Frankfurter Anthologie

Kurt Marti: „gedicht für eine fliege“

Von Thomas Brose
23.07.2021
, 17:00
Dieses Gedicht wirkt wie eine Vergrößerungsglas: Es schärft unseren Blick für die kleinen und kleinsten Lebewesen und Dinge.

Das Leben einer Fliege: Es ist kaum der Rede wert. Schnell verwandeln sich Menschen in subtile Jäger, wenn sie sich beim Essen oder Schlafen genervt fühlen. Im ungleichen Kampf zwischen Klein und Groß kann sich die Fliege höchstens auf zwei hochentwickelte Facettenaugen (oculi compositi) verlassen. Diese erlauben es ihr, blitzschnell zu reagieren und sich in Sicherheit zu bringen. In Kurt Martis „gedicht für eine fliege“ ist davon nicht die Rede. Frieden liegt über der nächtlichen Szenerie; Schneefall dämpft alles Ungute. Keine Gefahr, dass das Tierchen mit einer Handbewegung vernichtet wird.

Die Lektüre des Gedichts wirkt wie eine Lupe; sie vergrößert eine räumlich klein dimensionierte Welt. Erst durch diesen Vergrößerungseffekt erscheint das Erwachen eines winzigen Lebewesens – seine Lebensspanne beträgt nur wenige Tage – als staunenswertes Ereignis: als Geburt. Damit das, was uns da plötzlich vor Augen tritt, nicht fremd bleibt, dafür sorgt der schon am Anfang mit dem Adjektiv „unzeitig“ eingebaute Hinweis auf die „Jetztzeit“ (Jean Paul).

„Ich wuchs in kleinbürgerlicher Geborgenheit auf“ – so charakterisierte der vor hundert Jahren in Bern geborene Kurt Marti seine Herkunft. In seiner Heimatstadt besuchte er gemeinsam mit Friedrich Dürrenmatt das Freie Gymnasium. Anders als sein Mitschüler fand er aber erst spät, mit den Bänden „Boulevard Bikini“ und „Republikanische Gedichte“ (1959), zum Schreiben. Furore machte der Lyriker dann 1967 durch „Rosa Loui. Vierzg Gedicht ir Bärner Umgangs-schprach“. Ohne seine Wendung zum heimatlichen „Dialekt“ (eigentlich eine Vollsprache) wäre die um 1970 einsetzende Renaissance der modernen Schweizer Mundartdichtung kaum denkbar gewesen, konstatiert Roman Bucheli. Nachdem Marti sich anfänglich für Jura interessiert hatte, studierte er unter dem Eindruck der politisch-prophetischen Präsenz Karl Barths in Bern und Basel Theologie.

Wir sind dabei gewesen

„Weder war mein Elternhaus besonders musisch noch christlich, Vater praktizierte als freiberuflicher Notar . . . Mit Liebe und Ängstlichkeit umsorgte mich meine Mutter.“ Nach dem Krieg wurde Marti Seelsorger für deutsche Kriegsgefangene in Paris und sammelte politische Erfahrungen, die sein Leben als reformierter Pfarrer, als Prediger, Essayist und engagierter Literat grundierten. Republikanisch nüchtern veranlagt, begeisterte er sich für die Befreiungstheologie und formulierte den Wunsch: „Daß Gott ein Tätigkeitswort werde“. Der Formelhaftigkeit religiöser Sprache begegnete er mit helvetischem Humor: „aus untiefen / ruf ich / gott / nach mir“.

Das Poem von der blau schimmernden Fliege, die „im gelben licht / einer reispapierlampe“ surrt, verdankt sich anderen Zusammenhängen. Es erinnert an die Meisterschaft, mit der sich Jean-Henri Fabre dem Studium kleinster Lebewesen verschrieb. Auch Marti protokolliert, wie es mit „seiner“ Fliege (Brachycera) nach ihrem Erwachen weitergeht: „surrt sie aufab aufab / vor bücherregalen“. Fabre, den Viktor Hugo als „Homer der Insekten“ bezeichnete, berichtet in seinen „Souvernirs entomologiques“ keineswegs über mythologische Gestalten, sondern von jenen Dramen, die Grabwespe, Mörtelbiene und Mistkäfer erleben. Nur mit einer Lupe, und unermüdlicher Geduld ausgerüstet, erkundete der Entomologe die Lebensgeschichten von Zikaden und Skarabäen.

Auch Kurt Marti hält für seine Leserinnen und Leser einen unwiederholbaren Moment innerhalb des Mikrokosmos fest. „Ja, und / (so höre ich fragen) / was willst du uns damit sagen?“ Ludwig Wittgenstein hat in den „Philosophischen Untersuchungen“ Mensch und Fliege den Platz wechseln lassen. Sein Fazit: Ziel der Philosophie sei, „Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ Doppelt mit „nichts nichts“ verneint der gewitzte Lyriker, dass er mit seinem Gedicht etwa die Absicht verfolge, mehr als einen Beitrag zur Zoologie zu leisten: „ich schreibe das auf / für die fliege“. Soll man ihm das abkaufen? Längst ist durch die Lektüre klar geworden: Das Erwachen einer Fliege ist ein weltbewegendes Ereignis – und wir sind dabei gewesen.

Kurt Marti: „gedicht für eine fliege“

unzeitig
(draußen fällt Schnee)
ist in der stille
des nächtlichen zimmers
eine fliege erwacht

blau schimmernd
im gelben licht
einer reispapierlampe
surrt sie aufab aufab
vor bücherregalen

ja und
(so höre ich fragen)
was willst du uns damit sagen?

nichts nichts:
ich schreibe das auf
für die fliege

Kurt Marti: „Die Liebe geht zu Fuß“. Ausgewählte Gedichte. Nagel & Kimche, Zürich 2018. 232 S., geb., 21,– €.

 

Von Thomas Brose ist zuletzt erschienen: Felicitas Hoppe: „Fährmann, hol über! Oder wie man das Johannesevangelium pfeift.“ Mit einem Essay herausgegeben von Thomas Brose. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2021. 160 S., geb. 18,– €.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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