöglichkeit, Amerika abzubilden und alles, was in Amerika über Amerika und die Nachrichten von Amerika gedacht und gemeint wird: All das dokumentiert dieser Bildband. Und zugleich die Unmöglichkeit, genau das zu dokumentieren, weil es einfach viel zu viel ist. Und irgendwie löst das keine Verzweiflung aus, sondern Optimismus: Es gibt kein Ende (auch wenn Hawking uns nur noch tausend Jahre gibt). Eines der Leitmotive, die sich durch die Interviews zieht, ist der Wunsch, „die Medien“ würden positiver, konstruktiver berichten: „Ich würde versuchen, Fragen zu stellen, damit die Leute sich besser fühlen“, sagt Virginia Ali, die Besitzerin von „Ben’s Chili Bowl“, einem Restaurant in Washington, D.C. „Ich würde versuchen, Fragen zu stellen, die mir helfen zu erzählen, wie man das Leben der Amerikaner verbessern kann.“

Balland wiederum stellt seinen Gesprächspartnern immer die gleichen Fragen. Ob sie von Nachrichten träumen, zum Beispiel. Und viele antworten darauf, dass sie deswegen abends nicht mehr den Fernseher anschalten: weil es sie in den Schlaf verfolgen würde. Es gibt keine Grenze, vor denen die Nachrichten halt machen.

„American Readers at Home“, Scheidegger & Spiess, 548 Seiten, 68 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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