Autorin Jenny Offill

„Ich glaube an aktiven Fatalismus“

Von Tobias Rüther
25.10.2021
, 06:33
Jenny Offill im Jahr 2020 in New York
Wie groß sind kleine Schritte im Kampf gegen den Klimawandel? Und was kann Literatur dabei ausrichten? Ein Gespräch mit Jenny Offill, die in ihrem Roman „Wetter“ eine Antwort versucht.
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Jenny Offill hat einen grandiosen Roman geschrieben, der wie kaum ein zweiter die Stimmungslagen der amerikanischen Gegenwart einfängt: Klimaangst, Geschlechterdebatten, Identitätspolitik, Trumpismus. Es geht um Lizzie, die versucht, ihren Weg zwischen diesen Extremitäten zu finden. Offill, die am renommierten Bard College kreatives Schreiben unterrichtet, hat für ihren Roman einen Ton gefunden, der selbst unter Höchstspannung steht – und sich oft in Humor auflöst. Die Atmosphäre aber bleibt unheimlich. „Wetter“ hat hymnische Kritiken erhalten.

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Wie sind Sie auf diesen genialen Titel gekommen?

Mein Arbeitstitel war erst ziemlich melodramatisch: „Learning to die“, abgeleitet vom Montaigne-Zitat „Philosophieren heißt sterben lernen“. Aber das war nicht der Ton, den ich wollte. Im Roman hält eine der Hauptfiguren einen Vortrag über schmelzende Gletscher, jemand im Publikum wird richtig wütend und ruft: „Ist mir doch egal! Ich will wissen, was mit dem amerikanischen Wetter passiert!“ Ich finde diese Haltung typisch für mein Land: dass nichts, was wir tun, mit dem Rest der Welt verbunden ist. Ich wollte das Buch dann eine Zeit lang „Amerikanisches Wetter“ nennen, aber nach der Wahl Trumps kamen reihenweise Bücher heraus, die irgendwas mit „Amerika“ im Titel hatten. Im Englischen gibt es auch das Verb „to weather“, es bedeutet „überleben“, wenn auch etwas ramponiert.

Im Deutschen ist „wettern“ ein Synonym für schimpfen. Der aufgebrachte Mann im Roman hat genau das getan.

Sehr interessant!

Wir reden in dem Fall auch von „donnern“ im Deutschen.

Natürlich tut ihr das.

Gibt es „to thunder“ nicht auch im Englischen?

Man kann eine „thunderous voice“ haben, aber als Verb wäre es natürlich auch schön.

Ihr Buch handelt von der drohenden Vorahnung, dass schreckliche Dinge bevorstehen oder schon passieren. Lebt es sich heute so in Amerika?

Wir sind im Zustand permanenter gemischter Gefühle. Ich habe beim Schreiben viel an das Wort „Grauen“ gedacht und mich gefragt, was das eigentlich heißt, wenn sich etwas „atmosphärisch“ anfühlt? Das Wort wird bei uns jetzt sehr oft gebraucht. Beim Schreiben habe ich dieses unterschwellige Grauen die ganze Zeit gespürt. Das letzte Mal hat sich das nach dem 11. September so angefühlt. Aber was die gemischten Gefühle angeht: Es bringt auch die großzügigen Seiten in einem hervor, eine schöne Art von Demut, wenn man feststellt, dass wir nicht die einzigen Menschen auf der Welt sind, auf die es ankommt. Es macht Angst, wie sehr alles miteinander zusammenhängt, aber es ist auch echt erstaunlich. In der Corona-Pandemie war es eher unheimlich.

Wie das Wetter in Ihrer Hauptfigur umschwingt, spürt man von Seite zu Seite. Sie gerät sogar unter Prepper, die sich für den Fall eines Untergangs rüsten.

Durch so eine Prepper-Phase gehen viele Leute, wenn ihnen klar wird, wie ernst es mit dem Klima ist: Wo soll ich bloß hin? Was soll ich tun, wenn es so weitergeht? Aber mit der Haltung haben Menschen noch nie überlebt. In meinen Ohren klingt die Rhetorik der Klimabewegung oft nicht besonders überzeugend, wenn von „Hoffnung“ die Rede ist. Es werden nicht die prophetischen, beschwörenden Reden sein, sondern die bescheidene, demütige Arbeit, sich mit Nachbarn zusammenzuschließen, um herauszufinden, wie man seiner Community im Katastrophenfall helfen kann. Lizzie hat überall Freunde und Kontakte.

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Also endet der Roman mit der Idee des Kollektivs?

