Mandelas 100. Geburtstag

Worte waren seine einzige Waffe

Von Andreas Eckert
18.07.2018
, 15:23
Nelson Mandela im Jahr 2009.
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Obwohl er sich dagegen wehrte, wurde Nelson Mandela immer wieder zum Heiligen gemacht. Die Briefe, die er aus dem Gefängnis an schrieb, sind eindringliche Zeugnisse seiner Unbeugsamkeit.
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Am 11. Februar 1990 war es endlich so weit: Hand in Hand mit seiner Frau Winnie schritt Nelson Mandela mit in den Himmel gestreckter rechter Faust durch das Tor des Victor-Verster-Gefängnisses in der Nähe von Kapstadt. Hunderte von Fotografen und Journalisten und Tausende von Sympathisanten begrüßten ihn. Siebenundzwanzig Jahre zuvor war er als international nicht besonders bekannter Widerstandskämpfer gegen die Apartheid zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die Haft hatte ihn zum „berühmtesten Gefangenen der Welt“ und zu einer globalen Ikone werden lassen.

Seine Freilassung war Teil des Versuchs der südafrikanischen Regierung, angesichts der Krise des Apartheidsystems mit Hilfe von Reformen so viel wie möglich von der weißen Herrschaft zu retten. Präsident de Klerk musste sich indes nach zähen und von Gewalt begleiteten Verhandlungen schließlich den meisten Forderungen des African National Congress (ANC) beugen. Die ersten freien Wahlen in Südafrika, die der ANC mit großer Mehrheit gewann, fanden im April 1994 statt. Wenige Wochen später wurde Mandela als Präsident Südafrikas vereidigt.

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Bald überstrahlte der Mythos den Menschen. Mandela mutierte, wie ein Journalist rückblickend schrieb, „zum ‚Madiba‘ der Welt, ein liebenswerter, beinahe knuddeliger Elder Statesman, der mit seinem ansteckenden Lächeln und seinen herzlichen Umarmungen die hochgeschätzte Fähigkeit besaß, noch den zynischsten Nachrichtenjournalisten zu verzücken.“

Übermenschlicher Wille zur Versöhnung

Mandelas Wille zur Versöhnung erschien nahezu übermenschlich. Ein Mann, der fast drei Jahrzehnte unter extrem unwürdigen Bedingungen gefangen gehalten wurde, weil er für Gleichberechtigung eintrat, konnte dennoch seinen Widersachern verzeihen. Damit bewies er einen Edelmut, der unter seinen reumütigen Gegnern von einst Hoffnung weckte und Vertrauen in die Zukunft schuf, aber auch zwiespältige Reaktionen hervorrief. „Als Mandela kam und mir die Absolution erteilte, habe ich mich beschämt und erniedrigt gefühlt“, erinnerte sich der burische Schriftsteller und Journalist Rian Malan. Er habe sich gefragt: „Shit, wer ist dieser Kerl, wie kann der so reden nach all den Jahren im Knast?“

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Mandela selbst wehrte sich wiederholt gegen allzu große Verehrung. „Ein Thema, das mir im Gefängnis große Sorge bereitete, war das falsche Bild, das ich unabsichtlich der Außenwelt vermittelte; dass man mich als Heiligen betrachtete. Das war ich nie“, schrieb er in seinem zweiten, unvollendeten Memoirenband. Zugleich äußerte er die Überzeugung, die lange Gefängniszeit habe ihn positiv verändert: „Ich kam gereift heraus.“

Mehr als zweihundertfünfzig Briefe hat Mandela aus dem Gefängnis geschrieben - Zeugnisse eines Kampfes um Würde.
Mehr als zweihundertfünfzig Briefe hat Mandela aus dem Gefängnis geschrieben - Zeugnisse eines Kampfes um Würde. Bild: Robert von Lucius

Der militante, ungeduldige und hochmütige Revolutionär wandelte sich zu einem Mann, der Größe, Menschlichkeit, Wärme, Nachsicht und Humor zeigte. Bereits 1970 bekannte er in einem Brief an seine Frau Winnie, „dass ich, wenn ich auf meine früheren Schriften und Reden zurückblicke, entsetzt bin über ihre Pedanterie, ihre Geschraubtheit und ihren Mangel an Originalität. Der Drang, Eindruck zu machen und Reklame für sich zu betreiben, ist unübersehbar.“

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Dieses Schreiben ist abgedruckt in einer dieser Tage weltweit erscheinenden, umfassend kommentierten Auswahl von mehr als zweihundertfünfzig Briefen, die Mandela aus dem Gefängnis geschrieben hat. Heute wäre die im Dezember 2013 verstorbene Symbolfigur des Antirassismus hundert Jahre alt geworden. Die Briefe, die die südafrikanische Journalistin und Autorin Sahm Venter zusammengetragen hat, sind eindringliche und oft berührende Zeugnisse eines Lebens im Ausnahmezustand, einer stupenden Unbeugsamkeit und des Kampfes um Würde.

