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„Rosenkavalier“ in Berlin

Dahin muss ich zurück! Und wär’s mein Tod

Von Jan Brachmann
Aktualisiert am 11.02.2020
 - 21:44
Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg) und Michèle Losier (Octavian)
An der Berliner Staatsoper inszeniert André Heller den „Rosenkavalier“ von Richard Strauss mit einer gewissen Sentimentalität eigenen Kindheitserinnerungen gegenüber. Die Sängerbesetzung, allen voran mit Camilla Nylund und Günther Groissböck, ist jedoch unübertrefflich.

Der quiekende Orgasmus der zwei Oboen, verstärkt vom ersten und dritten Horn, interessiert den Dirigenten Zubin Mehta nicht mehr sonderlich. Er nimmt den orchestralen Beischlafnaturalismus von Richard Strauss im Vorspiel zu dessen Komödie „Der Rosenkavalier“ – die hornige Erektionsmetaphorik, die Schlüpfrigkeit einer Anweisung wie „die ganze Steigerung von hier ab durchaus parodistisch“ bis hin zur triolischen Ejakulation – mehr oder minder hin als eine unvermeidliche Üblichkeit. „Stürmisch bewegt“ ist das Dirigat des bald Vierundachtzigjährigen nicht. Philippe Jordan hatte hier am gleichen Haus, der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, vor gut zwanzig Jahren ganz auf jugendlichen Vitalismus gesetzt; Kirill Petrenko erspürte 2006 an der Komischen Oper Berlin die untergründige Nervosität, die Zerbrechlichkeit und Angst, die Aggression aller Figuren im orchestralen Gewebe.

Zubin Mehta aber will leise Abschied nehmen. Dass er nach seiner schweren Krankheit 2018 noch einmal den Weg zurück ans Dirigentenpult gefunden hat, ist ein Wunder. Er hat „die Schwäche von allem Zeitlichen recht spüren“ müssen, wie es die Marschallin im „Rosenkavalier“ singt, und das rückt ihn seelisch wohl nahe an diese Figur. Wo Strauss’ Musik in der Nachdenklichkeit verschollen geht, schaffen Mehta und die Staatskapelle Berlin – die bald 450 Jahre alt wird – die größten Momente des Abends.

Der kürzlich verstorbene George Steiner schrieb einmal über das Finale von Mozarts „Figaro“, dass die Musik sich dort für ein Theater jenseits des Dramas, jenseits menschlicher Handlungsmöglichkeiten und menschlichen Handlungssinns öffne. Genau diese Dimension interessiert Mehta an der Partitur: Er macht die Phasen zum Ereignis, wo Handeln nicht mehr hilft, eben wo die Marschallin das unaufhaltsame Vergehen der Zeit besingt und wo Sophie sich mit Octavian in einem Moment der Zeitlosigkeit verliert: „Wo war ich schon einmal und war so selig? Dahin muss ich zurück! Und wär’s mein Tod.“ In seiner Langsamkeit, seinem melancholischen Postvitalismus gerät Mehta der „Rosenkavalier“ – der hier übrigens völlig ungekürzt geboten wird – zu einer Komödie des inneren Taumels, einer Meditation über die Zeit und die Vergeblichkeit menschlichen Handelns.

André Heller, der Regisseur, der hiermit zum ersten Mal eine Oper inszeniert, versteht sich, anders als die Marschallin, mehr auf das Halten als auf das Lassen. Festhalten will er seine frühe Faszination für dieses Stück, für den Librettisten Hugo von Hofmannsthal und für Strauss, deren Porträts wie Objekte libidinöser Energie auf den Vorhang vor jedem Akt projiziert werden.

