Haydneum Budapest

Bei der Musik denkt man in Ungarn europäisch

Von Wolfgang Sandner
13.10.2021
, 16:10
Der Purcell-Chor und das Orfeo-Orchester im Budapester Kulturpalast.
Joseph Haydn stand als Österreicher dreißig Jahre im Dienst eines ungarischen Fürsten. Um die Musik dieser Zeit besser zu erforschen und zu verbreiten, wurde jetzt in Budapest das Haydneum gegründet. Es steht unter französischer Leitung.

Bisweilen denkt man groß in Ungarn. Dann bemüht man selbst für individuelle Missgeschicke im Alltag die kollektiven Tragödien des Landes, zitiert Mohács, den kleinen Flecken im Süden Ungarns, wo anno 1526 die Osmanen einfielen und ihre illegitime Herrschaft begründeten. Oder man erinnert an Trianon, wo im Jahr 1920 Verträge geschlossen wurden, die eine neue staatliche Wirklichkeit schufen, die für Ungarn mit großen territorialen Verlusten verbunden war. Auch der Schriftsteller Péter Esterházy dachte groß, als er seine Familienchronik „Harmonia Caelestis“ nannte; nicht ohne leichte Ironie, die ihm allerdings kurz vor Vollendung des Werkes im Hals stecken blieb, als er von der Verstrickung seines Vaters in die Machenschaften der ungarischen Geheimpolizei erfuhr und sich gezwungen sah, der Chronik eine „verbesserte Ausgabe“ mit Auszügen aus aktuell zugänglichen Agentenberichten anzuhängen.

Beim Festival Haydneum, das jetzt an vier Tagen in Budapest und im Schloss Esterháza bei Fertőd, unweit des Neusiedler Sees stattfand, fühlte man sich unwillkürlich an die Tradition großer Gedanken in Ungarn erinnert. Denn mit dem Namen Joseph Haydn verbinden sich himmlische Harmonien und glanzvolle Zeiten der Habsburger Monarchie mit jenem stets loyal gebliebenen Hochadelsgeschlecht der Esterházys, in deren Diensten der Komponist dreißig Jahre gewirkt hat. Die Kulturinitiative soll dabei keineswegs nur ein etwas anderes Musikfest unter vielen in der Musikstadt Budapest werden. Haydneum ist als nationales Projekt mit entsprechender staatlicher Unterstützung konzipiert: als Zentrum für Alte Musik mit jährlichen Konzerten, einem Archiv, mit Forschungs- und Bildungseinrichtung, wissenschaftlichen Publikationen und Klangaufzeichnungen; zugleich eingebunden in ein Netzwerk bereits bestehender kultureller Institutionen.

Als Initiator des Zentrums muss der unerschrockene Dirigent und Präsident der Ungarischen Akademie der Künste, György Vashegyi, freilich einen für Ideologen provokativen Satz Péter Esterházys paraphrasiert haben: „Der Schriftsteller soll nicht in Volk und Nation denken, sondern in Subjekt und Prädikat.“ In diesem Sinne hat er für das erste Musikfestival nun Spezialisten für Alte Musik aus Deutschland und Frankreich eingeladen, wohl wissend, dass für das, was als Subjekt und Prädikat historisch informierter Aufführungspraxis gilt, die ungarische Alte-Musik-Bewegung, der er selbst wichtige Impulse gab, noch Nachholbedarf hat, obwohl die Capella Savaria mit solchen Koryphäen wie Nicholas McGegan in den Achtzigerjahren einmal zu den Pionieren historischer Aufführungspraxis östlich des Eisernen Vorhangs gehört hatte.

Christophe Rousset (rechts) probt für die Eröffnung des Haydneums.
Christophe Rousset (rechts) probt für die Eröffnung des Haydneums. Bild: Pilvax

So wurde denn jetzt auch kein Ungar als künstlerischer Leiter für das Haydneum engagiert, sondern der französische Musikwissenschaftler Benoît Dratwicki, der auch dem Centre de Musique Baroque Versailles vorsteht und der zu den angesehensten Experten der Musik des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gehört. Schließlich will das Haydneum nicht nur ungarische Musik wiederentdecken oder neu beleben, vielmehr Musik, die in Ungarn und am Hofe der Fürsten Esterházy aufgeführt wurde, wo man seinerzeit nicht nur Haydns Werke zu Gehör brachte, sondern Musik seiner Gegenwart, unabhängig von der Herkunft der Tonsetzer; fürwahr ein Gedanke europäischen Zuschnitts.

