Tenor Benedikt Kristjánsson

Der geborene Evangelist

Von Jan Brachmann
19.03.2021
, 21:16
Es war kein verlorenes Jahr: Der isländische Tenor Benedikt Kristjánsson.
Video
Der isländische Tenor Benedikt Kristjánsson liebt Luthers Deutsch, hat das Corona-Jahr schöpferisch verbracht, sich mit Volksliedern und Furtwängler beschäftigt und gibt nun in Köthen ein persönliches Konzert zu Bachs Geburtstag.
ANZEIGE

Seit dem Karfreitag 2020 geht der Name des jungen isländischen Tenors Benedikt Kristjánsson um die Welt als der eines der besten Bach-Sänger der Gegenwart. Auch ihn hat Corona ausgebremst. Doch zu Bachs Geburtstag am 21. März kommt er nach Köthen für ein ganz persönliches Konzert, das auf dem Youtube-Kanal der Köthener Bachfesttage gestreamt wird. Wir erreichten ihn vorher per Videoanruf an Islands Küste. F.A.Z.

Vor einem Jahr haben Sie Zehntausende von Menschen erschüttert mit der Live-Übertragung der Johannespassion von Johann Sebastian Bach aus der Leipziger Thomaskirche, bei der Sie als einziger Gesangssolist alle Rollen allein sangen. Normalerweise hätte man gesagt: Das war der Durchbruch zu einer großen Karriere. Dann kam Corona. Wie ist es Ihnen seitdem ergangen?

ANZEIGE

So wie allen anderen auch. Es kamen Absagen, Absagen, Absagen. Und danach keine Anfragen. Denn niemand wusste, wie es weitergehen soll. Ein Leben wie im Gefrierfach.

War das ein verlorenes Jahr für Sie?

Nein. Das war sogar ein wunderbares Jahr. Ich konnte mit meinen Ersparnissen gut über die Runden kommen. Es gab zwar kaum Einnahmen, aber eben auch kaum Ausgaben. Man hat die nötigsten Dinge fürs tägliche Leben eingekauft – und das war’s. Ich habe viel Zeit mit meiner Familie – wir haben drei Kinder – verbracht. Das war wunderbar. Der Kinder wegen sind wir auch alle von Berlin nach Island gegangen. Hier gibt es kein Corona; die Kinder können nach draußen an die Luft, zu Hause machen wir Homeschooling. Und womöglich bin ich gerade der einzige Evangelist auf der ganzen Welt, der die Johannespassion überhaupt aufführen konnte, gleich zweimal in einer Kirche in Reykjavík. Mit Zuhörern!

© Podium Esslingen/YouTube

Gab es im vergangenen Jahr etwas, dem Sie nachtrauern?

Ja, natürlich. Ich hätte in der Elbphilharmonie die Solo-Johannespassion singen sollen. Das war ziemlich bitter, als der Tag kam und ich nicht dort war. In Los Angeles hätte es eine Matthäuspassion mit Martin Haselböck geben sollen, in Moskau das „War Requiem“ von Benjamin Britten, Beethovens Neunte mit Jordi Savall. Alles ziemlich traurig, dass daraus nichts wurde. Ich denke gar nicht viel darüber nach. Es nützt ja nichts.

ANZEIGE

Ist es für einen Sänger schwieriger als für einen Instrumentalisten, ein Jahr zu verlieren?

Ich weiß es nicht. Es ist für die Sänger schwierig, die sehr viel verdienen, aber auch sehr hohe Fixkosten haben: eine Wohnung in Paris und eine Berlin, dazu noch ein Zimmer in München. Sie leben von Monat zu Monat, haben irgendwo eine Produktion, bleiben dort für drei Monate, bekommen einen Haufen Gage, von dem sie alles bezahlen können. Aber plötzlich kommt nichts mehr, und die Kosten sind immer noch da. Das ist eine Riesenkatastrophe. Ich kenne Sänger, die aufgegeben haben und jetzt als Schullehrer arbeiten. Wenn es nicht mehr funktioniert, muss man eben andere Lebenslösungen finden.

Wie haben Sie das letzte Jahr künstlerisch verbracht?

