Stein und Zeit

Wie indigenes Denken unsere Kultur bereichern kann

Von Hernán D. Caro
31.10.2021
, 14:38
Angehörige der Krenak am Ufer des Rio Doce nach der schweren Umweltkatastrophe im Jahr 2015
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Alles ist Natur: Drei neue Bücher zeigen, dass das Denken und Wissen indigener Völker nicht nur mit einer modernen Perspektive kompatibel ist – sondern diese sogar bereichern kann.
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Während verheerende Na­turkatastrophen die Welt bedrohen, wächst seit einigen Jahren das Interesse an einem Denken, das der Kanon westlicher Gesellschaften lange als rückständig und unaufgeklärt diskreditiert hat. Unter den Schlagworten „Indigenes Wissen“ oder „Traditional Ecological Knowledge“ (TEC) untersuchen TED-Talks, Bücher und Kunstausstellungen, wie indigene Völker weltweit das Verhältnis zwischen Mensch und Erde verstehen, wie sie sich den klimatischen Krisen unserer Zeit entgegenstellen – und was vermeintlich fortschrittliche Industriegesellschaften von diesen lokalen Wissenssystemen lernen könnten.

Ungefähr 5000 Völker werden heute als indigen bezeichnet, das sind, nach Schätzungen der Vereinten Nationen, rund 370 Millionen Menschen in mehr als 70 Ländern. Insofern ist schon die Kategorisierung all der verschiedenen Denkansätze nicht unproblematisch. Dass man aber durchaus gewisse Leitgedanken erkennen kann, zeigen drei kürzlich auf Deutsch erschienene Bücher: Ailton Krenaks „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“, Robin Wall Kimmerers „Geflochtenes Süßgras: Die Weisheit der Pflanzen“ und Tyson Yunkaportas „Sand Talk: Das Wissen der Aborigines und die Krisen der Moderne“. Bei allen drei Autoren und Autorinnen ist die Vorstellung von Natur als komplexes lebendiges Geflecht aller Wesen, Dinge und Phänomene zentral, eine Vorstellung, die im Kontext der aktuellen Krise erstaunlich modern erscheint.

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Ailton Krenak ist einer der bekanntesten Denker Brasiliens. Er ist Angehöriger des Krenak-Volkes, das im Bundesstaat Minas Gerais angesiedelt ist. Im Jahre 2015 erlebte die Gemeinschaft die wohl schlimmste Umweltkatastrophe der brasilianischen Geschichte, als nach dem Bruch eines Bergbaudamms eine mit Schwermetallen belastete Schlammlawine ganze Dörfer begrub und sich in den Rio Doce ergoss, dessen Ufer die Heimat der Krenakis war. „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“ sammelt Vorträge, in denen sich Krenak als scharfer Kulturkritiker erweist. Eine Äußerung zieht sich wie ein roter Faden durch sein Buch – wie auch, in unterschiedlichen Formulierungen, durch jene von Kimmerer und Yunkaporta: „Ich kann nicht erkennen, wo etwas anderes sein soll als Natur. Alles, was ich mir vorstellen kann, ist Natur“.

Nachhaltigkeit und Aufklärung – selbstgerechte Begriffe?

Auf Basis dieses Gedankens verurteilt Krenak die selbstgerechte Wucht, mit der moderne Gesellschaften die Erde misshandeln. Und er demontiert verschiedene, im Westen selbstverständliche Begriffe wie „Menschheit“ oder „Nachhaltigkeit“. Für Krenak hat die Annahme, es gebe eine „aufgeklärte Menschheit“, die besser als andere Kulturen aller nicht-rationalen Lebewesen sei, zu den Verbrechen der europäischen Kolonialisierung und zum menschlichen Überfall auf die Natur geführt. Auch „Nachhaltigkeit“ ist für ihn ein „Mythos“, der „von Konzernen erfunden wurde, um ihren Raubzug an dem zu rechtfertigen, was wir Natur nennen“. Krenak betont, dass Natur ein lebender Organismus sei – und kein Supermarkt.

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Auch Krenaks Ansichten über das „Ende der Welt“ sind erstaunlich unsentimental: Die allgegenwärtige Angst vor einem Ende der Menschheit ist für ihn nur ein weiteres Produkt einer vom Konsum besessenen Gesellschaft, geschürt, um immer mehr zu verkaufen. Wie die Apokalypse aufzuhalten sei? Das wisse er auch nicht. Eines aber weiß er: Wenn wir keine „Zuneigung zu nicht-menschlichen Wesen entwickeln“, wird unsere Zivilisation ersticken. Doch das Ende der Menschheit bedeute nicht unbedingt das Ende des Lebens. „Warum stört uns das Gefühl zu fallen?“, fragt er. „Wir haben doch in der letzten Zeit nichts anderes getan.“

