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Zukunft der Verlage

Amazons größter Feind heißt heute Amazon

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Sie sind seit nunmehr einem Jahr Verleger von Hoffmann und Campe, nachdem Sie vorher mehr als zwanzig Jahre bei Diogenes in verantwortlicher Position tätig waren. Das war der Verlag, der als Erster im deutschsprachigen Raum einen Zwist mit Amazon ausgefochten hat. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Das war vor zehn Jahren Sache der Vertriebsleitung, nicht meine. Als der Streit publik wurde, gab es eine ungeheure Sympathiewelle für Diogenes, der von den Buchhändlern prompt zum Verlag des Jahres gewählt wurde. Jedenfalls gab Diogenes in der Konditionenfrage damals nicht nach, und Amazon nahm die Auslistung der Diogenes-Bücher zurück.

Wie sehen Sie Amazons heutige Aktivitäten?

Das ist nur das jüngste Scharmützel in einem lang andauernden Verdrängungswettbewerb zwischen Verlagen und Buchhändlern und Amazon, der vor allem eins im Visier hat: Wachstum, Marktanteile. Bei Amazon kann man neben Katzenstreu und Ofenhandschuhen auch Bücher kaufen, was unterstreicht, dass Amazon vor allem ein Händler ist, dem es um Zahlen geht, nicht um Buchstaben, aus denen man schöne Sätze und gute Bücher formen kann. Beim aktuellen Zwist zwischen dem Netzkonzern und den Verlagen der Bonnier-Gruppe geht es nicht um den Rabatt bei gedruckten Büchern, sondern um den bei E-Büchern. Das ist brisant, denn im digitalen Bereich ist Amazon Marktführer, und falls sich herausstellen sollte, dass das Unternehmen hier seine dominante Stellung ausnutzt, müssen die zuständigen Behörden tätig werden. Der Konflikt ist gravierend, weil viel auf dem Spiel steht. Je mehr Rabatt Amazon fordert, desto weniger verdienen der Verlag und dessen Autoren, und desto interessanter wird es für Autoren, ihre E-Bücher direkt über Amazon zu vertreiben.

Haben Verlage denn dann überhaupt eine Chance gegen Amazon?

Ja, denn beim Amazon-Verlag würden wohl Logarithmen die verlegerischen Entscheidungen treffen, und was für eine Autorenbetreuung kann Amazon bieten? Außerdem wollen die allermeisten Autoren neben E-Books auch gedruckte Exemplare ihrer Bücher sehen, und zwar auf den Tischen der Buchhandlungen - das kann Amazon nicht bieten.

Haben Sie schon einmal bei Amazon bestellt?

Das ist, als ob man einen Grünen-Politiker fragt, ob er mit dem Fahrrad oder der Limousine ins Ministerium fährt. Ich habe noch nie bei Amazon bestellt, was aber auch daran liegen mag, dass man als Verlagsmitarbeiter direkt bei den Verlagen mit Kollegenrabatt bestellen kann.

Wollen Sie die Bücher Ihres Verlags auf jeden Fall bei Amazon lieferbar halten?

Jeder Verleger übernimmt mit der Verantwortung für ein Buch auch die Aufgabe, es an möglichst vielen Verkaufsstellen zu plazieren: ob in einer engagierten literarischen Buchhandlung, im Drehgestell am Bahnhofskiosk und an der Autobahnraststätte oder eben im Internet. An Amazon als größter Versandbuchhandlung und Marktführer bei den E-Books führt kein Weg vorbei. Marcel Proust, der wirklich nicht auf den Verkauf seiner Bücher angewiesen war, schickte sein Dienstmädchen zu Buchhändlern, um zu überprüfen, ob sein neues Werk in den Auslagen präsentiert war, und beklagte sich dann bitterlich bei seinem Verleger Gaston Gallimard. Heute würde Proust wohl vom Bett aus im Internet nachschauen, ob Amazon seine „Recherche“ ohne Verzögerung liefern kann.

Was kann man gegen Amazon tun?

Es geht nicht darum, etwas gegen Amazon zu tun, sondern den lokalen Buchhändler zu stärken und immer und immer wieder klarzumachen, was viel zu wenigen Lesern bewusst ist: In Deutschland kann jede Buchhandlung die meisten Titel innerhalb von 24 Stunden besorgen, und viele Buchhändler liefern Bücher versandkostenfrei nach Hause. Der örtliche Buchhändler, der übrigens seine Steuern in der Gemeinde zahlt, ist mindestens so gut wie der Amazon-Algorithmus „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch ...“ und in jedem Fall persönlicher. Der größte Feind von Amazon ist zurzeit sowieso Amazon selbst. Die Frage „Kaufst du bei Amazon oder in der lokalen Buchhandlung?“ wird immer mehr zur Gretchenfrage für Leser. Die Buy-local-Bewegung wird immer stärker und ist im Buchmarkt eine Art Synonym für „Don’t-buy bei Amazon“.