Entdecken wird man freilich auch noch genug im Werk Haydns, dessen Rang in der Musikgeschichte unangefochten ist, ohne dass die Einschätzung eines Igor Strawinsky sehr viel an Gültigkeit für die musikalische Praxis verloren hätte: Er könne sich nicht vorstellen, wie man auf den Schlachtrössern des symphonischen Werks von Joseph Haydn eine Karriere als Interpret bauen könne. Der Angriff galt allerdings weniger dem Werk als dem musikalischen Betrieb bis heute, der solche Kompositionen gerne als Einspielstücke im routinierten Konzertalltag verwendet. Das Haydn-Missverständnis besitzt eine lange Tradition, die vermutlich nicht erst mit Robert Schumanns Worten einsetzt, man empfange Haydn immer gern und achtungsvoll wie einen gewohnten Hausfreund, aber tieferes Interesse habe er für die Jetztzeit nicht mehr. Der im vergangenen Jahr verstorbene Musikhistoriker Ludwig Finscher machte darauf aufmerksam, dass Haydn eine musikalische Sprache spreche, die sich zerstreutem Hören hartnäckig verweigere, keine Begriffe, Ideen und Gefühle transportiere, vielmehr das intellektuelle Niveau rationaler Diskussion und Argumentation in ein kompositorisches Material einbringe. Bei Haydn herrsche ein Denken in Tönen.

Glückliche Hand bei der Wahl der Gäste

Unter diesem Aspekt hat man beim Haydneum eine glückliche Hand auch in der Wahl musikalischer Gäste bewiesen. Das Freiburger Barockorchester schien wie geschaffen, um einer faszinierten Hörerschaft im großen Saal der Liszt-Akademie vor Ohren zu führen, wie Haydns Gedanken in Tönen verständlich ausgedrückt werden können. In den Londoner Symphonien Nr. 96 und 104 wurde die sprachanaloge Struktur der Musik dramaturgisch sinnfällig entwickelt, ganz ohne Restbestände einer quasi objektivierten barocken Affektenlehre, vielmehr als vitale Schöpfung im Sinne von Nikolaus Harnoncourts „Klangrede“, zu der eine historisch informierte Aufführungspraxis mit entsprechenden Instrumenten, aber ganz ohne näselnden Historismus, wie selbstverständlich gehört.

Beeindruckende Souveränität muss man auch den Ensembles unter Leitung von György Vashegyi bescheinigen, der mit der Eröffnung des Haydneums nunmehr die Früchte einer jahrzehntelangen Aufbauarbeit ernten kann. Bei Haydns sechster Symphonie „Le Matin“ („Der Morgen“ aus dem Tageszeitenzyklus) wurde im Saal des Schlosses Esterháza in Anwesenheit von Fürst Anton II. Esterházy, dem Oberhaupt der Familie, aus dem Genius Loci eine Musik auf Zehenspitzen entwickelt, klangfarbenreich in nahezu solistischer Orchesterbesetzung, fein ausgearbeitet in linearen Strukturen, leicht und beweglich in den rhythmischen Konturen des Orfeo Orchesters. Ähnliche interpretatorische Kompetenz war schon zu spüren, als Vashegyi im Béla-Bartók-Konzertsaal vom Budapester Palast der Künste Kirchenmusik von Haydn so homogen aufführte, als sprudelte für das Orfeo Orchester und den Purcell Chor nur eine gemeinsame Quelle der Inspiration: himmlischer Gesang.

Man mag auch das als eine angemessene Form der Interpretation betrachten. Haydns Musik enthält vor allem eine Botschaft, die häufig am Anfang und am Ende eines Werkes steht: „In nomine Domini“ und „Laus Deo“. Konsequenterweise nahm geistliche Musik den größeren Raum im Festival ein, wobei sich Christophe Rousset mit seinem nuancenreich und klangsinnlich musizierenden Ensemble Les Talens Lyriques sowie das Budapest Bach Consort von Augustin Szokos den Werken unbekannterer Komponisten wie Gregor Joseph Werner, dem Vorgänger Haydns in Esterháza, widmeten. Ein Werk fand dabei besondere Beachtung: Pál Esterházys „Harmonia Caelestis“, eine Sammlung mit 55 Kantaten für Solostimme, Chor und Orchester, die auch der Familienchronik Péter Esterházys als Referenz diente. An ihr bewunderte schon der Musikforscher Bence Szabolcsi die Verbindung von ungarischem Melos mit Kompositionstechniken österreichischer, venezianischer, süddeutscher Meister und von Künstler aus anderen Kulturkreisen. Hier werde eine Universalität spürbar, die über das Musikalische hinausweist. Sie sollte als Leitstern für das Haydneum dienen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot