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Schriftsteller Murakami

Was gibt es jenseits der Tagseite unserer Existenz?

Von Andreas Platthaus
 - 13:44

Nun ist es doch einmal an der Zeit, es zu erzählen: DuMont, Haruki Murakamis deutscher Verlag, hat schon im Jahr 2006 T-Shirts anfertigen lassen, die die Verleihung des Literaturnobelpreises an den japanischen Schriftsteller verkünden. Sie wären dann auf der Frankfurter Buchmesse verteilt worden. Und seit damals ist Murakami jedes Jahr wieder als Favorit gehandelt worden, doch dass er die Auszeichnung jemals erhalten wird, ist zweifelhaft, selbst wenn der zuletzt nach diversen Skandalen rund um die verleihende Schwedische Akademie ausgesetzte Nobelpreis in diesem Jahr wieder in die Spur zurückfinden sollte. Denn der bislang letzte Preisträger war 2017 Kazuo Ishiguro, und damit dürfte nach den in Stockholm gängigen Proporzerwägungen zunächst kein Japaner mehr in Frage kommen – auch wenn Ishiguro britischer Staatsbürger ist und auf Englisch schreibt.

In gewisser Weise ist aber auch Murakami ein englischer Schriftsteller, denn in dieser Sprache fand er zu seinem Stil. In einer Erinnerung an seine Anfänge erzählt er über die Schwierigkeiten, die ihm sein Debüt „Wenn der Wind singt“ (1979) bereitet habe. Den ersten Entwurf sah er als gescheitert an: „Junge, Junge, dachte ich verzagt. Was soll ich jetzt damit machen? Es hatte zwar ungefähr die Form eines Romans, las sich aber weder interessant noch erweckte es in mir den Wunsch, es zu Ende zu lesen.“ Als begeisterter Leser von Romanen in englischer Sprache versuchte Murakami daraufhin, seine Geschichte auf Englisch zu schreiben, das er aktiv angeblich noch gar nicht besonders gut beherrschte. „Damals entdeckte ich, dass man auch mit einer geringeren Anzahl von Wörtern und Wendungen Gefühle und Wünsche zum Ausdruck bringen kann, sofern es einem gelingt, sie wirkungsvoll zu verbinden und diese Kombinationen effektiv einzusetzen. Es ist, mit anderen Worten, nicht nötig, komplizierte Sätze aneinanderzureihen. Und es bedarf erst recht keiner blumigen Ausdrucksweise, um andere Menschen zu beeindrucken.“

Stimmungspräsizison statt Experimentieren

Dieses selbst ganz einfach formulierte und scheinbar simple Rezept ist das Geheimnis von Murakamis Erfolg. Nicht, dass er seine Bücher tatsächlich auf Englisch geschrieben hätte, aber die japanische Fassung des ersten Romans beruhte auf dem Versuch, den Tonfall der englischen Version zu treffen, als „freie Anverwandlung“, wie Murakami es nennt. Und seine Romane schreibt er heute nur noch im Ausland, obwohl ihre Handlungen meist in Japan angesiedelt sind. Das Befremdungsgefühl treibt Murakami zu einer möglichst klaren Sprache, die dann wiederum leichter, als es sonst für japanische Literatur mit ihrer großen formalen Tradition gilt, zu übersetzen ist. Darauf beruht der internationale Siegeszug dieses „westlichsten“ aller japanischen Schriftsteller. Im Grunde genommen ist Murakami als Autor sogar mehr Engländer als Ishiguro – qua literarischem Geburtsrecht.

Wobei seine Vorbilder über die englischsprachige Literatur hinausgehen; er nennt auch Kafka oder Andersen – Autoren also, die wie er mehr auf Stimmungspräzision als formale Experimente setzen und das Phantastische als Quelle ihres Schreibens begreifen. In Murakamis bislang umfangreichstem und bestem Roman, dem 2009/10 erschienenen „1Q84“, ist zwar mit dem Titel der Verweis auf George Orwell gesetzt, auf ein Modell der Dystopie, das bei dem Japaner aber nicht politisch, sondern als Dysfunktionalität aller gängigen Erzählmodi daherkommt.

Das Erzählen treibt auch die Hauptfigur seines Romans an, aber es wird nicht mehr der alle Sicherheiten auflösenden Parallelwelt, in die es sie 1984 verschlagen hat, gerecht. Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Übergang aus dem Alltag des modernen Tokio in eine andere Welt erfolgt, ist der in Kafkas Romanen vergleichbar, deren Figuren auch erst einmal gar nicht begreifen, dass es sie in Umgebungen verschlagen hat, die nicht mehr der Tagseite ihrer Existenz zuzurechnen sind. Dass Murakami 1997 auch einen Rechercheband über die Giftgasattentate der Aum-Sekte in Tokio erarbeitete („Untergrundkrieg“, auf Deutsch 2002), passt in dieses Misstrauen gegenüber der Wahrnehmung der Welt als einer geborgenen.

Einfaches Erzählen, ohne Geschichten zu versimpeln

Wobei es natürlich auch die wunderbaren alltäglichen Liebesgeschichten gibt, beginnend 1987 mit „Naokos Lächeln“ und bislang endend 2013 mit „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“. Darin gelingt es Murakami beinahe schwebend leicht, die Entwicklung der Gefühle seiner Helden – es stehen trotz großartigen Frauenfiguren immer Männer im Mittelpunkt seines Werks – teilweise über Jahrzehnte hinweg zu verfolgen, eingebettet in Schilderungen der jeweiligen Zeitströmungen, die in der Summe subkutan eine Chronik Japans seit den sechziger Jahren erstellen: als eines Landes, das bei aller Adaption westlicher Verhaltensweisen (gerade auch in Sachen Liebe) doch ein gerütteltes Maß an Tradition bewahrt hat. Dass dieses Porträt der japanischen Seinsweise dann vor allem nach den Gesetzen der westlichen Literaturästhetik erzählt wird, macht es selbst da noch verstörend, wo man an der Oberfläche nur eine einfache Geschichte erzählt glaubt. Aber bei Murakami wird gern das einfache Erzählen mit einfacher Stoffwahl verwechselt.

Nirgendwo hat er die Dialektik der beiden ihn prägenden Einflüsse – des japanischen Lebens und der westlichen Literatur – so schön thematisiert wie in seinem jüngsten Roman, dem erst vor wenigen Monaten in zwei Bänden erschienenen „Die Ermordung des Commendatore“. Darin spielt ein Gemälde im Yoga-Stil eine Hauptrolle, der im neunzehnten Jahrhundert begründeten Verbindung von japanischer und europäisch-realistischer Malerei, und im Laufe der Handlung treten die darauf abgebildeten Akteure aus dem Bild und die handelnden Personen des Romans in dessen Szenerie. Der erste Satz lautet, durchaus kafkaesk inspiriert: „Als ich heute nach einem kurzen Mittagsschlaf erwachte, sah ich den ,Mann ohne Gesicht‘ vor mir.“ Danach folgen fast tausend Seiten im selben schnörkellosen Ton, der aber tausend Arabesken zu erzählen weiß. Hoffentlich erzählt Haruki Murakami, der heute siebzig Jahre alt wird, noch lange so weiter. Und hoffentlich werden wir eines Tages das T-Shirt anziehen können.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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