Davos Festival

Paganini der Tuba

Von Max Nyffeler, Davos
Aktualisiert am 14.08.2020
 - 21:16
Das Colores Trio am Festivalbrunch bei Bilderbuchwetter am Schwarzsee in Davos Laret.
Das Davos Festival reagiert mit Picknick-Konzerten, lokalen Musikern und Nachwuchskünstlern auf die Pandemie. „Von Sinnen“ ist das Motto, man erlebt Musik voll Innigkeit und Überschwang.

Ludwig van Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“, gefolgt vom dritten Streichquartett von Robert Schumann, dann die jugendstilhaft schwelgerische Klaviersonate von Alban Berg, eingerahmt von zwei seiner Lieder, und zum Abschluss ein Liebeslied von Erich Korngold: Beim Davos Festival mag man es so abwechslungsreich, wie es einst zur Entstehungszeit der Werke der Fall war. Und da das Konzertmotto „Liebessinn“ hieß, wurden zwischen den Stücken auch Liebesbriefe der Komponisten verlesen.

Bei dieser Programmgestaltung fragt man sich unwillkürlich, warum so etwas nur in peripheren Sommerfestivals wie Davos möglich ist und nicht auch dort, wo das urbane Klassikpublikum routinemäßig verkehrt, nämlich in den städtischen Konzertsälen. Die Antwort ist einfach: ökonomische Zwänge und eingeschliffene Gewohnheiten.

Weg vom musikalischen Marken-Shopping

Gerade bei Interpreten, die wie Markenartikel gehandelt werden, wären gemischte Besetzungen für die lokalen Veranstalter unbezahlbar. Das an monochrome Darbietungen gewöhnte Publikum erfährt damit auch nichts vom Reiz der Mischprogramme, es weiß nicht, was ihm an lustvollen Erkenntnissen über die Vielfalt der diversen Ausdrucksformen, die versteckten geistigen Querverbindungen zwischen Werken, Gattungen und Traditionen entgeht. Mit wechselnden Besetzungen, wie sie bei kleineren Sommerfestivals üblich sind, wird neuerdings aber auch in Salzburg experimentiert. Vielleicht ermuntert das die Veranstalter in den Städten, auch einmal Neues zu wagen. Am Geld sollte es nicht liegen, denn unterhalb des Hochpreissegments gäbe es genügend hervorragende Musiker, die dafür zu gewinnen wären.

Das Davoser Festival hat insofern leichtes Spiel, als es auf einen Pool junger, hochmotivierter Musiker zurückgreifen kann – diesmal rund achtzig aus aller Welt. Die meisten sind in den neunziger Jahren geboren, haben ihren Hochschulabschluss noch vor oder gerade hinter sich und musizieren auf professionellem Niveau. Unter dem Titel „Young Artists in Concert“ hatte Michael Haefliger, heute Intendant des Lucerne Festivals, das hochalpine Musiktreffen 1986 gegründet und dazu Gleichaltrige eingeladen. Das Konzept ist weiter tragfähig; der gegenwärtige Leiter Marco Amherd, ein ausgebildeter Kirchenmusiker mit einem Faible für ausgefallene Programmideen – als Festivalmotto wählte er diesmal „Von Sinnen“ –, versteht es, den in wechselnden Ad-hoc-Formationen auftretenden Nachwuchs zu Höchstleistungen anzuspornen. Längerfristige Zusatzaktivitäten verleihen dem Festival institutionelle Stabilität. Der zwölfköpfige Festivalchor und die Festival Camerata, ein von Leo McFall geleitetes Streichorchester, sorgen für eine Ausweitung des kammermusikalischen Radius, und unter der Bezeichnung „Very Young Artists“ hat sich eine sommerliche Akademie etabliert, wo unter Anleitung von ausgewiesenen Berufsmusikern der allerjüngste Nachwuchs herangezogen wird.

Im Auftritt der jungen Musikerinnen und Musiker paart sich sympathische Bescheidenheit mit ansteckender Begeisterung. Eitles Auftrumpfen gilt hier nicht. Auch nicht beim Tausendsassa Henrique dos Santos Costa, der das Publikum mit einer Transkription der Cellosuite in G-Dur von Johann Sebastian Bach für Tuba verblüfft, was ihn zwar als Paganini auf seinem Instrument ausweist, der filigranen Komposition aber weniger bekommt, zumal in der Überakustik des Davoser Kirchner-Museums. Ein mit ebenso viel Können und Witz geblasenes Solostück für Horn von Heinz Holliger passte besser in den Raum, auch die Violinwerke von Bernd Alois Zimmermann, Georg Philipp Telemann und Helena Winkelman. Die letzten drei Stücke, deren Auswahl vermutlich nach dem Kriterium des Endreims der Komponistennamen erfolgte, gingen erstaunlich gut zusammen. Eine gewürfelte Sechs in der Programmgestaltung.

Neben den überraschenden Werkkombinationen sind es vor allem die Interpreten, die Davos unverwechselbar machen. Zwei Beispiele von Musikern an der Schwelle ihrer Karriere: der Bariton Serafin Heusser, der in Beethovens Liederzyklus Innigkeit und Überschwang mit der gleichen Sorgfalt und Intensität zur Wirkung brachte, und der Klarinettist Joël Christophe, Preisträger des Münchner ARD-Wettbewerbs 2019, der einem Solostück des eingeladenen Komponisten Gerald Resch plastische Konturen verlieh und auch als Kammermusiker glänzte. Eingeladen waren auch einige junge Ensembles. Das Schlagzeugtrio Colores mit Marimba, Vibraphon und Glockenspiel wagte sich – Konzertmotto „Französischer Hintersinn“ – mit eigenen Bearbeitungen an Ravels „Tombeau de Couperin“ und die „Danse macabre“ von Saint-Saëns heran. Mit beträchtlichem wahrnehmungsästhetischem Mehrwert: Der leichte, schwebende Klang und die agogische Eleganz des Spiels legten an den Werken ungewohnte poetisch-phantastische Qualitäten frei. Mit einer Uraufführung seines Mitglieds Joan Jordi Oliver wartete das Sibja Saxophonquartett auf. Aus dem Luft-Tongemisch aller vier Spieler entwickelt sich durch elektronische Filterung und Rückkopplung eine Sinfonie an Obertönen, die einen magischen Erlebnisraum erzeugt. Schauplatz war die kleine Kirche eines entfernten Bergdorfs, Zielpunkt einer musikalischen Wanderung.

Die lokale Aura trägt zur Attraktivität des Festivals viel bei, sei es bei einer solchen Wanderung, sei es im Konzert im Berghotel Schatzalp, das durch Thomas Manns „Zauberberg“ zum literarischen Mythos geworden ist, sei es beim Picknick mit Musikeinlagen am Sonntagmorgen am See. Die Landschaft ist ein konstitutiver Teil des Festivalprogramms, und im Extremfall wandeln sich die Werke zur erfrischenden ambient music in sommerlicher Umgebung. Wo das kognitive Musikhören dergestalt hinter das ganzheitliche Erleben zurücktritt, braucht es folglich auch nicht unbedingt ein Programmheft mit musikwissenschaftlich exakten Informationen über Komponisten und Werke. Solche prosaischen Dinge lassen sich notfalls auch noch zu Hause im Internet nachlesen.

Quelle: F.A.Z.
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