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Bücher über Bauhaus-Frauen

Damen bitte zur Weberei

Von Ursula Scheer
 - 09:33

Absolute Gleichberechtigung, aber auch absolut gleiche Pflichten in der Arbeit aller Handwerker“ verhieß Walter Gropius als Gründungsdirektor des Bauhauses allen, die sich einschrieben. Und die Frauen, die gerade erst das aktive und passive Wahlrecht in der Weimarer Republik erhalten hatten, griffen zu. Ein akademisches Kunststudium war ihnen bis dahin fast ausnahmslos verwehrt geblieben, nun kamen sie dorthin, wo Kunst und Handwerk auf neue Weise miteinander verbunden werden sollten.

84 Frauen und 79 Männer immatrikulierten sich im Sommersemester 1919 am Bauhaus Weimar. Dass damit keine Gleichstellung und erst recht keine Umkehr der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern erreicht war, zeigte sich rasch: Die Zahl der Studentinnen wurde reduziert, Frauen wurden in die Weberei abgeschoben, der Aufstieg zur Meisterin erschwert. Dennoch war der Beitrag der Künstlerinnen substantiell: Marianne Brandt leitete die Metallwerkstatt und entwarf mit der Teekanne MT 49 eine Designikone. Gunta Stölzl setzte sich als erste Meisterin durch und wies als Leiterin der Weberei den Weg zum Industriedesign. Alma Buscher entwickelte Spielzeug und Kinderzimmermöbel. Friedl Dicker entwarf als Erste am Bauhaus ein Gebäude mit Flachdach und gründete ein erfolgreiches Architekturbüro. Lilly Reich, zeitweise Lebensgefährtin des letzten Bauhaus-Direktors Mies van der Rohe, entwarf Möbel und Mode. Die Weberin und Grafikerin Anni Albers behauptete sich neben ihrem Ehemann Josef als eigenständige Künstlerin.

Nach 1933 arrangierte Lilly Reich sich mit dem NS-Regime. Friedl Dicker starb in Auschwitz. Anni Albers lehrte am Black Mountain College in den Vereinigten Staaten. Die Werke und Lebenswege der Bauhaus-Frauen sind so disparat, ambitioniert, progressiv oder regressiv, geprägt von verschiedenen Ideologien, wie man es von einer Designschule erwarten kann, die sich für mittelalterliche Bauhütten, neue Nationalkunst, Ergotherapie, Farbmystik, Internationalität und Funktionalität begeisterte. Aber bis auf wenige Ausnahmen wie Anni Albers, die schon 1949 ihre erste Einzelausstellung im MoMA hatte, und Margarete Schütte-Lihotzky, die Schöpferin der Frankfurter Küche, kennt kaum jemand diese Frauen.

Brave Modernistin in einer Story voller Herzschmerz

Hundert Jahre nach der Gründung des Bauhauses will das eine ganze Reihe von Sachbüchern, Romanen, Fernsehfilmen und Ausstellungen ändern. Wie ein solches Vorhaben scheitern kann, zeigte kürzlich das Erste mit seinem Spielfilm „Lotte am Bauhaus“, der einer erfundenen Künstlerin Arbeiten realer Personen zueignete und sie als brave Modernistin in eine Story voller Herzschmerz verstrickte. Das stimmt nicht hoffnungsvoll, was die kommende ZDF-Serie „Die neue Zeit“ rund um das Bauhaus betrifft. Der Ausstrahlungstermin steht noch nicht fest, aber dass Frauen prominente Rollen spielen werden, dürfte ausgemacht sein.

Den Referenzpunkt für Sachbücher hat 2009 schon Ulrike Müller mit ihrem Buch „Bauhaus-Frauen“ (Elisabeth Sandmann Verlag) gesetzt, das kenntnisreich Biographien und einordnende Texte verbindet. Nun liegt es in einer überarbeiteten Ausgabe vor. Patrick Rössler und Elisabeth Otto reichen mit ihren „Frauen am Bauhaus“ (Knesebeck) nicht an das Standardwerk heran, bieten aber in 45 Porträts von Künstlerinnen eine ebenso fundierte wie leicht zugängliche Auswahl. Mit Fotografien aus dem Bauhaus-Alltag, lexikalischer Knappheit im biographischen Teil und einem differenzierten Essay über den 1930 im Magazin „Die Woche“ propagierten Typus des „Bauhaus-Mädels“ punktet Patrick Rössler in seinem gleichnamigen Band (Taschen). Den Überblickswerken ist der Wunsch anzumerken, zu Unrecht vergessene Künstlerinnen zu feiern. Mehr Raum für kritische Auseinandersetzung wäre schön gewesen.

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Weniger für Kunstwerke als für Lebenskunst interessiert sich Ursula Muscheler. Ihr Buch „Mutter, Muse und Frau Bauhaus. Die Frauen um Walter Gropius“ (Berenberg) liest sich wie eine Gesellschaftsreportage. Das Leben von Ise Frank, der Frau von Gropius, hat die Architekturprofessorin Jana Revedin zu der Romanbiographie „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“ (DuMont) inspiriert, die literarisch nicht überzeugt. Dann doch lieber realitätsferne Unterhaltungslektüre: Im Krimi „Tod am Bauhaus“ von Susanne Kronenberg (Gmeiner) jagt eine Kommissarin im Juli 2019 einen Mörder.

Besser, man macht sich selbst ein Bild davon, was Bauhaus-Frauen leisteten. Das Kölner Museum für Angewandte Kunst würdigt bis zum 11. August „Zwei Kölnerinnen am Bauhaus“: die Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein und die Bühnenbildnerin Marianne Ahlfeld-Heymann. Die Lebenswege von „4 Bauhausmädels“ zeichnet das Angermuseum in Erfurt (bis 16. Juni) nach. Und den Blick in die Zukunft richtet bis 14. Juli die Ausstellung „Bauhaus Frauen – Lehrerinnen und Absolventinnen der Bauhaus Universität Weimar“ – mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen.

Quelle: F.A.Z.-Woche
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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