Vor einem Jahr, als Sie gerade nach Hamburg gewechselt waren, sagten Sie mir, man müsse bei Hoffmann und Campe wohl die große Titelzahl etwas reduzieren. Das kommende Herbstprogramm sieht aber ganz anders aus.

Weil wir nun Atlantik und damit auch ein Taschenbuchprogramm gestartet haben. Es sind deshalb insgesamt tatsächlich ein paar Titel mehr, aber unser Hauptprogramm ist kompakter und übersichtlicher. Ganz kurzfristig haben wir die Chance bekommen, die deutschen Rechte an Agatha Christies Büchern zu erwerben. Da bringen wir im Herbst bei Atlantik direkt acht auf einmal heraus, sie hat ja fast siebzig Romane geschrieben - wir haben also einiges vor.

Sie setzen aber auch auf Autoren, die dem Haus lange verbunden sind.

Der aktuelle Slogan von Hoffmann und Campe lautet „Neue Bücher seit 1781“. Als einer der ältesten deutschen Verlage möchten wir unsere Tradition und unsere Hausautoren pflegen. Nehmen wir neben Siegfried Lenz unseren berühmtesten Autor: Heinrich Heine. Dessen „Buch der Lieder“, einer der ersten Bestseller des Verlags, erscheint nun neu in schöner Ausstattung im Originalformat. Paradoxerweise war der Titel bei uns nicht mehr in einer Einzelausgabe lieferbar. Julius Campe hatte das „Buch der Lieder“ 1827 zunächst gar nicht veröffentlichen wollen, weil damals schon die Unverkäuflichkeit von Lyrik beklagt wurde. Daneben bringen wir eine schöne Ausgabe des Jahrhundertromans „Fluss ohne Ufer“ von Hans Henny Jahnn - der wohl bekannteste unbekannte Roman der deutschsprachigen Moderne.

Als bedroht gelten seit Jahren auch die Taschenbücher. Nun steigen Sie mit dem Atlantik Verlag just in dieses Segment ein. Was steckt dahinter?

Das E-Book nagt an den Taschenbuchverkäufen, und dennoch machen immer mehr Verlage Taschenbücher. Das ist kein Paradox, denn heute kann man bestimmte Themen und Genres nur noch im Taschenbuch bringen. Das Atlantik-Taschenbuchprogramm beruht auf drei Säulen: einmal Agatha Christie, dann Bücher von unseren Autoren, denen wir im Taschenbuch zu größerer Popularität verhelfen wollen, und schließlich Originalausgaben. Wir haben im neuen Programm zum Beispiel eine österreichische Krimigroteske des Autorenduos Vierich & Anwander. So etwas geht nur im Taschenbuch.

Trotz der „Brenner“-Krimis von Wolf Haas?

Da haben Sie mich erwischt. Aber auch das erste Buch von Wolf Haas erschien zunächst als Taschenbuch. Wenn ein Autor im Taschenbuch sehr gut läuft, kann er ins Hardcover wechseln. Bei Krimis oder jüngeren Autoren ist eine Taschenbuchpublikation eine Spielwiese, auf der man sich ein wenig austoben darf.

Sie übertragen in gewisser Weise Teile der Handschrift von Diogenes auf Hoffmann und Campe: schöne Ausstattung, eigene Taschenbücher, mehr illustrierte Werke, mehr Anthologien.

Wenn man fast zwanzig Jahre eine Rolle bei Diogenes gespielt hat, kann man nicht auf einmal Purzelbäume machen oder das Fach wechseln. Allerdings ist es für mein Empfinden nicht so sehr das Programm von Hoffmann und Campe, sondern das Atlantik-Programm, das ein wenig an Diogenes erinnert. Unser Hauptverlag Hoffmann und Campe ist mit dem Herbstprogramm literarischer geworden und soll auch im Sachbuch seiner Tradition als tonangebender Verlag gerecht werden. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für unseren Autor Jaron Lanier und sein Buch „Wem gehört die Zukunft?“ ist dafür ein schönes Signal.

Hat Sie im ersten Jahr als Verleger etwas überrascht?

Ja, dass jemand wie Stephanie Bart aus dem Nichts auftaucht mit einem wunderbaren Manuskript. Sie ist eine Autorin, die schreibt, weil sie schreiben muss - was es viel seltener gibt, als man annehmen mag. Trotz aller Widrigkeiten hat sie immer weiter an ihrem jetzt bei uns erscheinenden Roman „Deutscher Meister“ gearbeitet, sie hat sich die Zeit zum Schreiben hart erkämpft: Jahrelang fuhr sie auf einer Rikscha Touristen quer durch Berlin. Hartmut Lange hat einmal gesagt, man müsse junge Autoren „entmutigen“. Das Beispiel von Stephanie Bart macht dagegen Mut.

Die Fragen stellte Andreas Platthaus.

Quelle: F.A.Z.
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