150 Jahre Philharmonie Dresden

Hören in Zeiten der Einsamkeit

Von Jan Brachmann
01.12.2020
, 21:54
Marek Janowski und sein Orchester feiern in einem Geisterkonzert 150 Jahre Dresdner Philharmonie. Orchester und Dirigent wissen zu begeistern und zeigen mit der Auswahl der Stücke großes Symbolbewusstsein.

Knisternde Nervosität in F-Dur, hektische Geschäftigkeit im rasenden Viervierteltakt, bloß nichts verkehrt machen, die große Welt guckt zu, immer wieder die Zuckungen auf den schwachen Taktteilen, Ausraster einer Angst des Misslingens, komponierte Psychosomatik einer Neurose – aber wie souverän, wie präzise, wie scharf in jedem Detail erfassen Marek Janowski und die Dresdner Philharmonie das Porträt des Bürgers Jourdain, das Richard Strauss zu Beginn seiner Orchestersuite nach Molières Komödie „Der Bürger als Edelmann“ gezeichnet hat! Die ganze Getriebenheit eines Aufsteigers, sein Vibrieren zwischen Ehrgeiz und Unbildung, einer Unbildung, die sich jederzeit eine Blöße geben könnte, treten einem hier vors Ohr. Dann die „türkische Musik“ der Bläser, jene tönende Erscheinung des Mamamouchi (klingt im Deutschen noch obszöner als in Molières französischem Original) – wie biegsam-zierlich kommt sie hier heraus und bleibt doch eindrucksvoll elefantös!

Die Dresdner Philharmonie spielt bei diesem Gespensterkonzert – es sind nur Kameras im Saal und wir, ein Häuflein von Offiziellen – mit höchster Konzentration, die ein Feinmechaniker am Pult herstellt, allerdings mit Charme. Janowski lässt seinen Konzertmeister Wolfgang Hentrich hopsen und federn beim Tanz; er zeigt atmende Fürsorge für die Bläser, immer wieder Umsicht und Weitblick – besonders später, in der großen C-Dur-Symphonie von Franz Schubert – und bleibt doch so sparsam wie möglich in seiner Gestik. Unter seiner Leitung balanciert das Orchester bei Strauss’ Molière-Suite geschmackssicher zwischen Gefühl und Malerei, Bekenntnis und Karikatur. Die mittleren und tiefen Streicher, die den verliebten Cléonte vorstellen mit der Klangimitation eines alten Gambenconsorts, hat man selten so geheimnisvoll dunkel, so innig bebend gehört wie hier.

Das Stück ist klug gewählt zur Feier von 150 Jahren Dresdner Philharmonie. Nicht, weil damit karikiert werden soll, dass die Bürgerschaft am 29. November 1870 endlich auch einmal Adel spielen wollte, als sie sich für den neu erbauten Gewerbesaal eine eigene Kapelle gönnte, statt die ehrwürdige Sächsische Hofkapelle – heute Staatskapelle – dazu zu bitten. Nein, weil in dieser Suite für knapp vierzig Musiker alle Solisten des Orchesters einen Auftritt haben, weil sich von der Piccoloflöte bis zum Triangel alle einmal verbeugen können, das Orchester sich als Gemeinschaft von Individuen selbst feiern darf. Besonders schön freilich ist, dass die Chronik der Dresdner Philharmonie damit prunken kann, dass der vierundzwanzigjährige Richard Strauss hier in der Spielzeit 1888/89 bereits dirigiert hat, lange bevor er an der benachbarten Hofoper seine legendäre Serie von Uraufführungen in Gang setzte.

Adelheid Schloemann und Claudia Woldt haben zum Jubiläum des Orchesters ein Buch herausgebracht, das mehr als ein Staubfänger sein dürfte. Es geht weit hinaus über eine Auflistung eindrucksvoller Gastdirigenten wie Peter Tschaikowsky und Antonín Dvořák oder eine Parade der Chefs, die hier Großes geleistet haben wie Kurt Masur mit der Uraufführung von Friedrich Schenkers „Sinfonie (in memoriam Martin Luther King)“ oder Herbert Kegel mit der DDR-Erstaufführung von Arnold Schönbergs „Gurreliedern“.

