Ausstellung zu E.T.A. Hoffmann

Für Musikmaschinen hatte der Dichter was übrig

Von Gerald Felber
25.05.2022
, 22:18
Inneres einer Flötenuhr von Ch. E.Kleemeyer, Berlin um 1800
Seine Literatur hat ihn berühmt gemacht, sein Geld verdient hat er als Klavierlehrer, Kapellmeister und preußischer Beamter: Das Berliner Musikinstrumentenmuseum erinnert mit einer Ausstellung an E.T.A. Hoffmann.
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Weil Musikinstrumente auch schon, bevor sie erklingen, sehr ästhetische Gebilde sind, finden einschlägige Museen wie das in Berlin ihren Zweck eigentlich ganz gut in sich selbst: Man bummelt durch eine Welt edler und raffiniert ausgeformter Materialien, die sowohl das Auge als auch die Vorstellung der ihnen zu entlockenden Klänge ansprechen.

Trotzdem begnügt sich das Haus neben der Philharmonie nicht nur mit seinem reichhaltigen, in der lichten Weite eines Edgar-Wisniewski-Baus von 1984 präsentierten Kernbestand, sondern setzt öfter thematische Einzelschwerpunkte, die ohne großen Zusatzaufwand gleichsam aus der Dauerausstellung herauswachsen.

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Karikaturist, Kapellmeister, Klavierlehrer

So auch aktuell, wenn es um Ernst Theodor Amadeus Hoffmann geht. Der ist zwar heute, knapp zweihundert Jahre nach seinem Tod am 25. Juni 1822, eher als phantastisch-genialischer, gern in surrealen Zwischen- und Geisterwelten schweifender Poet denn als Musiker (und nebenbei noch preußischer Beamter sowie begnadeter Karikaturist und passionierter Trinker) bekannt, verdiente aber sein Salär in wichtigen Lebens­phasen auch als Kapellmeister und Klavierlehrer.

Das faszinierte den Dichter: Mechanik einer Harfenuhr von J. C. Krüger, Berlin, 1764.
Das faszinierte den Dichter: Mechanik einer Harfenuhr von J. C. Krüger, Berlin, 1764. Bild: Oliver Ziebe

Noch lieber wäre er den Spuren des hochverehrten Mozarts oder Beethovens gefolgt. „Nicht anders als durch eine gelungene musikalische Composition“ wollte er laut einem Brief von 1813 „der Welt bekannt werden“, obwohl er mit den damals entstehenden „Fantasiestücken in Callots Manier“ bereits auf einen ersten literarischen Höhepunkt zustrebte. Letztlich war sein musikalischer Ehrgeiz ebenfalls nicht umsonst, denn neben eigenen Produktionen wie der Oper „Undine“, die auch heute noch gelegentlich erklingen, gibt es wohl kaum einen weiteren Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, der sich als Prosaautor wie als Essayist und Tageskritiker derart anregend mit Fragen der musikalischen Schaffens und seiner Interpretation auseinandergesetzt hat.

Kam dann doch etwas nach E.T.A. Hoffmanns Zeit: der Synthesizer VCS 3, Electronic Music Studios, London, 1972.
Kam dann doch etwas nach E.T.A. Hoffmanns Zeit: der Synthesizer VCS 3, Electronic Music Studios, London, 1972. Bild: Anne-Katrin Breitenborn

Hinsichtlich der Letzteren war Hoffmann, selbst nicht nur pianistisch und sängerisch, sondern auch als Violin- und Harfenspieler begabt, einer der ersten, der neben der mechanischen Kehl- oder Fingerfertigkeit die Bedeutung der geistig-emotionalen Einfühlung in den Notentext unterstrich. Das alles wird auch in den sparsamen, dabei gut nachvollziehbaren Begleitkommentaren der Berliner Schau angerissen.

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Die Welt der Instrumente

Wer mehr wissen will, findet eine Textzusammenstellung mit musikbezogenen Urteilen und Schilderungen des Dichters. Vor allem aber hält man sich ans Handfeste, wenn zum Beispiel sein Harfenquintett von 1807 mit einer da­maligen Instrumentenkollektion quasi nachgestellt wird oder ein Kisting-Hammerflügel, dessen Qualitäten er in seiner letzten Novellen lobt, hier tatsächlich als materielles Objekt zu besichtigen ist.

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Einen Schwerpunkt bildet das zwischen Misstrauen und Faszination oszillierende Verhältnis des Künstlers zu Musikautomaten aller Art, das in der Maschinen-Gestalt der Olimpia aus der „Sandmann“-Novelle und deren Verarbeitung in Jacques Offenbachs Hoffmann-Oper wiederum selbst zum Gegenstand der Musikgeschichte geworden ist.

In Berlin fallen entsprechende Recherchen und Demonstrationen umso leichter, weil die seltsame Eigenwelt der mechanischen Musikinstrumente bis hin zur modernen elektronischen Klang­erzeugung ohnehin ein Schwerpunkt des Hauses ist. Wer sich als Besucher durch ein etwas kompliziertes Zugangsverfahren ge­arbeitet hat, kann etliche solcher Ausstellungsstücke per Handy nicht nur visuell, sondern auch klingend erleben.

Das Musikinstrumentenmuseum, einst der am weitesten Richtung Mauer vorgeschobene Außenposten von Hans Scharouns Kulturforum-Projekt, stand von Beginn an nicht nur im Wortsinne, sondern auch in seiner öffentlichen Kenntnisnahme immer ein wenig im Schatten der benachbarten Philharmonie.

Mittlerweile ist durch Helmut Jahns Sony-Center zudem die zwischenzeit­liche Sichtachse zu den Türmen des Gendarmenmarktes verbaut, in dessen Nähe E. T. A. Hoffmann seine letzte ­Berliner Wohnung hatte, unweit des frisch errichteten Schauspielhauses. Ehedem kam der Dichter-Musiker von dort ganz gern zum Tiergarten, um zu promenieren oder in den Bierzelten Geistiges zu sich zu nehmen; auch an der entspannt sinnenverbundenen Geistigkeit des ­heute am Tiergarten-Rand ­stehenden Museums hätte er wohl sein Vergnügen gehabt. Durch die ihm ge­widmete Extra-Kollektion erhält sie derzeit noch einen zusätzlichen reiz­vollen Akzent.

E. T. A. Hoffmann und die Musik. Im Musikinstrumenten-Museum Berlin; bis zum 8. August 2022. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
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