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Bariton Thomas Hampson

Deutsch zu singen ist in Amerika ganz normal

Von Clemens Haustein
 - 21:13

Von kommendem Samstag an gibt es im Berliner Pierre-Boulez-Saal ein reines Schubert-Wochenende, bei dem der Bariton Thomas Hampson nicht nur singt, sondern auch öffentlich unterrichtet. Der nichtöffentliche Unterricht beginnt schon jetzt. Wir haben den Sänger kurz vorher in Berlin getroffen.

Herr Hampson, können Sie sich noch erinnern, wie Sie das erste Mal mit einem Lied von Franz Schubert in Berührung kamen?

Das war gleich nach meiner ersten Unterrichtsstunde bei Schwester Marietta Coyle, meiner ersten wichtigen Gesangslehrerin. Sie wusste, dass ich Deutsch gelernt hatte in der Highschool, und sie fragte mich, ob ich auch deutsche Lieder kennen würde. Ich war knapp achtzehn Jahre alt. Sie gab mir dann zwei Notenbände mit, Platten von Dietrich Fischer-Dieskau und Hermann Prey. Ich habe natürlich nicht alles verstanden, aber ich war sofort von der Schönheit dieser Werke gebannt. Ich war fasziniert davon, wie viele verschiedene Dichter Schubert vertont hat, wie viele verschiedene Meinungen er in eine musikalische Form gebracht hat.

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Welche Rolle haben Schubert-Lieder in ihrer weiteren Ausbildung gespielt?

Eine sehr wichtige. Es ist in Amerika ja ganz normal, dass im Gesangsstudium deutsche Lieder in der Originalsprache gesungen werden. Erst so hat sich mir übrigens auch die Frage nach den amerikanischen Liedern gestellt: Wo sind denn die amerikanischen Schuberts und Schumanns? Die Frage war sinnlos, wie ich bald feststellte, denn es gibt in Amerika keine Komponisten, die ein ähnlich geschlossenes Liedwerk hervorgebracht hätten.

Sie sagen gern, dass Lieder wie Tagebücher sind, die ihre Zeit dokumentieren. Was dokumentieren die Lieder Franz Schuberts?

Es kann kein Zufall sein, dass gleich nach dem Wiener Kongress, im Zeitalter der Restauration und der Zurückdrängung des Liberalismus ein Komponist wie Franz Schubert auftaucht und mit seiner Musik Einblicke gibt in das Innere eines Individuums. Das erscheint mir wie eine logische Gegenbewegung. Es geht bei Schubert ja nicht darum, wie die Welt ist, sondern wie sie einem einzelnen Menschen vorkommt. Wie kühn er mit den Harmonien spielt, wie er sie einsetzt, um einzelnen Worten eine Bedeutung zu geben: Das hat für mich viel zu tun mit jener Befreiung des Individuums, wie sie in der Französischen Revolution zum Ausdruck kam. Schubert sagt in seiner Musik „ich“, noch bevor es die deutsche Dichtung tut. Denn eigentlich spricht erst Heinrich Heine in seinen Gedichten ganz bewusst in der ersten Person.

Im Boulez-Saal in Berlin werden nun innerhalb von zwei Jahren sämtliche Lieder Franz Schuberts aufgeführt. Ein notwendiges Projekt in Ihren Augen?

Ich glaube, wir haben noch vieles zu entdecken bei Schubert. Es geht bei ihm ja nicht nur um die Vielzahl von rund sechshundert Liedern, sondern um die Vielfalt dabei. Es gibt Balladen wie „Der Taucher“, die fast schon nach einer Inszenierung verlangen, es gibt Arietten und Strophenlieder. Hätte Schubert nur in einer dieser Gattungen geschrieben, wäre er schon ein Meister.

Sie werden in Berlin nicht nur singen, sondern auch einen Workshop mit jungen Sängern geben. Welchen Sinn hat öffentlicher Unterricht?

Dem Publikum ermöglicht das wertvolle Einblicke. Es erlebt, wie genau wir arbeiten müssen, wie schwer es ist, einem Komponisten gerecht zu werden. Dass die Studenten dabei bereit sind, in der Öffentlichkeit „noch nicht ganz Fertiges“ zu zeigen, das ist sehr mutig. Aber wir Künstler müssen so mutig sein, sonst reifen wir nicht und erwerben nicht die nötige Stabilität für die Bühne.

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Franz Schubert
Thomas Hampson singt „Der Lindenbaum“

Es gibt Beispiele, auch von Sängerkollegen von Ihnen, wo der öffentliche Unterricht für die Studenten nicht gerade zimperlich abläuft. Wie vermeiden Sie eine Bloßstellung?

Ich versuche, mich in die jungen Sängerinnen und Sänger hineinzuversetzen. Ich höre ihnen zu. Dann denke ich auch nicht so sehr in den Kategorien von „richtig“ und „falsch“. Ich versuche, nicht zu urteilen. Das heißt nicht, dass es nicht hart zugehen kann im Unterricht – und ehrlich. Es gilt ja herauszufinden, warum etwas nicht gelingt. Ich bin auch ziemlich stur, was die Gesangstechnik angeht. Denn es gibt durchaus feste Regeln, wie unser Körper und unsere Organe beim Singen funktionieren. All diese Arbeit in der Öffentlichkeit zu tun sollte für den Schüler lehrreich sein, denn das Leben als Künstler ist nun einmal naturgemäß öffentlich. Allerdings gibt es manchmal auch Studenten, die das zu sehr belastet.

Was tun Sie dann?

Vielleicht kann ich als erfahrener Sänger vermitteln, dass es für den Künstler weniger darum geht, das Publikum in seiner Gesamtheit zu überzeugen – das ist kaum jemals möglich –, als darum, es miteinzubeziehen. Wir lehren das Publikum nicht, sondern wir ermöglichen den Zuhörern, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Der Energiefluss in einem Konzert geht von den Menschen im Publikum aus, die aus der Welt des Künstlers etwas erfahren möchten. Die Studenten, die das verinnerlichen können, werden schon nur noch halb so nervös sein. Für manche allerdings wird sich tatsächlich die Frage stellen: Wenn es hier nicht geht, geht es dann überhaupt irgendwo auf der Bühne?

Sie treten dafür ein, dass in den Vereinigten Staaten der klassische, europäische Bildungskanon gepflegt wird. Wie sieht es umgekehrt aus: Haben Sie das Gefühl, dass etwa die Musik der Vereinigten Staaten in Europa ausreichend gewürdigt wird?

So viel ich mitbekomme, besteht ein gesunder Austausch zwischen der europäischen und der amerikanischen Musik, die ja vor allem eine Musik des zwanzigsten Jahrhunderts ist. In der vergangenen Saison etwa war der Komponist John Adams Composer in Residence bei den Berliner Philharmonikern.

Ja, John Adams war es denn auch, der erstaunt feststellte, dass im Pierre-Boulez-Saal in dieser Saison kein Werk eines amerikanischen Komponisten gespielt wird – ein kleineres Klavierstück von Elliott Carter ausgenommen.

Das ist merkwürdig, da muss ich Adams recht geben. Vielleicht sieht das in der nächsten Spielzeit schon ganz anders aus. Ich würde jedenfalls gern einen meiner amerikanischen Liederabende geben.

Das könnte nötig sein. Das amerikanische Kunstlied ist hier – trotz der schönen CD Ihrer Kollegin Susan Graham mit Liedern von Ned Rorem etwa – kaum bekannt und spielt auch an den Hochschulen kaum eine Rolle.

Das hat vielleicht auch mit einer gewissen Angst zu tun, nicht genügend idiomatisch zu klingen. Die Europäer sind nicht so risikofreudig, was fremdsprachiges Repertoire angeht. Das ist schade. In Amerika ist man in dieser Hinsicht etwas mutiger. Ich kenne dort viele Sänger, die deutsches Repertoire in einer sicheren Aussprache singen, aber nicht in der Lage sind, auf Deutsch ein Essen zu bestellen. Vielleicht ist idiomatische Perfektion auch gar nicht so wichtig. Ich denke, in der Kunst geht es darum, Menschen zu inspirieren, Fragen zu stellen und um einen Dialog des Vertrauten mit dem Fremden.

Quelle: F.A.Z.
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