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Prokofjew-Oper in Stuttgart

Ein Virtuose des Lachens

Von Jan Brachmann
 - 15:05

Mit der grünen Kissenhülle, reich bestickt, wird das Verhältnis von Ornament und Erbrechen als Behältnis begriffen: Der Prinz übergibt sich stracks dort hinein, das Publikum lacht zaghaft, doch nur fünf Sekunden später quieken die Kinder im Saal völlig enthemmt, weil Truffaldino mit der Hand ins Kissen fasst und den grünen Glibber begutachtet. So also sieht schlechte Literatur aus! Der Prinz hat sich überfressen an „Reimgeschleim“, wie es in der neuen deutschen Textfassung von Sergej Prokofjews komischer Märchenoper „Die Liebe zu den drei Orangen“ heißt. Dem Autor der Neufassung, Werner Hintze, ist hier etwas gelungen. Die neuen Texte sitzen passgenau auf der Musik, steigern sich mit ihr wechselseitig in der Wirkung, mögen zwar manchmal – mit einem Vokabular wie „Outfit“ – nicht ganz den Geist der Entstehungszeit um 1920 treffen, sind aber mit einem flinken „Mach’s gut!“ umso näher an heutigen Gepflogenheiten.

Das „Reimgeschleim“ übrigens wurde dem Prinzen vom sinistren Premierminister Leander ins Essen gemischt, weil er gemeinsam mit der Prinzessin Clarice plant, im Reich des Kreuz-Königs die Macht zu übernehmen. Doch es würde uns über die Grenzen der Zeitung hinausführen, die Handlung dieser Oper nachzuerzählen. Außerdem lässt sich das kaum schöner machen als im Programmheft der Staatsoper Stuttgart, das man sich unbedingt aufheben muss, weil es in die Oper einführt in Form einer Anleitung zum Computerspiel „Orange Desert III“ auf fünf Levels: „Eins: Lerne den König kennen und finde heraus, woran der Prinz erkrankt ist! Zwei: Du bist auf der Seite Leanders. Stärke die Gegenspieler des Prinzen! Drei: Quäle den Prinzen! Vier: Schalte den Magier aus! Fünf: Öffne die Orangen!“ Alles klar?

Dass in Stuttgart alles klar bleibt und man nirgends aus der Kurve fliegt, ist das kaum zu überschätzende Verdienst des Regisseurs Axel Ranisch. Man kennt ihn von Filmen wie „Dicke Mädchen“ oder „Ich fühl mich Disco“. Mit seinen zwei Beiträgen zum SWR-„Tatort“ – „Babbeldasch“ und „Waldlust“ – hat er für ebenso viel Diskussionen wie Vergnügen gesorgt. Aber Ranisch ist seit Kinderzeiten ein „Klassik-Nerd“, wie er selbst sagt. Im Juli erst hatte er in München Joseph Haydns „Orlando Paladino“ mit enormer Phantasie und menschenfreundlichem Witz auf die Bühne gebracht. Er ist ein Regisseur, wie ihn Deutschlands Musiktheater dringend braucht, vor allem einer, der Komödie kann, ein Virtuose des Lachens, fast ganz ohne Bosheit.

Ranisch führt didaktisch klug ins Stück ein. Die fröhlichen Kostüme von Bettina Werner und Claudia Irro helfen ihm dabei, weil sie den Figuren Unverwechselbarkeit schenken. Kreuz-König (Goran Jurić) trägt eine Tupperdose als Krone, in der Saft umherschülpert. Der Prinz robbt in einem Steppschlafsack über die Bühne wie eine rosa Raupe. Der Zauberer Celio (Michael Ebbecke) mit weißem Haar und weißem Bart ist wohl ein Verwandter Gandalfs. Nach solch klarer Exposition kann Ranisch die verwickelte Geschichte erzählen. Er zieht sogar noch eine zusätzliche Ebene ein, indem er alles als Videospiel vorstellt, das der kleine Serjoscha (Ben Knotz) vor dem Bildschirm spielt.

Das Videospiel wiederum ist eins von 1993, weshalb die Bühnenbildnerin Saskia Wunsch den damaligen Unvollkommenheiten der digitalen Grafik folgend, „gebaute Pixel“ erfinden musste. Nun gibt es gepixelte Treppen, aber auch gepixelte Kronleuchter und gepixelte Kakteen. Nur die Teufel, Ratten, Clowns, der Hofstaat und die Zauberer sind nicht gepixelt.

Natürlich stellt Ranisch auf diese Weise Nähe zur Lebenswelt heutiger Generationen her: zur Welt der Computerspiele, zu den Universen der Fantasy-Filme und zur Welt der sozialen Medien, wenn er mit der Choreographin Katharina Erlenmaier den Tanz von Russell Horning, dem „Backpack Kid“, das sich schon bei Katy Perry bedient hatte, auf die Bühne bringt. Doch weil dies alles aus einer tiefen musikalischen Einsicht heraus geschieht, dient es dem Stück hervorragend. Man muss die Anspielungen Prokofjews auf ein Musiktheater der Einfühlungsnötigung, auf Richard Wagner und Giacomo Puccini, nicht bemerken, um dem Stück folgen und an der Inszenierung Vergnügen haben zu können. Ranisch erzählt eine Geschichte über Zauberei und Staatsintrigen, eine Geschichte über Depression, sexuelle Abweichung (Liebe zu Früchten) mit endlicher Befreiung (wobei er durch eine finale Geburt erklärt, wie die Nabel-Apfelsine zu ihrem Namen kam) und eine Geschichte über das Aufgesaugtwerden des Spielers durch das Spiel. Alles mit leichter Hand und großer Metiersicherheit, die sich auch in der Nutzung der Hinterbühne zeigt, sobald es im Orchester leiser wird und man die Sänger auch in größerer Entfernung noch versteht.

Das Orchester klingt unter der Leitung von Alejo Pérez zugespitzt in der Gestik und der Klangfarbensprache, zugleich aber angenehm dezent in seinem Krafteinsatz. Das kommt dem von Manuel Pujol einstudierten Chor und vor allem den Solisten zugute. Elmar Gilbertsson als Prinz kann kunstvoll stöhnen, greinen und musikalisch punktgenau lachen. Der perlend plappernde Wortwitz von Daniel Kluge als Truffaldino oder Christopher Sokolowski als Zeremonienmeister, von Esther Dierkes als schnippischer Prinzessin Ninetta oder das Raunen von Carole Wilson als Fata Morgana behaupten sich mit erfreulicher Textverständlichkeit gegen das Orchester.

Die mopsige Anmut, mit der Matthew Anchel als Bass die Köchin singt und turnt, um dann überraschend als Vater von Serjoscha aufzutreten, legt mit schönster Beiläufigkeit nahe, dass Serjoscha bei zwei Vätern aufwächst. Die Zustimmung des Publikums in Stuttgart ist rasend, für Ranisch schon der zweite Riesenerfolg innerhalb von sechs Monaten. Nun muss er aufpassen, sich nicht – wie Stefan Herheim, der seine Erschöpfung durch den Betrieb bereits öffentlich beschrieb – unter Druck setzen zu lassen. Denn ab jetzt wird man solche Hits von ihm überall erwarten.

Quelle: F.A.Z.
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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