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Wagner-Oper in Leipzig

Putzig, diese Widder vor Frickas Wagen

Von Josef Oehrlein
 - 12:22

Während es in Bayreuth wieder turbulent zugeht, ist in einer anderen Richard-Wagner-Stadt die Opernspielzeit fulminant, doch ohne großen Krach zu Ende gegangen: Leipzig hat wieder einen vollständigen „Ring des Nibelungen“. Seit der „Rheingold“-Premiere 2013 war daran gearbeitet worden, jetzt ist auch die „Götterdämmerung“ fertig. Mit der legendären Joachim-Herz-Inszenierung der Tetralogie in den siebziger Jahren, dem letzten kompletten Leipziger „Ring“, lässt sich der neue Kraftakt freilich nicht vergleichen. Wie sich nach den zwei zyklischen Aufführungen am Saisonende erwies, ist die Neuproduktion eher ein Stück solider Handwerksarbeit, musikalisch allerdings von Premiumqualität.

Die Messe- und Musikstadt reklamiert Wagner gern für sich („Richard ist Leipziger“), auch wenn die Spuren, die er dort hinterließ, eher gering sind. Immerhin ist er in Leipzig geboren, hat dort sieben Jahre verbracht, und außerdem wurde schon 1878, zwei Jahre nach der Uraufführung, der „Ring“ in Leipzig mit ausdrücklicher Genehmigung Wagners zum ersten Mal außerhalb Bayreuths in Szene gesetzt.

Die Wagner-Pflege lässt zu wünschen übrig

Leipzig feiert seine Musiker gern. Zu Wagners zweihundertstem Geburtstag 2013 gab es eine Flut von Konzerten, Opernpremieren, Ausstellungen oder Symposien. Sie ist inzwischen abgeebbt, die sichtbare Wagner-Pflege in Leipzig beschränkt sich fast nur noch auf das damals enthüllte Denkmal von Stephan Balkenhol und eine von 2013 verbliebene Dauerausstellung in der von Wagner nur für kurze Zeit besuchten Alten Nikolaischule. Ins ungemütliche Untergeschoss verbannt, zeichnet diese Schau immerhin ein recht anschauliches Bild von der Herausbildung eines musikalischen Genies und Lebenskünstlers.

Auch abseits der Gedenkfeiern könnte Leipzig mit seinen Wagner-Pfunden besser wuchern. Diese Erkenntnis scheint den Opernchef Ulf Schirmer angetrieben zu haben, den neuen „Ring“ auf lange Sicht anzulegen. Längst hat er die frühen Wagner-Opern „Die Feen“ und „Das Liebesverbot“ im Repertoire, „Rienzi“ ist schon seit 2007 verfügbar. Zuletzt waren die drei Stücke bei den diesjährigen „Wagner-Festtagen“ im Mai zu sehen. Auch der „Parsifal“ taucht immer wieder im Spielplan auf. Über kurz oder lang will Schirmer, dessen Vertrag bis 2020 läuft, offenbar das gesamte musiktheatralische Werk Richard Wagners im Haus verankern.

Die szenische Gestaltung des neuen „Rings“ mit den Bühnenbildern von Carl Friedrich Oberle reißt kaum mit. Das „Rheingold“ spielt in einem etwas heruntergekommenen Industriegebäude, auf dem Walkürenfelsen ist ein monumentaler Bau schon in arge Schieflage geraten; im „Siegfried“ ist er ausgebrannt und völlig marode. In der „Götterdämmerung“ dient das Einheitsbühnenbild eines hohen Säulensaals als Webeplatz für das Schicksalsseil der Nornen wie als Gibichungenhalle und Raststätte bei der Jagd, schließlich als Aufbahrungsort für den toten Siegfried, der auf einem Konzertflügel hereingefahren wird. (Schon in Herbert Wernickes genialem Brüssel-Frankfurter „Ring“ vom Anfang der neunziger Jahre war das Klavier ein zentrales Requisit.) Bei alldem soll anscheinend ein Zeitfortschritt vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis in die heutigen Tage sichtbar werden, doch das vermittelt sich bestenfalls, wenn Mime im „Siegfried“ auf dem Fahrrad zur Neidhöhle fährt oder wenn Gunther in der „Götterdämmerung“ im modernen Anzug mit Manager-Gehabe auftritt.

Die Personenführung ist eher unauffällig, zeitweise schlicht nicht vorhanden - eine Folge der Regie von Rosamund Gilmore. Von Haus aus Choreographin, hat sie sich ausbedungen, Tänzer als Ergänzung zum „Ring“-Personal einzusetzen, und widmet sich diesem Bewegungschor weit intensiver als den Sängern. Die Tänzer vollführen eine bunte Maskerade, verwandeln sich in „mythische Elemente“ oder „Göttererscheinungen“ und allegorische Figuren. Das stört manchmal, ist oft überflüssig, aber auch wieder ganz putzig wie etwa die Widder, die Frickas Wagen ziehen, oder das tanzende Waldvögelein, das dem Schwanensee entfleucht zu sein scheint. Es entstehen aber auch eindrückliche Bilder wie der aus Skelett-Teilen sich formierende Riesenwurm, in den sich Alberich im „Rheingold“ verwandelt, oder Fafner als aufgedunsener Riese, der sich in zahlreiche Klone auflöst (Kostüme: Nicola Reichert).

Das Tanzensemble erledigt nebenbei auch nützliche Arbeiten, es trocknet etwa hingebungsvoll das Planschbecken, in dem sich im „Rheingold“ Alberich und die Rheintöchter getummelt haben, oder trägt Möbel herein und hinaus. Es entlastet auch die Sänger, die manchmal nur herumstehen wie etwa Siegfried bei den Schmiedeliedern am Amboss, und gibt ihnen die Möglichkeit, sich stärker auf ihren Gesang zu konzentrieren. In den beiden Ring-Zyklen war bei nur wenigen Umbesetzungen ein gut aufeinander abgestimmtes Solistenensemble zu erleben. Gab Thomas Mohr schon im „Rheingold“ einen grandios gerissenen Loge, der die Götter vor sich hertreibt, steigerte er sich in der „Götterdämmerung“ als Siegfried zu einem strahlenden Helden mit mühelos kontrollierter Stimme, ihm ebenbürtig Christiane Libor als Brünnhilde (zuvor war sie schon in der „Walküre“ eine zuverlässige Sieglinde) mit ihrem in allen Lagen farbenreich leuchtenden Sopran. Mit Ausnahme des Hagen, den Rúni Brattaberg mit abgründiger Infamie ausstattete, waren die Partien in der „Götterdämmerung“ für alle Sänger Rollendebüts.

Hochgepeitschte Klänge aus dem Orchestergraben

Nachhaltigen Eindruck hinterließen im zweiten „Ring“-Durchgang Tuomas Pursio als junger, sonorer „Rheingold“-Wotan und als abgefeimter Gunther, Dan Karlström als körperlich und stimmlich agiler, spielfreudiger Mime in „Rheingold“ wie „Siegfried“, Jürgen Linn als böser, tonmächtiger Alberich, die jugendlich hell leuchtende Brünnhilde Eva Johanssons in der „Walküre“ sowie die inniger und intimer angelegte Brünnhilde von Elisabet Strid im „Siegfried“. Der Siegfried im „Siegfried“, Christian Franz, verfügt zwar über einen soliden, kernigen Tenor, forcierte aber allzu sehr. Nötig hatte er es nicht. Offenbar fühlte er sich von den manchmal bis zur Schmerzgrenze hochgepeitschten Klängen aus dem Orchestergraben dazu herausgefordert.

Tatsächlich hat es Ulf Schirmer am Pult darauf angelegt, die Extreme an den vier Abenden bis zum Exzess auszuspielen. Er begreift die Tetralogie als mega-symphonisches Werk in vier Sätzen. Dabei widmete er den kammermusikalisch delikaten Passagen, vor allem in der „Walküre“, ebenso große Aufmerksamkeit wie den aberwitzigen Tempowechseln im „Siegfried“ und den brutalen, erregten Klangballungen in der „Götterdämmerung“. Auch wenn es vor allem im Blech gelegentlich zu kleinen Unstimmigkeiten kam, entstand doch auf überlegte Weise ein gigantisches Klanggemälde, aus dem manche Details wie die martialischen Ambossschläge und die furchterregenden Tubaklänge zum Erscheinen Fafners im „Siegfried“ oder die markerschütternden Töne der - eigens für die Inszenierung gebauten - Stierhörner von der Länge eines halben Alphorns in der „Götterdämmerung“ besonders in Erinnerung bleiben. Selbst die heftigsten Eruptionen meisterte das Gewandhausorchester ohne Kraftmeierei mit seinem stets kultivierten Ton. Immer wieder bezauberte es mit seinem satten, warmen, betörend dunklen Streicherklang.

Quelle: F.A.Z.
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