Beethoven am Ural

Maskenball für Mutige

Von Kerstin Holm, Jekaterinburg
05.12.2020
, 17:12
Weltweit mussten alle Beethoven-Festivals dieses Jahr ausfallen. Nur in Russland ging man das Risiko ein, den Jubilar trotz der Pandemie mit mehreren echten Konzerten zu feiern. Und zwar triumphal.

In diesem Beethoven-Jahr, das infolge der Corona-Pandemie zum Jahr der abgesagten beziehungsweise verschobenen Festivals wurde – ob Bonn oder Aachen, Wien oder Warschau –, fand ein internationales Beethoven-Fest dennoch statt, und zwar unter dem Titel „Be@thoven“ in der russischen Uralmetropole Jekaterinburg am äußersten Rand Europas, dort, wo Sibirien beginnt. Die ambitionierte Philharmonie dieser Rüstungsschmiede pflegt die Musik Beethovens, die als Inbegriff des Heroischen gilt, seit den dreißiger Jahren, bemüht sich in jüngster Zeit durch Kooperationen mit Dirigenten und Instrumentalisten aus Deutschland jedoch auch um historische Aufführungspraktiken. Russland hat trotz hoher Infektionszahlen und zumal in den Regionen überforderter Gesundheitssysteme von einem Total-Lockdown der Kultur abgesehen, auch weil es kein Unterstützungsprogramm für Künstler gibt. So wurde das vom Auswärtigen Amt und vom Gouverneur des Swerdlowsker Gebiets unterstützte Festival, das zugleich ein Hauptbeitrag des Deutschlandjahres in Russland 2020/21 darstellte, für die mitwirkenden Musiker aus Deutschland zur willkommenen Auftrittsmöglichkeit, aber auch zur Mutprobe und – angesichts zweier Corona-Fälle unter den Gästen – zum Stresstest.

Die Swerdlowsker Philharmonie lässt sich die Sicherheit von Musikern und Publikum viel kosten. Der Saal wird mit neuen Maschinen gelüftet und im Schachbrettmuster zu maximal fünfzig Prozent besetzt, Zuschauer wie Instrumentalisten müssen Masken tragen, mit Ausnahme der Bläser, die aber hinter Plexiglasschirmen spielen, sämtliche Mitarbeiter werden im Dreitageturnus getestet. Das Fest, das der Philharmonie einen begeisterten Publikumsansturm bescherte, bot eine Woche lang Kammer- und Symphoniekonzerte, gekrönt durch den Auftritt des internationalen Tschaikowsky-Jugendorchesters als Abschluss der diesjährigen deutsch-russischen Instrumentalistenakademie. Flankierend präsentierte das Foyer der Philharmonie eine vom Bonner Beethoven-Haus geschenkte Ausstellung über den Komponisten, die Schulklassen anzog und durch die Region touren wird. Auch in der Stadt war Beethoven präsent, aus einem mannsgroßen „B“ am zentralen Platz der Arbeit tönt Musik, und in einer mit „Be@thoven“-Logo geschmückten Straßenbahn der Linie 7 leiten den Passagier QR-Codes zu Wissenswertem über den Musiker. Etliche Konzerte wurden zudem live in die virtuellen Konzertsäle des Umlands übertragen.

Der Festival-Titel geht auf eine vor vier Jahren entstandene „Anrufung“ des Russen Vladimir Tarnopolski zurück, die die Isolation Beethovens durch seine Ertaubung mit Material von dessen viertem Klavierkonzert in Musik setzt. Das Instrumentalwerk, das mit pfeifenden Geigentönen, wattigen Bläsern, scharrenden Tiefenregistern auch unserer distanzbedingten Wahrnehmungsverluste tonmalerisch einfängt, erklang im Eröffnungskonzert unter Alexej Bogorad, der für den erkrankten Chefdirigenten des Ural-Orchesters Dmitri Liss eingesprungen war. Das Klavierkonzert selbst spielte der brillante Pianist Severin von Eckardstein, der dieses lyrisch sinnierende Werk mit einem phänomenalen Reichtum an Klangfarben und Anschlagsweisen gestaltete, was zugleich frei und natürlich wirkte.

