FAZ plus ArtikelRomanrezension

Mit Aufbackviennoiserien lässt sich auch leben

Von Katharina Teutsch
16.05.2022
, 20:15
Verena Roßbacher
Schicksalsjahre einer Konsumentin: Verena Roßbachers komisches Meisterwerk „Mon Chéri“.
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„Ein paar Worte vorneweg“, heißt es vorneweg. Eine gebieterische Ruckrede, mit der die Leserin von „Mon Chéri“ schon in der Überschrift des Vorspanns auf Linie gebracht wird. Auf den folgenden fünfhundert Seiten wird man sich jedenfalls noch an ihn erinnern. Dort, wo er mahnende Gebrauchsanleitung zum belletristischen Verzehr ist, und auch dort, wo er über Bord geworfen wird. „Handke“, steht da also, „Handke sagte einmal, über Sexualität gebe es nichts zu schreiben. Er sagte, auch im Kino schaue er immer weg, Sexszenen würden alle erniedrigen, die Zuschauer wie die Darsteller. Handke und ich sind weiß Gott nicht immer einer Meinung, aber in dieser Sache muss ich ihm auf die Schulter klopfen.“

„Mon Chéri“, der vierte Roman von Verena Roßbacher, ist also ein Buch, das sich von Handke herleitet (zumindest in dem Punkt) und das von Menschen in Berlin handelt, deren Sexleben uns weitgehend verborgen bleibt zugunsten einer noch viel intimeren Besichtigung ihrer „demolierten Seelen“. So heißt „Mon Chéri“ im Untertitel. Und auch da hilft der frühe Handke. Aber eigentlich kann man sich jetzt auch wieder von ihm trennen. Denn dieses Buch mit insgesamt drei spektakulären Sexszenen gegen die Verabredung braucht ihn nicht. Eines zum Handke-Komplex sei vielleicht aber noch nachgereicht. Es wird ein Baby geboren, das Petra heißen soll – als Hommage an den großen Dichter!

Dallmayr Prodomo, Werther’s Echte und Mon Chéri

Die Mutter des Babys wird eingeführt als eine Person, die an Silvester notorisch zum sogenannten „Notfallessen“ eingeladen wird. Dort landen nur die, die jetzt allein sind und es lange bleiben werden. „Ja, das war das Problem. Ich musste immer alles alleine machen, Essen kochen und Musik machen, mich vor meiner Post fürchten, einfach alles. Ich seufzte. So wie es aussah, würde ich auch meine Kinder in Eigenregie zeugen müssen, sollte ich je welche haben wollen. Ich musste mir eingestehen: Die Zeit arbeitete gegen mich.“

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