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Das Bild der Natur als allumfassender Organismus liegt auch Robin Wall Kimmerers „Geflochtenes Süßgras“ zugrunde. Kimmerer, Professorin für Umweltbiologie in New York und Mitglied der Potawatomi-Nation von Oklahoma, vertritt das „Traditional ecological know­ledge“, das indigenes Wissen mit moderner Wissenschaft verbindet. Anhand von traditionellen Erzählungen erörtert sie die fundamentale Rolle, die unterschiedliche Pflanzenarten im Leben und Denken der Potawatomi spielen, und inwieweit die moralische Haltung des Volkes auf Dankbarkeit gegenüber der Erde beruht. Dabei zeigt sie, dass das Wissen der Indigenen nicht nur mit einer modernen Perspektive kompatibel ist, sondern diese bereichern könnte. „Geflochtenes Süßgras“, das in den Vereinigten Staaten zum Bestseller wurde, ist eine fesselnde Sammlung von Mythen und Lehren. Dabei wird jedoch deutlich, dass die Mythen – in denen Tiere und Pflanzen mit Menschen auf Augenhöhe interagieren – mehr als „farbenreiche Folklore“ sind. Sie sind narrative Spiegelbilder eines Naturverständnisses, dessen deutlicher Unterschied zum jüdisch-christlichen schon in den jeweiligen Schöpfungsgeschichten angelegt ist: Während etwa die „Himmelsfrau“ der Potawatomi mit einer Handvoll Samen vom Himmel fällt und so den Ursprung des Lebens auf der Erde schafft, wird Eva für den Raub der Früchte eines Baumes bestraft und aus dem Garten vertrieben.

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Gegenseitiges Gedeihen statt individuelles Wohlbefinden

Am Beispiel der Fruchtreife bei den Pekannussbäumen erklärt Kimmerer die komplexe Vernetzung von Ökosystemen und die positiven Veränderungen, die eine Anwendung der Intelligenz der Bäume für unsere Marktwirtschaft bringen könnte. „Alles Gedeihen beruht auf Gegenseitigkeit“, sagt sie. Es sei ein fataler Fehler zu glauben, die Früchte der Erde seien menschlicher Besitz und man könne „individuelles Wohlbefinden“ von einem „gesunden Ganzen” trennen. Das mag für manche wie eine rührende Weisheit klingen. Es ist aber eine Mahnung. Denn Kimmerer zeigt: Leidet ein Teil der Natur, leiden wir irgendwann alle.

Die Vorstellung der Natur als ein komplexes Ganzes zieht sich auch durch „Sand Talk“ von Tyson Yunkaporta, Professor für „Indigenous Knowledges“ in Melbourne und Mitglied des Apalech-Clans im Nordosten Australiens. Er möchte nicht „über Systeme indigenen Wissens für ein globales Publikum“ berichten, sondern „globale Systeme“ aus der indigenen Perspektive untersuchen. Die Weltsicht der Aborigines, die aus der „symbiotischen Beziehung zur Erde und zu den Ahnen“ besteht, erklärt Yunkaporta anhand ihrer Mythen und Sandzeichnungen. Durch diese begreifen die australischen „First People“ ihren Alltag – und die wesentliche Verbundenheit zwischen Mensch, Umwelt und Kosmos. Sie denken in komplexen, vernetzten Strukturen. Yunkaporta legt nahe, dass verschiedene Bereiche unseres modernen Lebens – von Nahrungsketten über Ökonomie bis zu Geschlechterverhältnissen – auch als Netzwerke verstanden werden sollten, damit sie zukunftsfähig sind.

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Die Lektüre des eigenwilligen „Sand Talk“ ist nicht immer leicht, aber inspirierend. Selbst die einzelnen Kapitel bilden ein Netzwerk, und die Gedankenexperimente Yunkaportas sind vielseitig. Er denkt über praktische Fragen nach, etwa wie unsere Justizsysteme effektiver werden könnten, wenn wir die Sicht der Aborigines einnehmen würden. So könnten Straftäter streng und prompt bestraft werden, aber auch die Chance bekommen, noch mal von vorne anzufangen. Er behandelt aber auch theoretische Fragen wie jene nach einem Ursprungsmoment des Universums. Wenn alles, was existiert, ein dynamisches, belebtes System ist, sei die Schöpfung kein „Ereignis, das lange her ist“, sondern etwas, das sich „jetzt noch entfaltet“ – ein Gedanke, den auch Ailton Krenak in seinen Vorträgen äußert.

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Trotz aller Kompatibilität unterscheidet sich das indigene Denken in manchen Punkten wesentlich von westlichen Weltbildern. Gemeinsam ist Krenak, Kimmerer und Yunkaporta die Ablehnung des Anthropozentrismus. Kimmerer spricht von einem „Bündnis“, in dem wir alle stehen: „der Atem der Pflanzen für den Atem der Tiere, Gras und Feuer, Leben und Tod“. Für die Potawatomi sei Süßgras „sowohl Heilkraut als auch eine Verwandte“. Deshalb gebe es für sie nicht nur keine „Hierarchie der Lebewesen“ mit dem Menschen an der Spitze. Im Gegenteil, die Menschen haben „am wenigsten Erfahrung mit dem Leben und müssen daher am meisten lernen“.