Trotz der rigorosen Zensur durch die Gefängnisbehörden entwickelte sich Mandela zu einem äußerst produktiven Briefeschreiber. Ihm war bewusst, dass jede seiner Zeilen mitgelesen wurde. Und dass längst nicht alle seine Zuschriften ihren Adressaten unbeschädigt erreichten. Manche wurden von den Zensoren bis zur Unleserlichkeit verstümmelt, andere lange zurückgehalten oder gar nicht versandt.

Den längsten Teil seiner Haft verbrachte Mandela auf Robben Island, heute eine Touristenattraktion. „Kaltes Essen, kalte Duschen, kalte Winter, kalter Wind vom Meer, kalte Aufseher, kalte Zellen, kalter Trost.“ So fasste ein Mitgefangener das Leben auf der berüchtigten Gefängnisinsel zusammen. Mandela formulierte unzählige Beschwerden an die Gefängnisverwaltung und den Justizminister und forderte bessere Bedingungen. Worte waren seine einzige Waffe. Geduldig vertrat er seine Anliegen und verband Eloquenz mit Gradlinigkeit.

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Nelson Mandela
Am ersten Tag in Freiheit
Video: FAZ.NET, Bild: dpa

„Ich verabscheue die weiße Vormachtstellung und werde sie mit allen zur Verfügung stehenden Waffen bekämpfen“, hielt er etwa Mitte der siebziger Jahre in einem umfassenden Schreiben an den obersten Gefängnisaufseher Südafrikas fest. „Doch selbst wenn der Konflikt zwischen Ihnen und mir die extremste Form angenommen hat, möchte ich mit Ihnen über Prinzipien und Ideale ohne persönliche Hassgefühle streiten, damit ich am Ende der Schlacht, wie immer sie ausgehen mag, Ihnen stolz die Hand schütteln kann, weil ich das Gefühl haben werde, dass ich einen aufrechten und würdigen Gegner bekämpft habe, der den kompletten Kodex von Ehre und Anstand beachtet hat. Wenn aber ihre Untergebenen mit ihren widerlichen Methoden weitermachen, dann ist das Gefühl echter Verbitterung und echter Verachtung unausweichlich.“

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Zärtliche Briefe

Er selbst suchte trotz aller Schikanen, Wege zu finden, um sich im täglichen Leben Zufriedenheit zu verschaffen. „Seele und Körper des Menschen sind unendlich anpassungsfähig, & es ist erstaunlich, wie sehr man abgehärtet werden kann“, heißt es in einem Brief an die Anti-Apartheidsaktivistin Adelaide Tambo. Viel Kraft gab ihm die Erinnerung an seine Kindheit im ländlichen Ostkap. „Während meiner gesamten Haftzeit“, schrieb er an einen alten Freund, „waren mein Herz & meine Seele ganz woanders, draußen im Veld und im Buschland.“ Hartnäckig betrieb er trotz permanenter Behinderung durch die Behörden ein Fernstudium in Jura, das er erst kurz vor seiner Haftentlassung abschließen konnte.

Als Mandela ins Gefängnis kam, war er Vater von fünf Kindern. Die beiden Jüngsten durfte er erst sehen, nachdem sie sechzehn Jahre alt geworden waren. Briefe bedeuteten die einzige Möglichkeit, an ihrem Schicksal und dem anderer Verwandter Anteil zu nehmen. Mandela mahnte, sprach Mut zu, klagte nie. Zärtlich und oft voller Sehnsucht waren die Briefe an seine Frau Winnie, die selbst einige Zeit in Haft verbringen musste. Nichts wünschte er sich mehr, „als mit Dir in einer friedvollen & anständigen Atmosphäre zusammen zu sein“. Einige familiäre Tragödien warfen ihn fast aus der Bahn, vor allem der Unfalltod seines ältesten Sohnes. „Plötzlich schien mein Herz stillzustehen, & das warme Blut, das in den vergangenen 51 Jahren mühelos durch meine Adern geströmt war, gefror zu Eis.“ Die Behörden verweigerten ihm die Teilnahme an der Beerdigung, wie schon zuvor nach dem Ableben seiner Mutter.

Gerade in Südafrika ist Mandela heute nicht unumstritten. Seine Konzilianz gegenüber Weißen findet scharfe Kritiker, sein Projekt einer nichtrassistischen „Regenbogennation“ scheint lange schon steckengeblieben zu sein. Für die grassierende Korruption und Vetternwirtschaft innerhalb des ANC wird auch er verantwortlich gemacht. Und doch begeisterte Mandela mit guten Gründen die Welt, weil er gleichsam lebendig aus dem Reich der Schatten zurückkehrte und auf diese Weise eine positive, aufschließende Kraft am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts verkörperte. Allein deshalb gebührt ihm ein besonderer Platz im Pantheon der jüngeren Geschichte.

Nelson Mandela: „Briefe aus dem Gefängnis“. Herausgegeben von Sahm Venter. Mit einem Vorw. v. Zamaswazi Dlamini-Mandela. Aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube. Verlag C. H. Beck, München 2018. 752 S., geb., 28,– Euro.

Quelle: F.A.Z.
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