An dem düsteren Punkt, wo wir heute sind, sind wir doch angekommen, weil wir immer in großen Vorstellungen gedacht haben. Erst die, dass der Mensch sich die Welt untertan machen soll. Später wurde daraus: Wenn wir nur dies oder das oder jenes tun, können wir den Klimawandel noch aufhalten! Mittlerweile gibt es eigentlich keine Variante vom Lauf der Dinge mehr, bei der es nicht böse ausginge. Beim Thema Geoengineering hört man jetzt ständig, dass es ein Allheilmittel geben könnte. Dabei hat der Mensch eine rekordmäßig schlechte Bilanz darin, irgendwas technisch besser zu machen. Eigentlich hat er es dann immer nur schlimmer gemacht. Wenn ich mir anschaue, was beim Kampf gegen den Klimawandel wirklich etwas verändert, sind es die vielen kleinen Dinge. Man kann sich keinen Film über Leute vorstellen, die eine Werkzeugbibliothek oder Selbsthilfegruppen organisieren. Aber genau das hält sie in Katastrophen am Leben, gerade in den Vereinigten Staaten mit ihrem ruinierten sozialen Gewebe. Ich würde vorschlagen: Fight globally, act locally. Es geht nicht nur darum, was jeder oder jede Einzelne tut. Das hat man uns in Jahrzehnten der aktiven Desinformation so verkauft, bis wir gedacht haben, wenn wir die richtigen Glühbirnen kaufen, tun wir schon was.

Welche Rolle könnte die Literatur dabei spielen?

Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Roman überhaupt schreiben soll. Romane über den Klimawandel sind sonst entweder apokalyptisch oder spekulativ oder sehr, sehr ernst. Ich habe mich gefragt, wie man es auch ein bisschen witzig hinkriegen könnte und zugleich eben nicht apokalyptisch: über das Leben mit dem Grauen, aber auch damit, es zwischendurch wieder zu vergessen. Ich kam mir schon irgendwie doof vor, einen Roman zu schreiben, wo es doch so viele andere Dinge gibt, die man anders tun könnte. Neulich hat aber ein Klimaforscher gesagt: Wenn man sich beim Kampf gegen den Klimawandel nicht das Gebiet aussucht, auf dem man ohnehin unterwegs ist, bleibt man nicht dabei. Ich bin keine besonders gute Aktivistin. Ich bin etwas zu alt, um verhaftet zu werden. Aber ich biete jetzt zum ersten Mal einen Kurs an, „Beyond Dread“, in denen meine Collegestudenten über das Klima schreiben sollen. Wir brauchen Komplexität. Weil es ein komplexes Problem ist. Die BBC macht eine Serie über „Climate Emotions“. Da geht es nicht nur um Trauer. Eine ganze Generation ist wütend. Die Leute sehen nur auf Greta Thunberg, aber wir sind umgeben von lauter jungen Leuten, die vor Wut glühen.

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Wie reagieren Sie auf die Stimmen, die man in der Debatte um Identitätspolitik jetzt häufiger hört: dass sich Kunst nicht in den Dienst politischer Anliegen stellen sollte, weil sie das banal macht?

Amerikanisches Wetter: New York, September 2021
Amerikanisches Wetter: New York, September 2021 Bild: EPA

Fairerweise sollte ich sagen, dass ich auch mal so geredet habe. Mich interessiert am Schreiben von Romanen zuallererst die Sprache. In Museen kann man ja manchmal sehen, wie verschiedene Kunstrichtungen miteinander streiten. Ich habe zwar nicht das Gefühl gehabt, dass ich streite – aber dass ich mich mit dem neuen Buch in ein Gespräch begebe. In den sogenannten politischen Romanen finde ich die Sprache oft gestelzt, die Botschaft dröhnt zu sehr. Wo ich mit meinem Buch landen würde, habe ich selbst erst beim Schreiben herausfinden müssen. Der Kunst sollte es erlaubt sein, ihre Fühler in alle möglichen Richtungen auszustrecken. Ich glaube, dass man das Klimathema nicht mehr aussparen kann, wenn man in einem Roman versucht, darüber zu schreiben, wie das Leben heute ist. Ich habe eine sechzehnjährige Tochter. Ich muss einbeziehen, wie anders ihr Leben sein wird. Und was ich ihr überhaupt anbieten kann als Rat oder Erkenntnis. Das war schon auch ein Ausgangspunkt dieses Buchs.

Es geht darin aber nicht nur um Wetter oder Klimawandel, sondern letztlich um sämtliche heißen Eisen: Trump, Meinungsfreiheit, sexuelle Freizügigkeit, soziale Medien, Generationenkonflikte . . .

Wenn man mitten in einem Roman steckt, fühlt sich das irgendwann an, als hätte man alle Antennen aufgestellt. Manche Sachen habe ich aufgegriffen, aber nicht verstanden. Auf der Lesereise zu meinem vorherigen Roman habe ich oft mit Taxifahrern geredet und dabei Dinge gehört, von denen mir erst später klar geworden ist, dass das Verschwörungstheorien sind – damals wurden die entsprechenden Radiosender langsam populär. Und mir wurde auch klar, wie einsam die Leute sind – und dass die Radiosender diese Einsamkeit füllten. Den Aufstieg der Identitätspolitik habe ich natürlich auch mitbekommen und wie im multikulturellen New York die Angst größer wurde, je näher die Präsidentschaftswahl von 2016 rückte, die Trump dann gewonnen hat. Mein eigentliches Projekt in diesem Buch war aber eigentlich die sogenannte Sorgearbeit. Was es bedeutet, sich um jemanden zu kümmern. Viele Betroffene sagen dann ja: Ich will niemandem zur Last fallen. Die Wahrheit ist: Fast jeder und jede von uns fällt irgendwann mal jemandem zur Last.