Sein „Rosenkavalier“ spielt 1917, sechs Jahre nach dessen Entstehung, als Abgesang auf die Belle Époque. Die Bühnenbildnerin Xenia Hausner hat sich für das Schlafgemach der Marschallin vom seidenreichen Japonismus um 1900 inspirieren lassen, für das Stadtpalais Faninals den blattgoldfetten Prunk der Wiener Sezession mit Gustav Klimts Beethovenfries gekrönt und aus dem Vorstadt-Beisl des dritten Akts ein orientalisches Palmenhaus gemacht. Das alles, auch die zeitlos-luxuriöse Kostümierung durch Arthur Arbesser, ist opulent und farbenfroh; die Bühne perfektioniert durch vorgestreckte Seitenflügel die ohnehin schon fabelhafte Akustik der Staatsoper so weit, dass man den Text der Singenden unglaublich deutlich versteht.

Aber eigentlich erzählt dies über den Zustand der Figuren und die Umstände, in denen sie leben, wenig. Heller, den ein Foto im Programmbuch als siebenjähriges Kind 1954 in einem Rosenkavalierskostüm zeigt, setzt – leise und behutsam – mehr auf Zauber denn auf Analyse. Wenn der rüpelhafte Baron Ochs im ersten Akt in allen Einzelheiten beschreibt, wie er verschiedene Frauen, zuweilen gewaltsam, zu begatten pflegt, dann hören die Marschallin und Octavian, als Zofe verkleidet, der Protzerei gläubig zu wie sechsjährige Nichten dem Jägerlatein ihres Onkels. Das ist doch arg zu brav!

Dafür gelingt die Zeichnung der Charaktere und ihrer Beziehungen sehr fein. Nadine Sierra singt und spielt die arglose Unbeholfenheit der Sophie im zweiten Akt so hinreißend, dass Michèle Losier als Octavian gar nicht anders kann, als sich Hals über Kopf in dieses Geschöpf zu verlieben. Dieser Zauber aus Zutraulichkeit, Schutzlosigkeit und Charme ist bei Sierra unwiderstehlich.

Ebenso macht Camilla Nylund den Stimmungsumschwung der Marschallin im ersten Akt plausibel. Der Moment des Frisierens ist das Anlegen eines sozialen Körpers, mit dem der private Körper überdeckt wird. Aus der lustvoll-verspielten Frau wird eine distanzierte Dame, die Heller in seinem Kommentar sogar als wienerische Königskobra beschreibt. Heller hat es Camilla Nylund besonders schwer gemacht, weil er in der Körpersprache, in Blicken, Gängen und Armhaltung, ein wenig auch in der Frisur der Marschallin, seine jugendliche Faszination für Elisabeth Schwarzkopf mitinszeniert hat. Nun muss Camilla Nylund gegen diese Jahrhundert-Sängerin antreten, verzagt dabei aber überhaupt nicht. Mit ihrem eigenen Timbre, das über mehr Wärme als das Schwarzkopfs verfügt, ohne aber deren Wehrhaftigkeit vermissen zu lassen, gelingt ihr ein staunenswertes Porträt einer Frau, die Lust und Reflexion, Weisheit und Statusbewusstsein zusammenbringt.

Günther Groissböck als Baron Ochs ist unübertrefflich: perfekt in seiner wienerischen Diktion, souverän in seinem Geschmack, ein Komödiant ohne Schmiere, stimmlich ein Weltmann von Wohlklang und feinster Artikulation, dabei elegant in der Führung seiner leichtfüßigen Bass-Stimme. Sogar der Herr von Faninal ist mit Roman Trekel durch einen Edelmann seines Faches besetzt, der die Grausamkeit des Aufsteigers durchaus mit zielstrebiger Grazie zu gestalten weiß. Michèle Losier als dunkel glühender, ebenso leichter wie leidenschaftlicher Octavian ist die große Entdeckung des Abends.

Für die Brüchigkeit der Verhältnisse, für die Gefährdung des Ichs in der Zeit, für die Behauptung von Würde gegen die Gewalt von Umbrüchen findet Hellers Inszenierung keine Metaphern. Aber sie lässt uns zurück in unerklärter, tiefblauer Traurigkeit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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