Beethoven-Ausstellung in Wien

Der Flügel von der Decke

Von Florian Amort
01.10.2020
, 14:00
Poetische Reflexionen an den Schnittstellen von Kunst und Musik: Das Kunsthistorische Museum in Wien beleuchtet die vielen Facetten Beethovens.

Für März war sie angekündigt, nun ist sie endlich eröffnet: Noch bis 24. Januar 2021 zeigt das Kunsthistorische Museum Wien (KHM) in Kooperation mit dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien eine – zugegeben – ungewöhnliche Hommage an Ludwig van Beethoven. Denn von einer Schau über den Komponisten im klassischen Sinne kann eigentlich keine Rede sein. Biographische Daten, ja selbst ein Porträt des gebürtigen Bonners, der sich 1792 dauerhaft in der Kaiserstadt niederließ, sucht man vergeblich. Stattdessen hofft man auf die Offenheit und die bildungsbürgerliche Erziehung der Besucher, um der „Einladung zu einer sehr persönlichen Begegnung mit dem großen Komponisten“ zu folgen.

Viel Zeit für die Planung gab es nicht, als sich im vergangenen Jahr der designierte Generaldirektor des KHM, Eike Schmidt, eine Beethoven-Ausstellung anlässlich des 250. Geburtstages wünschte. Einwände, dass für ein solches Unterfangen die Vorbereitungszeit zu knapp sei und dass die Sammlung keine passenden Objekte besitze, stießen dem Vernehmen nach auf taube Ohren. Als Schmidt dann einen Monat vor seinem Antritt überraschend absagte und seinen Posten als Chef der Uffizien in Florenz doch noch verlängerte, blieb die Ausstellung im Programm der Wieder-Direktorin Sabine Haag, wie explizit zu lesen ist. Ein prophylaktischer Hinweis, falls die überall in der Stadt im hippen Pink beworbene Hommage nicht reüssieren sollte?

Wahre Kunst ist eigensinnig

Ein Kunstmuseum kann durchaus als Ort für ein solch ungewöhnliches Projekt funktionieren, und geeignete Objekte kann eine Institution wie das KHM selbst in kurzer Zeit akquirieren. Entlastet von der großen biographischen Jubiläumsausstellung in Bonn und diversen kleineren Projekten in unterschiedlichen Wiener Institutionen, fühlte sich das vierköpfige Team der Kuratoren vom Zwang zu einer abermaligen Retrospektive zu Beethovens Leben und Schaffen befreit. Sie setzten stattdessen diverse Objekte sämtlicher Kunstgattungen von 1800 bis zur Gegenwart in Beziehung mit selten gezeigten Autographen Beethovens und weiteren Musikalien der Zeit, die sie als poetische Reflexionen an der Schnittstelle von Musik und Kunst verstehen und die der Besucher assoziativ weiterspinnen darf. „Doch wahre Kunst ist eigensinnig, läßt sich nicht in schmeichelnde Formen zwängen“, notierte schon Beethoven selbst in eines seiner vielen Konversationshefte.

Die kontrastreiche Ausstellungsgestaltung hilft dabei ungemein: Ein ellipsenförmiger, lichtweißer, nach oben sich verjüngender Raum für die minutiös gezeichneten grafischen Transkriptionen aller 32 Klaviersonaten von Jorinde Voigt, graue Betonwände, in der Mitte der gerettete Parkettboden aus Beethovens Sterbezimmer, und ein in Himmelblau ausgemalter Raum mit verspiegeltem Fußboden, korrespondierend zu den Themen Genie, Heros, Natur und Revolution, geben sich hier stimmig die Hand. Der letzte Raum hingegen bleibt unverändert. Hier zeigt der renommierte Performance-Künstler Tino Sehgal seine neue Arbeit „This Joy“, für die er sechs Musikstücke Beethovens für Singstimme arrangierte und jeweils zu einem Körperteil choreographierte. Coronabedingt können die beteiligten Künstler nicht wie ursprünglich geplant in Interaktion mit den Besuchern treten, jedoch wird die Sinnlichkeit der Musik Beethovens auch so unmittelbar erfahrbar.

Beethovens Skizzen, Turners Pendants

Innerhalb der anderen Räume sind die Bezüge reich und meistens einleuchtend. So werden im zweiten Raum Auszüge aus Beethovens „Heiligenstädter Testament“ von 1802, jenem nie abgeschickten Brief an seine Brüder, in dem er seiner Verzweiflung über die fortschreitende Ertaubung Ausdruck verleiht, sein Hörrohr sowie Fotografien seiner leergeräumten, 1904 abgerissenen letzten Wohnung den Blättern aus Francisco de Goyas umfangreichem Radierungszyklus „Los Caprichos“ von 1799 gegenübergestellt. Wahrscheinlich wussten die Zeitgenossen nichts voneinander, jedoch teilten sie dasselbe Schicksal: Auch Goya ertaubte nach einer Krankheit vollständig. Dass Beethovens fünfte Sinfonie in Form des originalen Aufführungsmaterials auch gegenwärtig ist, muss man wohl resignierend akzeptieren. Der notorisch unzuverlässige Wichtigtuer Anton Schindler hat mit seiner Bezeichnung „Schicksalssinfonie“ allen wissenschaftlichen Beiträgen zum Trotz wohl endgültig gesiegt.

Besonders imponierend wie sinnfällig ist die Idee, die wilden, schwer zu lesenden Skizzen Beethovens mit den farbenfrohen, fast impressionistischen Pendants des englischen Malers William Turner zu kombinieren. Sie dokumentieren eindrücklich die revolutionäre Neugierde und Experimentierfreude der beiden von der Natur so stark inspirierten Zeitgenossen und bilden einen ästhetischen Kontrast zu den sieben minutiös ausgeführten Gemälden Caspar David Friedrichs. Dieser neuartige Zugang wird mit der Partiturreinschrift der „Eroica“ und dem legendären Loch auf der Titelseite, wo einst der Name Bonaparte stand, auf kreative Art weitergesponnen.

Revolution einer Gattung

Schade nur, wenn diese Ikone der Musikgeschichte weniger prominent präsentiert wird als das originale Stimmenmaterial seiner Ballettkomposition „Die Geschöpfe des Prometheus“ oder seiner Schauspielmusik zu Goethes „Egmont“. Beethoven beschreitet in seiner dritten Sinfonie programmatisch einen von sich selbst geforderten neuen Weg des Komponierens, der einer Revolution der Gattung gleicht. Die summarisch zusammengetragenen Gemälde Friedrichs bilden dazu kein adäquates Gegenstück, wohl aber der zu hörende, leider nicht veröffentlichte Konzertmitschnitt der „Eroica“ mit dem Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Nicolaus Harnoncourt.

Wer den angebotenen Gedankenräumen und Assoziationsnetzen offen begegnet, wer zu Hause in dem reichhaltigen Ausstellungsreader liest, der belohnt sich selbst mit neuen und unkonventionellen Perspektiven auf Beethoven. Für Überraschungen sorgt jedenfalls auch so manches Objekt selbst: Rebecca Horns kopfüber von der Decke hängender Konzertflügel „Concert for Anarchy“ von 2006 löst völlig unvermittelt mit einem lauten Scheppern seine Tasten aus der Verankerung, ehe die spektakuläre Skulptur nach einigen Minuten wieder zur ursprünglichen Gestalt zurückkehrt. Währenddessen erklingt aus den Lautsprechern Beethovens „Waldsteinsonate“.

Beethoven bewegt. Kunsthistorisches Museum Wien, bis zum 24. Januar 2021. Der Katalog kostet 35 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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