Die Herausgeberinnen haben Wissenschaftler von Rang gebeten, sich mit der Geschichte des Orchesters zu beschäftigen. So erarbeiteten Christian Thorau und Hansjakob Ziemer anhand von Bildern eine soziale und historische Phänomenologie des öffentlichen Hörens von Musik, das für die Gemeinschaftsbildung in der modernen Gesellschaft zumindest symbolisch eine große Rolle gespielt hat. Albrecht Dümling liefert eine nüchterne und hochinteressante Untersuchung der Geschichte des Orchesters in der Zeit des Nationalsozialismus, die mit dem neuen Chefdirigenten Paul van Kempen einen erheblichen künstlerischen Aufschwung bedeutete: Debussys „La mer“ kam 1935 erstmals zur Aufführung; 1941 – in dem Jahr, da Tschaikowsky und Rachmaninow in Deutschland verboten wurden – konnte man Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ hören, der Hans Schnoor in einer Besprechung „rassische Volkskraft“ attestierte.

Dümlings Aufsatz belegt allerdings auch wie jener von Matthias Tischer über das „Musikland DDR“, wie sehr die deutsche Orchesterlandschaft als staatlich gefördertes Kulturgut ein Produkt totalitärer Gesellschaften ist. Im Nationalsozialismus, als Dresdens Oberbürgermeister Ernst Zörner seine Liebe zu dem Orchester entdeckte, zahlte die Stadt der Philharmonie im Jahr 1939 369.000 Reichsmark; der Chefdirigent Paul van Kempen bekam 50.000 als Jahresgehalt von der öffentlichen Hand. In der DDR, mit dem Jahr 1950, wurde die Dresdner Philharmonie Staatsorchester; ihr Chefdirigent Heinz Bongartz, ehemaliges NSDAP-Mitglied, war längst in die SED eingetreten, was die Veranstalter im Westen Deutschlands nicht daran hinderte, ihn zu Gastspielen einzuladen. Im Gegenzug rehabilitierte er seine ehemalige Klavierlehrerin Elly Ney, eine hingebungsvolle Hitler-Verehrerin, auch in der DDR.

Nationalsozialistisches Erbe der Orchesterlandschaft

Es steckt ziemlich viel Stoff für Debatten in dieser äußerst anregenden Festschrift. Sie belegt einmal mehr, dass die staatliche Förder- und Tarifstruktur der deutschen Orchesterlandschaft bis heute ein Erbe des Nationalsozialismus ist, das in der DDR genauso wie in der BRD nicht angetastet wurde. Sie belegt allerdings auch, dass es in Dresden bereits 1949 Konzerte für neuntausend Schüler gegeben hatte – ein volksbildnerisches Engagement, das in der DDR mit Ausdauer gepflegt worden war, lange bevor Simon Rattle mit „Rhythm is it!“ behauptete, die Idee der „Education“ nach Deutschland gebracht zu haben.

Marek Janowski, mittlerweile 81 Jahre alt, hat kürzlich seinen Vertrag als Chefdirigent um ein weiteres Jahr bis Sommer 2023 verlängert. Dass er und das Orchester unter den gespenstischen Umständen der Pandemie festhielten an einem Jubiläumskonzert, das in Kürze über MDR, Deutschlandfunk Kultur und Arte concert sowie die Kanäle der Dresdner Philharmonie zur Verfügung stehen wird, hat auch mit einem Heroismus der Weitsicht zu tun. Janowski befürchtet, dass beim Kassensturz nach dem Abflauen der Pandemie die Prioritäten neu gesetzt würden und Einschnitte im Kulturleben zu befürchten seien.

Bei der Einweihung des neuen, akustisch großartigen Saales der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast hatte Wolfgang Schäuble 2017 unser aller „Angewiesenheit auf Nähe“ zur Sprache gebracht und ausgeführt: „Es gibt keinen Ersatz für die gesellschaftliche Interaktion im sozialen Raum, über Kultur und Engagement, an Orten zum Beispiel wie diesem hier. Es kann nicht genug Versammlungsorte geben – Vereinzelungsorte haben wir genug“. Prophetische Rede – wer Ohren hat, der höre!

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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