Von Eckardstein hat ein besonderes Verhältnis zum russischen Publikum, bei dem er eine andächtige, körperliche Art, Musik zu hören, schätzt. Bei seinem Solo-Abend kombinierte er Beethovens letzte Sonate op. 111, deren grimmige Majestät und jenseitige Ekstase aus der irdischen Welt katapultieren, mit Prokofjews zerklüfteter sechster Klaviersonate, die unter dem Eindruck der Verhaftung und Ermordung von Wsewolod Meyerhold 1939/40 entstand. Wie in dieser äußerst gestischen Komposition mechanische Ostinati, in denen lustige Märsche, Peitschenschläge, sogar Schüsse anklingen, gesangliche Inseln niederwalzen, darin liegt eine bittere Anklage.

Das kammermusikalische Programm wird wegen der Corona-Fälle umgebaut. Andere Gäste engagieren sich umso mehr, so der Cellist Florian Schmidt-Bartha und die Geigerin Roberta Verna mit einer glutvollen Darbietung von Bartóks „Ungarischen Volksliedern“. Wieder erklingt Prokofjew, seine avantgardistisch-folkloristische Ouvertüre über hebräische Themen für Klavier, Streichquartett und Klarinette. Das Trio der Swerdlowsker Philharmonie spielt Beethovens drittes Klaviertrio, das es anderntags auch im hochmodernen Kulturzentrum der Nachbarstadt Perwouralsk zum Besten gibt – da das Konzert coronabedingt kurzfristig zustande kam, mit elektronischem Klavier. Dennoch ist der Saal in Perwouralsk bei Corona-Abstandsvorschriften voll besetzt, die Leute applaudieren nach jedem Satz, eine junge Mutter bekennt, diese lebendige Musik mache sie und ihre fernunterrichtgeplagten Kinder überglücklich.

Den radikal lyrischen Beethoven zelebrierte der Bariton Thomas E. Bauer mit dem Liederzyklus „An die ferne Geliebte“, die erste durchkomponierte Gesangsfolge, die auf Schubert vorausweist und bei dem ertaubenden Komponisten eine Wendung nach innen einleitete. Mit bald tenoral weicher, bald trotzverdunkelter Stimme beschwor Bauer jene qualglückliche Erregung, bei dem Hoffen und Resignieren osmotisch ineinander übergehen. Umsichtig begleitete ihn am Klavier Nikolaus Rexroth, der neben seinen Auftritten als Künstler auch als Festival-Organisator Improvisationstalent und Nervenstärke bewies.

Die Jekaterinburger Orchesterakademie wurde von dem Geiger-Dirigenten Thomas Zehetmair geleitet, der in dieser Doppelfunktion mit den Ural-Symphonikern auch das Violinkonzert op. 61 bestritt. Zehetmair, der die Musikerkollegen auf Beethovens straffe Originaltempi einschwört, gibt den Solopart unromantisch leicht, federnd, dabei tiefenscharf, er lässt ebenso spritzig auch die Fünfte musizieren und gibt dann noch mit der Bratscherin Ruth Kilius Benjamin Brittens hier selten gehörtes Doppelkonzert für Geige und Bratsche. Wir verfolgen das bejubelte Konzert im Kulturpalast einer anderen Nachbarstadt, Berjosowski, als Live-Mitschnitt, gemeinsam mit dreißig hiesigen Klassikliebhabern, unter ihnen ein fünfzehn Jahre alter Schüler, der mit seiner Mutter und Großmutter gekommen ist. Der Junge, der Deutsch lernt und Klavier spielt, versichert, diese Musik harmonisiere, außerdem sei sie gut fürs Gehirn.

Das von Zehetmair geschulte Tschaikowsky-Jugendorchester intonierte, trotz der Ausfälle an gastierenden Stimmführern, abschließend Beethovens Neunte mit stürmischer Prägnanz in Rekordzeit von kaum mehr als einer Stunde. Der krisenhalber vor allem russische, um nur einige Musiker aus Deutschland, Österreich, Italien, Israel, Brasilien verstärkte Klangkörper artikuliert die bedeutungsschweren Quintenabstürze, den verheißungsvollen Gesang, die martialischen Signaltöne mit einer Intensität, als gäbe es keine europäischen Klischees und keine sowjetrussischen Stilschablonen. Bauers helles Organ lässt den im symphonischen Kontext unerhörten Appell, „angenehmere Töne“ anzustimmen, ungeschützt menschlich klingen, bevor die Solistinnen Elena Zhidkova und Maria Bajankina raumfüllend einstimmen. Und wie der fabelhafte Chor der Philharmonie seine exaltierte Botschaft durch die Atemmasken hindurch intoniert, macht glauben, dieser utopische Versuch, die Verkapselung der Menschen musikalisch zu durchdringen, sei für unseren Augenblick geschrieben worden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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