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Tiere im Roman

Die Wölfe sind unter uns

Von Sandra Kegel
 - 08:13
Nur ein Tier, oder doch wieder eine Metapher für irgendwas Größeres? Wildtiere bevölkern die Gegenwartsliteratur.

Zunächst hinterlässt er nur Spuren im Schnee, irgendwann taucht eine Fotografie von ihm auf. Obwohl sie unscharf ist, wird sie in allen Zeitungen abgedruckt. Sie zeigt den einsamen Wolf, der im Romandebüt des Dramatikers Roland Schimmelpfennig durchs winterliche Land zieht. Doch er erscheint weniger angriffslustig als vielmehr so orientierungslos wie die Menschen, von denen außerdem erzählt wird. Ob die polnische Putzfrau, die ihren Freund betrügt, die Jugendlichen vom Dorf, die ihr Glück in Berlin suchen, oder die türkische Zeitungsvolontärin, die sich in der Hoffnung auf eine Story an seine Fersen heftet, alle taumeln durch eine Gegenwart, auf der ein Schrecken des Eises und des finsteren Tieres liegt.

Was ist da los? Will uns ein Roman mit dem sperrigen Titel „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21.Jahrhunderts“ Einblicke ins Berliner Wolfserwartungsland geben? Das auf die Hauptstadt zuwandernde Tier hält ja nicht nur die losen Short Cuts des Romans zusammen. Vor allem entzünden sich an ihm die wildesten Phantasien und Ängste der Menschen. Interessant an der Wolfsgeschichte aber ist der Ort. Denn anders als im Märchen, das die Konfrontation mit dem kinderhungrigen Wolf stets im Wald, also in dessen ureigenem Terrain, schildert, erzählt Schimmelpfennigs Prosa von der Rückkehr der Wildtiere in die Zivilisation.

Die Menschen fürchten den neuen Nachbarn

Dass diese damit ihre Probleme hat, wissen wir, spätestens seit der Problemwolf Kurti durch Niedersachsen zieht und damit sogar Flugzeugeinsätze provozierte. Die Menschen fürchten den neuen Nachbarn, der aus dem Osten zugewandert ist und plötzlich in ihren Wohngebieten auftaucht. Geschichten von angegriffenen Joggern und flüchtenden Müttern mit Kinderwagen kursieren im Netz. Im Roman taucht das Tier bald nicht nur im Wedding und am Mauerpark auf, sondern auch in den Träumen der Menschen. Das ist nur konsequent: Denn um sich den Wolf vom Leib zu halten, muss man ihm erst einmal ganz nah kommen.

Was an Schimmelpfennigs Roman verblüfft, ist sein Umfeld. Denn das Buch ist kein Solitär, sondern, wie es scheint, nur das auffälligste Element einer ganzen literarischen Bewegung. Ein Blick in die Frühjahrsproduktion der Verlage zeigt, dass Tiere derzeit unwiderstehlich sind. Das Programm ist bestialisch wie nie: In Isabel Bogdans englischer Landpartie macht ein sich spreizender Pfau eine Gruppe von Bankern, die sich zum Teambuilding treffen, ganz verrückt. In Nis-Momme Stockmanns norddeutscher Apokalypse treiben kleine, schlaue Füchse ihr Unwesen im Untergrund. In Juli Zehs Dorfroman entzündet sich an einem seltenen Vogel eine Debatte über weit größere Fragen. Jan Wagners jüngste Gedichtsammlung nennt sich „Selbstporträt mit Bienenschwarm“, bei Thomas Glavinics neuem Roman „Der Jonas-Komplex“ wird einem Frettchen übel mitgespielt, und selbst eine Ausgrabung wie David Garnetts „Dame zu Fuchs“ aus dem Jahr 1922 passt auf irritierende Weise in das literarische Tierleben dieser Tage.

Tiere als Subjekte mit eigenen Rechten

Das geht weit über die Belletristik hinaus: Tiere sind auch in den Geisteswissenschaften das Thema der Stunde. An den vielen neuen Lehrstühlen für Human-Animal-Studies betrachten Soziologen, Politikwissenschaftler und Juristen Tiere als Subjekte mit eigenen Rechten und einem Platz in der Gesellschaft. Und der Verlag Matthes &Seitz erzielt mit seinen aufwendig gestalteten Tierporträts über Krähen, Esel oder Schnecken, die in der Reihe „Naturkunden“ von Judith Schalansky erscheinen, beachtliche Auflagen von bis zu dreißigtausend verkauften Exemplaren.

