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Serie „Mein Fenster zur Welt“

Diesen Posten werde ich halten bis zuletzt

Von Thomas Hürlimann, Walchwil
Aktualisiert am 04.04.2020
 - 20:44
Diesen Posten hält er bis zuletzt: Blick auf den Zugersee von Walchwil aus
Seitdem sich die Epidemie über das Land gelegt hat, gehört die Nacht wieder den Wasservögeln: Aus dem Fenster meines Fährhauses am Zugersee sehe ich den Fährmann am Ruder stehen.

Abend. Vor dem Fenster ist der See noch hell, aber in die Buchstaben meines Buchs sickert die Dämmerung hinein. Die Seiten werden zu grauweißlichen Flächen, die Wörter lösen sich auf, ein neuer Text entsteht. „Es nachtet ein“ – Musil hat das schweizerdeutsche Wort geliebt. Allerdings musste er sich im Genfer Exil, wo er am „Mann ohne Eigenschaften“ schrieb, durch bittere Zeiten kämpfen. Es sei, notierte er, ein ontologisches Kunststück, in der Schweiz zu überleben. Nicht nur in der Schweiz, offenbart mir mein Dämmerungsbuch. Existieren ist ein Kunststück.

Ein Posten – bis zuletzt

Der Raum, den ich bewohne, gehört zu einem alten Fährhaus. Es steht auf zwei Stelzen im See. Meine Einrichtung ist karg. Ich besitze den Lehnstuhl des Vaters, die Kommode der Mutter, ein Stehpult und Bücherregale. Nichts Überflüssiges an Bord, wie auf einem Kriegsschiff. Als mich mein Freund Botho Strauss besuchte, meinte er: „Diesen Posten kannst du halten bis zuletzt.“ Keine Stufen, alles Nötige zur Hand, eine Kochnische, eine Dusche, vor den Fenstern der Horizont. Einst hauste hier der Fährmann, der die Reisenden am Stehruder vom Ostufer des Zugersees hinüberbrachte nach Immensee, von wo es dann durch die Hohle Gasse weiterging nach Küssnacht, an den Vierwaldstättersee.

Josefin Platt liest
Diesen Posten werde ich halten bis zuletzt

Abertausende kamen hier vorbei, und im Einnachten meine ich auf dem Steg vor dem Südfenster eine Schar von Reisenden zu sehen. Über der Rigi, dem Berg am anderen Ufer, glitzern Sterne. Ich schaue zum Südfenster – der Steg ist leer, die Reisenden sind fort. Nachts gibt sich der See ein mondänes Ambiente. Wie an einer mediterranen Küste lichtern drüben, am Fuß der Rigi, die internationalen Nachtzüge vorbei, und hie und da gleitet eine Jacht durch die Bucht, ein Geisterschiff aus anderen Zeiten – seitdem sich die Epidemie über das Land gelegt hat, gehört die Nacht wieder den Wasservögeln. Manchmal springt ein Fisch, taucht klatschend wieder ab; oder ein Schwanenpaar schlägt mit seinen Flügeln und schwirrt dann knapp über dem Wasser hinaus in die Nacht.

Irgendwann geben die Vögel Ruhe, und durch das offene Fenster weht eine feuchte, faulig nach Tang riechende Stille herein. Der See bekommt einen finsteren Glanz, die Sterne strahlen heller, und gelingt es mir, nicht mehr nach innen zu hören, sondern mich auf das Lecken der Wellen an den verschlammten Stelzen des Fährhauses zu konzentrieren, reise ich auf der Jacht oder mit dem Schwanenpaar in die Traumwelt hinüber. Meistens erwache ich eine Stunde vor der Dämmerung – wenn Herr Tschümperlin im nahen Fischerhaus seinen Motor anreißt. Dann tuckert er hinaus, und da die Schallwellen auf der Wasserfläche ungehindert dahingleiten, wird das Gedröhn des sich entfernenden Kahns kaum leiser. Laut sind auch die endlosen Güterzüge, die dem anderen Ufer entlangkriechen, aber die Wasservögel schlafen noch oder scheinen stumm darauf zu warten, gemeinsam mit den Luftvögeln, die in den nahen Pappeln wohnen, das erste Licht zu begrüßen.

Schwarze Zeichen

Mit der Kaffeetasse trete ich auf den Steg und sehe über dem Zugerberg, der sich hinter dem Bootshaus erhebt, einen zartrosigen Streif entstehn. Von den Wäldern streicht Kühle herab, ich kehre ins Haus zurück, an mein Fenster zwischen den hohen Regalen, und auf einmal wird der Kahn mit Herrn Tschümperlin vom Nebel verschluckt. Das andere Ufer und die Steilwand der Rigi lösen sich auf, weit wird die Welt, weit und weich und unmerklich heller. Auch im Buch, das offen auf dem Stehpult liegt, vollzieht sich die Dämmerung. Auf den Seiten wimmeln schwarze Zeichen mit düsteren Zwischenräumen, aber schon im nächsten Augenblick, als würde eine unsichtbare Hand mit Zaubertinte schreiben, wird das Schriftbild klar, das Morgengrauen versickert, und der vom Schmerzensglück der Träume verwandelte Leser kann es kaum glauben, dass er denselben Roman wie gestern in den Händen hält. Neugierig beginnt er zu lesen, und plötzlich singt alles und schreit und jault, als würde das Fährhaus im Dschungel liegen. Ob das Dampfboot, das ich, der wahnsinnige Almayer (aus Joseph Conrads Roman), seit Monaten erwarte, doch noch kommt? Nein, die Seuche hat das Leben zum Erliegen gebracht, es wird zwar hell, doch behält der Tag etwas Nächtliches. Und schriller, schöner von Morgen zu Morgen jubeln die Vögel.

Thomas Hürlimann, geboren 1950, erschien zuletzt der Roman „Heimkehr“.

Quelle: F.A.Z.
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