Damit wären wir wieder bei der Verbundenheit. Es kommt nicht nur auf das Wetter vor der eigenen Tür an, auf das amerikanische Wetter.

Amerikanisches Wetter: Kalifornien 2021
Amerikanisches Wetter: Kalifornien 2021 Bild: AP

Ich denke aber nicht in so großen Motiven, wenn es sie gibt, sind sie eher emotional. In einer amerikanischen Fernsehsendung wurde ich mal gefragt, was man aus meinen Büchern „mitnehmen“ soll, und ich habe gesagt: nichts? Manchmal schreibt man einfach nur ein Buch, das man selbst gern lesen würde.

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Trotzdem, je länger ich mit Ihnen rede, desto optimistischer wird Ihr Buch. Mir kam es beim Lesen viel desolater vor.

Ich finde es ja auch desolat. Aber ich wollte nicht, dass das Buch falsch endet. Ich wollte zeigen, wie Menschen nach und nach aus ihrer individuellen Sicht zum Denken in größeren Zusammenhängen gelangen. Ich bin Schriftstellerin, ich mag große Gruppen nicht besonders, ich würde lieber alles allein machen. Aber da gibt es schon eine Ambivalenz. Ich fühle mich wie der Doktor in der „Pest“ von Camus, ich glaube an aktiven Fatalismus: Du musst dich trotzdem vorwärtsbewegen und versuchen, Gutes zu tun, ob du nun weißt, ob es nützt, oder nicht.

Im Roman wird einmal der Mond als Alternative zum irdischen Elend genannt, aber jetzt, wo die ganzen Milliardäre wie Bezos und Branson auch schon ins All fliegen . . .

Genau, jetzt machen sie auch noch den Mond kaputt!

Ihre Antwort auf die Frage, woher der Trost kommt, scheint aber vielmehr zu sein: andere Menschen. Und: nicht aufgeben.

Für mich liegt Trost auch darin, dass wir immer noch nicht wissen, was wir eigentlich wirklich wissen über die Welt. Ich hoffe auf neue, überraschende und nützliche Erkenntnisse. In Deutschland hatten Sie ja auch so schreckliche Regenfälle – die Vereinigten Staaten sind riesig, wir haben hier so viele Naturkatastrophen erlebt, aber die Reaktionen darauf blieben regional begrenzt. Wir haben uns an schreckliche Stürme und Hurrikans gewöhnt. Als dann im Sommer an der Ostküste auf einmal sehr viel Regen sehr schnell fiel, war das aber neu. Ich habe nur gedacht: Oh no, das ist dann wohl die nächste Version, wie die Dinge auseinanderfallen können. Es ist zweischneidig: Menschen passen sich an. Vielleicht werden sie an einen Punkt kommen, an dem ihnen das nicht mehr gelingen wird, aber bis dahin werden sie erforschen, ob wir beispielsweise Wasser aus der Luft gewinnen können. Menschen finden ihre Nische, in der sie etwas tun können. Alles andere wäre eine eigene Art von Verdrängung, also fatalistisch zu sein und zu sagen: Ich bin raus. Es ist eh vorbei.

Ist Ihr Roman ein Beitrag, diesen Bewusstseinswandel zu fördern?

Ich hoffe es. Ich wollte in „Wetter“ von einer Figur erzählen, die eben nicht umweltbewegt ist. Die, wenn überhaupt, genervt ist von Umweltschützern. Was, wenn man das alles trostlos findet? Und den Teil der Zeitung nicht liest? Aber was passiert, wenn jemand dann anfängt, darüber nachzudenken? Mir geht es ja auch so. Und das habe ich dann benutzt. Anstatt von einer Heilsbringerin zu erzählen, wollte ich einen ganz normalen Menschen nehmen, so wie wir fast alle sind: eine Klimaheuchlerin, die sich manchmal Sorgen macht und im nächsten Moment Burger mit Freunden isst und nicht mehr drüber nachdenkt. Diese Idealpolitik im Umweltschutz zu betreiben, in der man entweder für das eine oder das andere ist, gibt letztlich nur den Rechtsaußen großen Spielraum für ihre Demagogie. Es ist aber eine Gemengelage. Manchmal leben wir im Einklang mit dem, was wir für ethisch vertretbar halten, und manchmal nicht. Wenn es alle nur so halb hinkriegen, ist das immer noch besser als das, was wir jetzt haben.

Jenny Offill, „Wetter“. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Piper Verlag, 224 Seiten, 20 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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