Natürlich liegt es nahe, darin einen eskapistischen Reflex zu sehen: Je komplexer unsere Zivilisation, desto attraktiver die Exponenten der Natur. Aber die Dinge sind komplizierter. Denn die Entfremdung von Mensch und Tier ist sehr viel älter als jede literarische Mode der letzten hundert Jahre. Und Schriftsteller haben sich seit der Antike mit Tieren befasst, wenn sie etwas über den Menschen erzählen wollten: Der kluge Fuchs, der tapsige Bär, der dumme Esel – am animalischen Hausgenossen ließen sich trefflich vereinseitigte menschliche Eigenschaften darstellen, gerade in der Literatur. Und als seit der Romantik die Integrität des Menschen durch den beginnenden Verlust der traditionellen Rollen zunehmend fraglich wurde, als Maschinenmenschen, Untote oder Baummenschen die Literatur bevölkerten, da fanden auch vermenschlichte Tiere wie Wilhelm Hauffs „Affe als Mensch“ oder in Tiere verwandelte Menschen wie Kafkas Gregor Samsa ihren genuinen Platz.

Miteinander von Mensch und Tier

Seit dem zwanzigsten Jahrhundert aber, zumal seit dem Ende des Ersten Weltkriegs, löst sich das selbstverständliche Miteinander von Mensch und Tier auf, mit literarischen Folgen bis in die Gegenwart – Ulrich Raulff hat dies jüngst am Beispiel der Pferde nachgezeichnet, die mit der Erfindung des Verbrennungsmotors ihre Rolle als allgegenwärtiges Transportmittel einbüßten und zugleich eine wachsende Präsenz in den Künsten erlangten. Kein Einzelfall: Je weiter dieser Prozess insgesamt vorangeschritten ist, an dessen vorläufigem Ende die Legebatterien der Hühner und die Melkmaschinen im Kuhstall stehen, desto heftiger beschäftigen die abwesenden Tiere unsere Vorstellungswelt – und sei es in der Karikatur eines kommunistischen Kängurus, das Schnapspralinen verspeist, wie es in Marc-Uwe Klings Trilogie erscheint.

„Im stummen Blick der Tiere schaut diese unvermeidliche Schuld uns an. Deshalb ängstigen und betören uns ihre Blicke gleichermaßen“, schreibt Thomas Hettche, selbst Autor des tierreichen Romans „Pfaueninsel“, in einer Reflexion über Tiere in der Literatur unserer Tage, die er in einem verstörenden Blick in einen Schweinetransporter münden lässt. Denn auffällig ist, wie ratlos, ja geradezu befremdet der Mensch in der zeitgenössischen Literatur dem Tier gegenübersteht. Die Begegnung mit dem Tier, die unerhörte Begebenheit, löst irrationale Ängste aus, die mehr mit uns selbst als mit den Wesen zu tun haben, denen wir unsere Albträume verdanken.

Der unstillbare Hunger eines Fuchses

Und die wir gerade deshalb unnachsichtig verfolgen. Die Wunde im Roman von Roland Schimmmelpfennig jedenfalls verursacht nicht der Wolf, sondern ein Mensch. Und auch die Füchse, die buchstäblich durch Nis Momme-Stockmanns Roman geistern, sind vor allem durch ihre Zeichen und Spuren präsent, nicht durch direkte Angriffe. Doch was sie bewirken, ist möglicherweise der Untergang des gesamten Dorfes, das sie klammheimlich mit einem Tunnelsystem unterminiert haben.

Hier der Mensch, dort der listige Fuchs? Es ist die Pointe von Nis-Momme Stockmanns Roman, dass es durch die Hintertür doch noch zu einer Verbindung beider Sphären kommt. Denn sein Erzähler offenbart nach und nach eine geradezu füchsische Natur: Er hat, heißt es im Roman, den unstillbaren Hunger eines Fuchses, der „frisst und frisst und frisst, bis er ganz einsam ist“.

Am Ende ist er der letzte Überlebende des apokalyptischen Infernos. Und trägt auf diese Weise ein literarisches Erbe weiter, das sich als mächtig genug erweist, auch die größte Katastrophe zu überdauern.

Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.
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