„Così fan tutte“ in Salzburg

Wie traurig, recht zu behalten

Von Jan Brachmann, Salzburg
Aktualisiert am 04.08.2020
 - 07:53
Das ist doch kein Frauenfeind! Don Alfonso (Johannes Martin Kränzle) zwischen Fiordiligi (Elsa Dreisig, l.) und Dorabella (Marianne Crebassa).
Weise, meisterhaft, liebevoll: Die Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ ist wirklich ein Fest. Erstmals dirigiert mit Joana Mallwitz eine Frau. Und Johannes Martin Kränzle ist ein epochaler Don Alfonso.

An diese Produktion von „Così fan tutte“ wird man lange denken. Sie ist ein Glück, ein Wunder, ein Fest, so wie Wolfgang Amadeus Mozarts „Figaro“ in der Regie von Claus Guth und unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt es 2006 gewesen war. Damals gelang Christine Schäfer als Cherubino – zart, zerbrechlich, liebesfiebernd – ein Rollenporträt von epochalem Rang, mit dem sie die Statik des Stücks umwuchtete; dieses Mal gelingt das Johannes Martin Kränzle als Don Alfonso.

Schon als Beckmesser in Barrie Koskys Bayreuther Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ hatte sich Kränzle als überragender Darsteller erwiesen, der das singende Schauspiel auf filmische Intimität, Präzision und Sparsamkeit zu bringen verstand. Nun kehrt er von Wagner zu Mozart zurück und erschüttert sein Publikum mit der Charakterzeichnung eines Mannes, der als Zyniker und Frauenfeind gilt, weil er seine Freunde Guglielmo und Ferrando zum Partnertausch anstiftet, um die Untreue ihrer Verlobten Dorabella und Fiordiligi zu beweisen. Aber Kränzle gibt nicht den Zyniker. Er kann – wie Rolf Hoppe in seinen besten Momenten – einen Blick aufsetzen, der seelische Grausamkeit mit tiefer Trauer verbindet. Dieser Don Alfonso ist ein Melancholiker, der weiß, dass Menschen nicht durch Wissen klug werden, sondern nur durch Schmerz. Sein Blick auf die schlafenden Frauen ist der eines uneigennützig Liebenden, fast eines Vaters oder Arztes. Sein illusionsloses Mitleid mit den Menschen nimmt die Haltung Anton Tschechows vorweg. Bei der triumphierenden Devise „Così fan tutte“ (So machen es alle Frauen) versteinert sein Gesicht in Bitterkeit; seine Stimme singt zur Handlung immer ihren eigenen Kommentar mit: Man kann hören, wie Mozarts Denken sich in Gesang verwandelt. Durch Kränzle wird diese Komödie der geprüften Herzen zu einer Studie über die Traurigkeit, recht zu behalten.

Kluge Regie von Christof Loy

Natürlich steckt dahinter auch ein kluger Kopf als Regisseur: Christof Loy. Markus Hinterhäuser, der Intendant der Salzburger Festspiele, hatte ihn und die Dirigentin Joana Mallwitz gebeten, eine pandemietaugliche Spielfassung von Mozarts letzter Opera buffa zu erstellen. Etwa ein Sechstel der Musik ist von Loy und Mallwitz gestrichen worden, um auf zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer ohne Pause zu kommen. Aber die entstandene Version behält ihre innere Schlüssigkeit, vor allem, weil die Regie, das sparsame, symbolisch dichte Bühnenbild von Johannes Leiacker und die ganz gegenwärtigen Kostüme von Barbara Drosihn sie stützen.

Leiacker stellt nichts als eine weiße Wand mit zwei Flügeltüren auf die Bühne. Hinterräume werden nur angedeutet. Im zweiten Akt öffnet sich die Wand zum nächtlichen Park mit großer Platane, musikalisch sinnfällig in einem Moment, da Mozart für Harmoniemusik schreibt, also nur für Holzbläser und Hörner, wie es für die Gartenmusiken des Rokoko üblich war. Innenraum und Außenraum, Seele und Körper, Vernunft und Natur werden so szenisch sinnfällig exponiert, genau auf die Musik abgestimmt und aus den Thesen des aufklärerischen Librettos von Lorenzo da Ponte entwickelt.

Weil die Szene so schön einlöst, was der Regisseur im Programmheft sagt, muss man ihn hier unbedingt zitieren: „Im Grunde verfolgt das Stück also ein aufklärerisches Ziel. Dieses besteht aber eben nicht bloß darin, vernünftig zu sein, sondern vernünftig im Einklang mit den Naturgegebenheiten, den (wie Don Alfonso sagt) ,Notwendigkeiten des Herzens‘. Was daraus erwächst, ist eine stärkere Großzügigkeit gegenüber der menschlichen Umwelt und – bei sich selbst – eine Ruhe, eine ,bella calma‘, die weniger mit innerem Frieden als mit einer Art Lebensleichtigkeit zu tun hat.“

Hab Mitleid, mein Liebster

Leicht, mit jubelnder Helle und aller Süße der Jugend singt Elsa Dreisig die Partie der Fiordiligi. In der „Felsenarie“ merkt man zwar, dass ihre tiefen Töne beim d’ und c’ körperlos und leer klingen. Aber im zweiten Akt, schon beim Rezitativ zum großen Rondo „Hab Mitleid, mein Liebster“, kommt zur tadellosen Schönheit auch echte Glut in Dreisigs Sopran. Marianne Crebassa, die vor drei Jahren einen eindrucksvollen Sesto in Mozarts „Clemenza di Tito“ gesungen hatte, glüht als Dorabella von Anfang an. In jeder Koloratur, in jedem Schwellton ihrer technisch souveränen Stimme vibriert eine lebendige Figur, eine Frau voller Lust, Abscheu, Schwärmerei und Nachdenklichkeit.

Andrè Schuen als Guglielmo und Bogdan Volkov zeigen sich gestalterisch verblüffend wandelbar. Ihre Wette mit Don Alfonso schließen sie noch als stimmlich polternde Rüpel ab, um dann ihre Kunst mehr und mehr zu verfeinern: Schuen zu schmeichlerischer Weichheit bei erlesen schimmerndem Timbre, Volkov zu einer Empfindsamkeit, die sich ebenso zart nach innen als auch siedend heiß nach außen richten kann. Und Lea Desandre als Despina, die Kammerzofe mit pfeffriger Zunge, ist einfach Spitze: quecksilbrig flott ihr Sopran, pointiert das Spiel – ihr Solo mit Schneebesen und Soßentiegel zündet Hunderte Lacher im Saal – und zugleich hintersinnig. Sie beschreibt mit ihrem Mienenspiel die Trauer darüber, die „tiefen Gefühle“ ihrer Herrinnen nicht zu kennen, gleichzeitig auch den Überdruss daran, dass diese die eigene Innerlichkeit ausbauen wie ein Winzer einen Wein.

Joana Mallwitz ist die erste Frau in der Geschichte der Salzburger Festspiele, die mit dem Dirigat einer kompletten OpernAufführungsserie betraut wurde. Sie bringt die Wiener Philharmoniker besonders schön zum Schweben. Orchestrale Innigkeit ist ihre Stärke, auch das sensible Mitatmen mit den Singenden in den Binnenkadenzen. Hier wird nicht gekeift, gepeitscht und getrieben. Hier hört man das Vertrauen in eine Musik, die äußere Effekte nicht nötig hat.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brachmann, Jan
Jan Brachmann
Redakteur im Feuilleton.
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