Choreographie zu „Turangalîla“

Eine Hymne an die Liebe

Von Alexandra Albrecht
Aktualisiert am 06.07.2016
 - 20:48
Madoka Sugai tanzt in der Fotoprobe von „Turangalîla“.zur Bildergalerie
Olivier Messiaens Turangalîla-Symphonie durfte jahrzehntelang nicht neu choreographiert werden. Auch John Neumeier erhielt von den Erben eine Absage – jetzt brachte ein glücklicher Zufall das Stück doch auf die Bühne.

Olivier Messiaens Turangalîla-Symphonie wurde bisher erst einmal in Gänze vertanzt, 1968 brachte Roland Petit seine Choreographie an der Pariser Oper heraus. Eignet sich die Komposition nicht für das Ballett? Der Grund für die jahrzehntelange Abwesenheit auf den Tanzbühnen ist ein anderer: Nachdem der Komponist und der Librettist in einen Rechtsstreit gerieten, erlaubte Messiaen keine weitere choreographische Bearbeitung des Stückes mehr. John Neumeier und Ingo Metzmacher erhielten vor Jahren eine Absage der Erben, doch der seit dieser Spielzeit an der Hamburgischen Staatsoper tätige Generalmusikdirektor Kent Nagano konnte Messiaens Sohn überzeugen, das Werk freizugeben. Nagano ist vertraut mit der Familie, er lebte als Schüler des Komponisten in Paris bei ihm, und er erhielt täglich Klavierunterricht bei dessen Frau, der Pianistin Yvonne Loriod.

Die zehnsätzige Symphonie, die einem Klavierkonzert ähnelt, eröffnet dem Choreographen durch ihren Reichtum an Stimmungen und Farben einen weiten Assoziationsraum. Als tückisch erweisen sich aber die Überlagerungen unterschiedlicher Rhythmen, die Messiaen teilweise der Musik Indiens und Indonesiens abgelauscht hat. Dies verlangt einen Choreographen, der nicht sklavisch Ton für Ton in Bewegung umsetzt, was sowieso lächerlich aussieht, dennoch aber oft gemacht wird; umso wichtiger ist es hier, der Musik etwas Eigenes entgegenzusetzen.

John Neumeier, dessen Choreographie zur Turangalîla-Symphonie die Hamburger Ballett-Tage in der Staatsoper eröffnete, nimmt die musikalischen Leitmotive im Tanz auf, etwa das Unheil verkündende Thema aus dem explosiven ersten Satz. Zitternd und zuckend stehen die Männer mit gesenktem Kopf, kratzen sich, fahren nervös mit den Händen an ihrem Leib entlang. Einer erhebt sich aus der Gruppe, steigt auf die Schultern zweier Tänzer, einer Statue gleich, die aber sofort wieder zu Fall kommt. Messiaen schrieb Turangalîla wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, und wenn er das Stück auch als Hymne an die Liebe bezeichnete, verdunkeln die Erfahrungen von Verbrechen und Leid doch immer wieder die manchmal recht süßlichen Liebesgesänge.

Hamburgs Ballettchef schickt einen jungen Mann auf eine Entdeckungsreise durch diese reiche musikalische Welt. An deren Ende wird er zum Mann gereift sein. Während auf der Bühne das große Philharmonische Staatsorchester in einer Kulisse sitzt, die manchmal an einen modernen Konzertsaal und dann an einen sakralen Ort erinnert, wird auf dem überbauten Orchestergraben auf einer runden weißen Fläche getanzt. Puristisch und elegant gestaltete Albert Kriemler, Chefdesigner von Akris, auch die Kostüme. Die Männer steckte er in asiatisch inspirierte Hosenröcke aus Jersey, die Frauen tragen knie- und bodenlange Kleider in allen erdenklichen Rottönen, die herrlich mitschwingen und die Bewegungen des Körpers in den Raum verlängern.

Trailer
„Turangalîla“ in Hamburg
© Hamburg Ballett, Hamburg Ballett

Der Wanderer beobachtet alle Spielarten der Liebe, leidenschaftliche, verglühte, enttäuschte, sich versagende. Hélène Bouchet und Carsten Jung, zwei beeindruckende Erste Solisten des Hamburg Balletts, umkreisen sich wie zwei Diplomaten, die sich eher belauern als dass sie sich einander hingeben, häufig Rücken an Rücken, als würden sie den direkten Blick scheuen. Sie untersuchen am Körper des anderen, wie weit der Partner sich wohl verbiegen lässt. Ganz anders geht es im 6. Satz, im Garten des Liebesschlummers, zu. Aus weiter Ferne erklingen die sanften Töne, darunter süßliche, manchmal auch fiepende und wimmernde Klänge, wie sie Science-Fiction-Filme durchziehen. Messiaen nutzte dafür die Ondes Martenot, ein elektronisches Tasteninstrument, das in Hollywood auch in Horrorfilmen seinen Einsatz fand. Wie Schlafwandler bewegen sich die Tänzer, die Frauen lassen ihre langen Haare schwingen, wiegen sich sanft hin und her, finden sich vertrauensvoll im Duett mit einem Mann wieder. Am schönsten sind John Neumeier die Momente gelungen, in denen er die Handlung hintanstellt und einfach der Lebensfreude und Energie, die in dieser Symphonie stecken, Ausdruck verleiht, wenn die Tänzer also ungestüm durch die Luft springen oder eine Frau ihr überbordendes Glück nur mit seltsam verdrehten Bewegungen (entzückend: Mayo Arii) herauslassen kann. Messiaens Komposition besitzt so viel Komik und Ironie, sie hört sich stellenweise wie ein Soundtrack an, erinnert an Chaplin-Filme und Liebesschmonzetten, und hätte durchaus etwas wilder umgesetzt werden dürfen.

Diese vielschichtige, rhythmisch vertrackte Symphonie entfaltet unter dem Dirigat Naganos transparent ihre Nuancen, vor allem die starke Schlagzeuggruppe des Philharmonischen Staatsorchesters glänzt mit fein abgestimmtem Spiel. Yejin Gil nutzt den Flügel stellenweise ebenfalls wie ein Schlagwerk, beherrscht aber auch die leise perlenden Läufe. Der Star des Abends ist die Komposition, deren visuellen Reichtum John Neumeier umzusetzen weiß.

Quelle: F.A.Z.
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