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„Ça ira“ im Pariser Theater

Rauschhafter Ringkampf der Ideen

Von Marc Zitzmann, Paris
 - 17:50
In Frankreich scheint etwas aus den Fugen geraten, wie damals, am Vorabend der Revolution: Szene aus Joël Pommerats „Ça ira (1) Fin de Louis“

Wann begann die Französische Revolution? Der Volksmund sagt: am 14. Juli 1789, mit dem Sturm auf das Pariser Bastille-Gefängnis. Die Schulbücher sagen: am 5. Mai desselben Jahres, mit der Eröffnung der Generalstände in Versailles. Der Theatermacher Joël Pommerat sagt: schon im Lauf des Vorjahrs, als die Finanzen des Reichs endgültig dem Bankrott entgegenschlitterten. Der König sah sich da gezwungen, Granden und Notabeln zusammenzurufen, um gemeinsam über Mittel und Wege nachzudenken, Frankreich aus dem Würgegriff von Defizit und Staatsschuld zu befreien.

Da kommt er schon, der Monarch: Unter Applaus betritt er die Bühne des Pariser Théâtre de la Porte Saint-Martin und setzt sich vor ein Mikrofon an einem Konferenztisch. Er ist gekleidet wie Albert von Monaco und spricht ernst und gefasst von der Notwendigkeit, „die sehr schwere Krise, die wir durchmachen, energisch zu lösen“. Sein Premierminister, ein kämpferischer Kettenraucher, verrät Näheres über die geplante Finanzreform: die Einführung einer Einheitssteuer, die – ohne jede Befreiung – auf der Basis des realen Einkommens und Gewinns jedes Bürgers kalkuliert würde. Man reibt sich die Augen: Angekündigt ist ein Stück namens „Ça ira (1) Fin de Louis“ über die große Revolution, aber sind wir im Frankreich des Ancien Régime oder in jenem von heute?

Wir sind, zunächst und zuvörderst, bei Joël Pommerat, dem französischen Theatermagier, der es wie kein anderer versteht, gesellschaftlich-politische Themen auf der Bühne zu pulsierendem Leben zu erwecken. Der Mythen und Märchen in die Alltagswelt versetzt, um unter der Patina ihre Sprengkraft freizusetzen. Der wie Ariane Mnouchkine zu ihrer Bestzeit (aber mit anderen Mitteln) Stoffe, die zugleich zeitlos und aktuell sind, in frappierend profilierte Formen zwingt. Pommerats Projekt für die Französische Revolution: den Mythos entmythisieren, Geschichte auf Augenhöhe gegenwärtig machen.

Alles, nur kein dokumentarisches Theater

Zu diesem Zweck siedelt der Autor, Regisseur und Truppenleiter in Personalunion, die Handlung in einer erweiterten Gegenwart zwischen 1970 und heute an, aktualisiert das Vokabular (aus „Agiotage“ wird „Spekulation“, aus „Ständen“ werden „Bevölkerungskategorien“...) und setzt gezielt Anachronismen ein: Eine kaum verhohlen im Dienst des Adels und Klerus stehende spanische TV-Journalistin begleitet live die Eröffnung der Generalstände, unter den Abgeordneten finden sich auch Frauen. Vor allem jedoch verzichtet Pommerat auf alle „Helden“ der Revolutionszeit zugunsten von Aberdutzenden fiktiver Figuren.

Selbst die wichtigsten unter ihnen, die um der Wiedererkennbarkeit willen erfundene Namen tragen, sind teils existierenden Personen nachempfunden (wie Premierminister Muller, der Züge von Jacques Necker, aber auch von anderen Ministern trägt), verkörpern meist jedoch bloß bestimmte politische Typen: den in seine Privilegien festgekrallten Kleriker, den aristokratischen „Suprematisten“, den bürgerlichen, liberalen oder radikalen Vertreter des Dritten Standes.

Die entsprechenden Repliken sind hervorgegangen aus Improvisationen, die auf Texten zur jeweiligen Position basieren. So nähren sich die Tiraden der hochwohlgeborenen „Ultras“ von Schriften konservativer Zeitgenossen wie Antoine de Rivarol und Edmund Burke, aber auch von Vorgängern und Nachfolgern wie Henri de Boulainvilliers, Charles Maurras, Alain Finkielkraut und Éric Zemmour. Ohne diese freilich je zu zitieren – „Ça ira“ ist alles, nur kein dokumentarisches Theater.

Aktuelle Fragen in historischem Gewand

Statt einer Parade von perückierten Heroen bildet das Stück einen Ringkampf von Ideen. Schon lang vor der Ausrufung der Republik am Sommerende 1792 wird Politik im Reich von Louis XVI zur res publica, zur öffentlichen Angelegenheit, über die alle mitzudiskutieren sich berechtigt fühlen. 1789 verwandelt sich Frankreich so in die politische Nation schlechthin – und ist es bis heute geblieben.

Was erklärt, warum „Ça ira“, Ende 2015 im Amandiers-Theater im westlichen Pariser Vorort Nanterre aus der Taufe gehoben und seitdem in fünfzig Städten auf drei Kontinenten gespielt (vor insgesamt gut 175.000 Zuschauern!), nun anlässlich seiner Pariser Präsentation mehr als fünfzehn Wochen vor fast ausverkauftem Saal spielte. Über ihre rein künstlerische Qualität hinaus spricht die Produktion offenbar den homo politicus an, der in jedem Franzosen schlummert. Und das in einer Zeit angeblicher Politikverdrossenheit!

Dabei ist leicht zu erklären, warum das Publikum über fünf Stunden hinweg den Darstellerinnen und Darstellern an den Lippen hängt. „Ça ira“ ist rauscherzeugend wie eine böse Fernsehserie und stimulierend wie ein blitzender philosophischer Essai. Einerseits fesselt die Produktion mit Witz und Tempo, mit epischem Atem und tragischer Sogkraft, anderseits stellt sie aktuelle Fragen etwa nach der politischen Repräsentation: Heute fühlen sich viele Bürger durch ihre Vertreter schlecht vertreten, aber schon vor 230 Jahren warfen Citoyens der frisch gegründeten Nationalversammlung vor, sie würde über ihre Köpfe hinweg regieren – ganz wie das alte System.

Prärevolutionären Zeiten?

Ab Mitte 1789 kam es landesweit zu schweren Übergriffen gegen „Privilegierte“, wenig später wurden Abgeordnete bedroht und auf schwarze Listen gesetzt. Lynchmorde gibt es heute (noch) keine, aber die Bewegung der „gilets jaunes“ hat jüngst sehr konkret das Problem der Gewalt gegen Mitbürger und jenes der massiven Einschüchterung von Volksvertretern aufgeworfen.

Wie zur Zeit der Grande Peur, einer landesweiten Welle von Massenpaniken im Sommer 1789, deren Spannung sich oft in Pogromen gegen Adlige oder Juden entlud, wiegeln heute die abstrusesten fake news Menschen gegeneinander auf. Und wie soll man angesichts von Texten, die seinerzeit unter der Hand zirkulierten und einen Bürgerkrieg zugleich vorhersagten und herbeiwünschten, nicht an die heutigen Pamphlete des berüchtigten Comité invisible denken?

Immer und immer wieder warnen im gegenwärtigen Frankreich Kassandren, man befinde sich in prärevolutionären Zeiten. „Ça ira“ illustriert konkret, was an der pauschalen Behauptung dran sein mag. Geschichte, so ein fälschlicherweise Mark Twain zugeschriebenes Bonmot, wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Pommerats unheilvolle Reime hallen lange nach.

Quelle: F.A.Z.
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