Ich habe etwa achtzig isländische Volkslieder für eine Internetdatenbank aufgenommen. Ein guter Freund von mir hat in Berlin ein kleines Studio, in dem wir arbeiten konnten. Dann hat Deutschlandfunk Kultur einen Liederabend für mich organisiert, bei dem ich unter anderem vier Jugendlieder von Wilhelm Furtwängler sang, die ich bei einem Berliner Musikantiquar entdeckt hatte. Furtwängler schrieb sie zwischen seinem neunten und dreizehnten Lebensjahr. Ich habe ein ganzes Konvolut davon, nicht alle sind künstlerisch so interessant, dass man sie in einem Konzert vorstellen sollte. Aber von den vieren, die ich ausgesucht hatte, bin ich wirklich überzeugt. Außerdem haben wir eine kleine Produktion von Mozarts „Così fan tutte“ auf Burg Lockenhaus in Österreich gemacht.

ANZEIGE

Bachs Evangelisten haben Sie oft gesungen. Gerade erscheint auch eine neue Matthäuspassion auf CD, auf der Sie unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann dieses Mal die Tenorarien singen. Wie sind Sie zu diesen Partien gekommen: durch Neigung oder durch den Weg Ihrer Stimme?

Beides. Ganz am Anfang meines Gesangsstudiums bemerkte ich schon, dass ich Bachs Musik sehr liebe. Deshalb war es schon damals mein Traum, den Evangelisten zu singen. Dann kam das Glück hinzu, dass meine Stimme sich so entwickelt hat, dass sie gut dazu passt. Vor genau zehn Jahren habe ich meinen ersten Evangelisten auch hier in Reykjavík gesungen, seitdem wahrscheinlich siebzig-, achtzigmal. Und immer, als wäre es mein erstes und mein letztes Mal.

Was braucht man als Evangelist?

Eine leichte Höhe, eine flexible Stimme. Man muss sehr schnell, aber auch sehr leise und dabei klar singen können. Die Worte müssen immer hörbar bleiben. Dazu muss man auch vibratolos singen können. Wenn man in den Rezitativen jeden Ton mit Vibrato singt, werden die Worte unverständlich. Dazu braucht man unglaublich gute Kenntnisse der deutschen Sprache, was Wortbedeutungen und Aussprache angeht. Und man braucht eine genaue Kenntnis der biblischen Passionsgeschichte, muss wissen, was man erzählt und wo diese Erzählung hinzielt. Daraus leitet sich dann für die Gestaltung ab: Was ist wichtig, und was ist weniger wichtig? Was muss ich betonen, was nicht?

Haben Sie sich mit Theologie beschäftigt?

ANZEIGE

Genetisch gesehen, bin ich ein geborener Evangelist. Meine Mutter war Sängerin und mein Vater Theologe. Deshalb ist diese Partie mir ganz natürlich zugewachsen.

Ist Ihnen das Deutsch der Lutherbibel in der Fassung von Bachs Zeit fremd?

Nein. Darüber denke ich gar nicht viel nach. Ich finde diese Sprache auch in ihrem Klang sehr schön. Irgendwie romantisch sogar.

Nun machen Sie zu Bachs Geburtstag am 21. März in Köthen mit Margret Köll und Folkert Uhde ein ganz besonderes Konzert. Was wird die Hörer im Stream erwarten?

Es wird ein sehr persönlicher Abend. Wir werden Hausmusik aus unseren Heimaten singen und spielen, sie aus Österreich, ich aus Island. Ich werde beschreiben, wie meine erste Begegnung mit der Musik Bachs aussah, aber auch Gitarre spielen und ein isländisches Lied dazu singen. Dazu gibt es Musik aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach.

In Ihren zehn Jahren als Evangelist haben Sie viel erreicht. Bleiben da noch künstlerische Wünsche offen?

Der Karfreitag letztes Jahr in Leipzig war schwierig für mich. Ich hatte hinterher das Gefühl: Das war der Höhepunkt meines künstlerischen Lebens. Was mache ich jetzt? Geht alles nur noch bergab? Aber Gott sei Dank ist es nicht so. Ich habe für 2022 ziemlich verrückte Pläne, mit Bach, aber auch mit Schuberts „Winterreise“. Nur sprechen darf ich darüber noch nicht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE