<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Breth am Wiener Burgtheater

Jeder ist für seine Zerstörung selbst verantwortlich

Von Simon Strauß
 - 14:45

Meeresrauschen, glücklose Fahrt: Die Wellen schlagen, Nebel zieht auf, und drinnen zerstechen sie sich die Herzen. Was nützt die Liebe in Gedanken, wenn in den Worten nur Hass, Bosheit und Verleumdung übrig bleiben? Wenn jede Anrede allein aufs eigne Ich zielt, in jeder Mitleidsbekundung die Hoffnung mitschwingt, dass es dem Andern noch schlechter gehe als einem selbst? Um sich aneinander wund zu reiben, trifft sich die Familie Tyrone im Wohnzimmer ihres Sommerhauses, das ist ihre Bestimmung an diesem Augusttag im Jahre 1912: so tief in den jeweiligen Abgründen zu wühlen, bis aller Lebensdreck nach oben geschaufelt ist.

Es gibt keine eigentliche Handlung in Eugene O’Neills 1941 geschriebener, aber – wie testamentarisch verfügt – erst fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod veröffentlichter Tragödie „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Alle signifikanten Ereignisse in diesem ganz aus dem Seelenkerbholz des Autors geschnitzten Stück haben in der Vergangenheit stattgefunden. Die Unglücksfälle sind längst geschehen, jetzt geht es für die vier Familienmitglieder nur noch darum, wer den größten Schmerzensprofit daraus schlagen kann.

Kein Schicksal, kein Gott

Statt eines Spannungsbogens präsentiert O’Neill eine andauernde Zermürbungssuada ohne Peripetie und Reinigung. Alles bleibt von Anfang bis Ende gleich schmutzig und unaufgeräumt. Mary, die Mutter, ist schwer morphiumsüchtig und kann ihren Rückfall nicht verheimlichen. Ihr Mann James, ein alter Bühnenstar irisch-katholischer Abstammung, säuft sich die Enttäuschung aus dem Leib, ohne sich je die Chance auf einen theatralischen Auftritt entgehen zu lassen. Die beiden Söhne leiden an schweren Krankheiten: Edmund, der jüngere, hat die Schwindsucht, und James junior – ewiger Fußstapfenvermesser seines Vaters –, ist von giftigem Zynismus befallen.

Jeder ist hier für seine Zerstörung selbst verantwortlich, es gibt kein Schicksal, keinen Gott, alle Schuld liegt im Charakter begründet, der selbstsüchtig und nachtragend ist. „Die Vergangenheit ist unsere Gegenwart und Zukunft“, sagt Mary und gibt den Tyrones damit die Marschrichtung vor. Vergessen gilt nicht, stattdessen wird hier eine Lebensbeichte nach der anderen abgelegt – Schreckenserinnerungen an Krankheit, Kindstod und betrogene Illusionen plätschern dahin wie Wettereinschätzungen beim Smalltalk. Jeder Vorwurf provoziert einen nächsten, jede Erniedrigung führt zum sofortigen Gegenschlag. Die psychologischen Parteinahmen wechseln ständig, das Familiendasein ist ein unerbittlicher Kampf der Lebenslügen, unterbrochen nur von „tödlichem Schweigen“, wie es in den Regieanweisungen heißt.

Der allgegenwärtige Nebel steht als Symbol für das menschliche Unvermögen, sich selbst zu erkennen. „Er versteckt dich vor der Welt und die Welt vor Dir“, schwärmt Mary und beschreibt damit gleichzeitig die beglückende Wirkung des Morphiums. In Wien gibt Corinna Kirchhoff sie als dominante, um äußere Haltung bemühte Mater dolorosa, die noch in der tiefsten Verzweiflung Heroin bleibt und einen Giftpfeil gegen den geizigen Ehemann abschießt. Ihre Stimme schraubt sich in die höchsten Höhen, um im nächsten Moment rasant in die Tiefe zu stürzen, sie bettelt, zetert, höhnt und säuselt so schnell und wild durcheinander, dass es einem unheimlich wird. Wenn einer ihrer Verwandten sie misstrauisch anschaut und auf ihre Sucht zu sprechen kommt, wird ihre Stimme jäh schneidend trocken: Rheumabeschwerden habe sie, nichts weiter. Sie, die ihre Ehe nur noch als Gefängnis ansieht und sich bei jeder Gelegenheit nach ihrer unschuldigen Kindheit zurücksehnt, hat panische Angst vor dem Alleinsein. Was immer in ihrer Nähe ist, benutzt sie als Halt – selbst wenn es nur die aufgescheuerten Knie des Dienstmädchens (lustvoll-kokett: Andrea Wenzl) sind.

Der auch durch Film und Fernsehen bekannt gewordene August Diehl spielt Edmund, ihren fieberkranken Sohn, der Züge des Autors als junger Mann trägt. Die Hand am Hosenbund, die Lippen aufeinandergepresst steht er mit leicht vorgeschobenem Becken da wie ein strubbeliger Schuljunge, dem der Bus vor der Nase weggefahren ist. Er ist ein trauriger Träumer, der gern im Schatten liegt und nietzscheanisch über die Welt nachdenkt. Die Hoffnung auf eine mögliche Lageverbesserung hat auch er schnell aufgegeben: „Es war ein Fehler, als Mensch geboren worden zu sein, ich hätte mich besser zur Möwe oder zum Fisch geeignet.“ Es ist kein gewöhnlicher Pessimismus, der hier aus ihm spricht, sondern die existenzielle Aussichtslosigkeit eines Todkranken, der sein kurzes Leben vergeudet hat. Auf seinem schönen, klaren Gesicht spiegeln sich innere Stimmungen in zarter Prägnanz, tritt etwa die stille Verachtung für den angeberischen Vater (mit rauhreifer Stimme und rampensäuischer Geste: Sven-Eric Bechtolf) zutage, der die Familienkrise für seine großen Deklamations-Auftritte nutzt. Je mehr der von früher schwärmt, desto erschöpfter und widerwilliger scheinen Diehls Züge. Aber dann deuten sie urplötzlich doch wieder ein kurzes lakonisches Lächeln an und machen dem Vortragenden Mut, weiter zu monologisieren.

Meteoriten und ein Dino-Gerippe

So zurückhaltend und schwärmerisch Diehl seine Rolle anlegt, so großkopfert und breitbeinig tritt Alexander Fehling (eben noch in „Homeland“ an der Seite von Claire Danes zu sehen) als sein Bruder James auf. Wie eine Broadway-Charge gestikuliert er wild mit den Armen, unterstreicht jeden Satz mit einer Geste und stellt seine Verbitterung plakativ heraus. Sein beiger Leinenanzug, der mindestens so schön aussieht wie das beinlange Kleid seiner Mutter (Kostüme: Françoise Clavel), kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er vorzeitig verbraucht wirkt – „er kann nichts dafür, was die Jahre aus ihm gemacht haben“, entschuldigt ihn Mary ironisch und ermuntert die Männer zu einem weiteren Drink.

Andrea Breth lässt das Familiendrama von ihrem exquisit ausgewählten Ensemble mehr oder weniger vom Blatt spielen. Eine besondere Phantasie für die einzelnen Stadien des Verfalls, des unerbittlichen Tagesverlaufs hin zur Nacht, entwickelt sie nicht. Was sie zeigt, ist Schauspielertheater im schnörkellos wörtlichen, vielleicht etwas zu wenig eigenartigen Sinn. Die mit Meteoriten, Wasserlachen und einem Dino-Gerippe bestückte Drehbühne von Martin Zehetgruber reflektiert den Regieansatz, das Stück als Rhythmuseinheit von Wiederholung und Variation des einen existentiellen Themas zu lesen: den Verlust der Mutter als Verlust des natürlichen Familienzentrums und seiner lebensspendenden Bindungskraft. Die Inszenierung ist deswegen ganz auf Kirchhoff konzentriert, ihr facettenreiches Spiel gibt die Stimmung vor. Wenn sie nicht auf der Bühne ist, wirkt die Melancholie der Männer aufgesetzt und ihr Taumeln vorgetäuscht. Aber sobald sie auftritt, wird die Sache gefährlich. Nur wenn Breth ihre Stimme gelegentlich künstlich verstärken und nachhallen lässt, klingt sie auf einmal zu sakral und stilisiert.

Ansonsten besteht das eindrückliche Geschick des Abends darin, dass er alle Charaktere in seinen Grausamkeiten und Widersprüchlichkeiten verstehen will und keinen moralischen Wertemaßstab ansetzt. „Für mich gibt es keine guten oder schlechten Menschen, es gibt nur Menschen“, hat O’Neill gesagt. Und damit eben gemeint: Lebensdreck gibt es überall – auch und gerade hinter den blank geputzten Familienfassaden.

Quelle: F.A.Z.
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
Facebook
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAndrea BrethAugust DiehlWiener Burgtheater