Auch für Yunkaporta gibt es „keinen Unterschied zwischen dir, einem Stein oder einer Ampel“. Dies wiederum veranschaulicht Krenak mit einer wunderbaren Anekdote: Ein europäischer Wissenschaftler wollte mit einer Frau des Stammes der Hopi sprechen. Als er zu ihr kam, „stand die alte Frau an einem Felsen. Der Wissenschaftler wartete, dann fragte er: ‚Will sie nicht mit mir reden?‘ Der Mittelsmann antwortete: ‚Sie unterhält sich gerade mit ihrer Schwester.‘ ‚Aber das ist ein Stein.‘ Und der Mann sagte: ‚Na und?‘“ Menschen seien „nicht die einzigen interessanten Wesen mit einer eigenen Sicht auf das Sein“, schreibt Krenak. Und Yunkaporta fragt sich, ob die intelligenten Ameisenigel wohl auch an derselben „Täuschung“ wie die Menschen leiden, dass ihre Spezies das Zentrum des Universums ist.

Moral gegenüber der Natur

Der zweite Gedanke, der mit der indigenen Ganzheitslehre zusammenhängt, ist entscheidend: Moralisches Handeln sei nicht nur eine zwischenmenschliche Interaktion, sondern eine Verpflichtung des Menschen gegenüber der gesamten Natur. Kimmerer erzählt von „minidewak“, der Schenkfeier ihres Volkes, wo jeder etwas verschenkt, um daran zu erinnern, dass wir, die von der Erde alles nehmen, dieser danken und auch etwas geben sollten: an erster Stelle Respekt. Und Yunkaporta nennt die Menschen „Hüter der Schöpfung“ – denkt aber auch, Stachelschweine würden diesen Job wesentlich besser angehen als wir.

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Zeitgleich mit dem Erscheinen dieser Bücher brannten in allen Ecken der Welt Wälder, Fluten kamen über mehrere Länder, und die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes erreichte einen neuen Höchststand. Der Weltklimarat bestätigte, dass diese Katastrophen auf menschliche Einflüsse zurückzuführen seien. Sie sind die Ergebnisse einer Zivilisation, die ihre eigenen Ansichten für rationaler, klüger und richtiger als diejenigen „primitiver“ Kulturen hält, die seit der europäischen Kolonialisierung ständig vor der Vernichtung stehen.

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„Wenn Dinge, die wir lieben, auseinanderfallen“, sagt Kimmerer, „suchen Menschen nach einer anderen Lebensweise.“ Wir bräuchten „Interdependenz statt Unabhängigkeit“ – etwas, das für indigene Gesellschaften seit Urzeiten offensichtlich sei. Doch es bleibt die Frage, ob die Menschen industrialisierter Gesellschaften – denen es leichter fällt, an den Wert von Bitcoins zu glauben als daran, dass Tiere, Bäume oder Pilze intelligent sind – überhaupt in der Lage sind, von Kulturen zu lernen, die sie seit Jahrhunderten gering schätzen.

Wenn man die Experten fragt, gibt es immerhin noch Hoffnung: Yunkaporta glaubt, dass das Denken, das auf der „symbiotischen Beziehung“ zur Natur beruht, ursprünglich allen Kulturen angehörte. Es ist also keine indigene Eigenart. So müsste es möglich sein, dass jeder Mensch es selbst wiederentdeckt. Für Kimmerer könnte es, angesichts der aktuellen planetarischen Krisen, „vielleicht gerade noch rechtzeitig“ sein. Krenak schließlich spricht von einer „Erweiterung unserer Subjektivität“. Damit meint er allerdings keine individuelle „Selbstverwirklichung“, sondern die Einsicht, dass wir Menschen nicht Sinn und Zentrum der Existenz sind. Womöglich ist es aber nicht der Mensch, der diese Erkenntnis haben wird: Die Welt als „gesellschaftliche Erfindung“, schreibt Krenak, sei tatsächlich „dem Untergang geweiht“ – die „Welt als Planet“ werde aber „ihre wunderbare Fahrt noch ein paar Milliarden Jahre fortsetzen. Nur wir werden unterwegs von Bord geworfen.“ Die Welt braucht uns nicht, um sie zu retten.

Ailton Krenak: „Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen“. btb, 144 Seiten, 10 Euro . Robin Wall Kimmerer: „Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen“. Aufbau, 461 Seiten, 24 Euro. Tyson Yunkaporta: „Sand Talk. Das Wissen der ­Aborigines und die Krisen der modernen Welt“. Matthes & Seitz, 300 Seiten, 28 Euro.

Quelle: F.A.S.
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