Klangspuren Schwaz

Soll Musik jetzt etwa parteilich sein?

Von Max Nyffeler, Schwaz
22.09.2021
, 19:01
Konzentriert: Yaron Deutsch mit E-Gitarre und  Dirigent Titus Engel  beim Auftaktkonzert.
Verklausuliert hat Olaf Scholz kürzlich eine Nähe von Kunst, Staat und Partei gefordert. Das Festival „Klangspuren“ für neue Musik in Tirol kontert diese Zumutung auf kluge Weise. Musik ist hier ein Medium der Welt- und Selbstkenntnis.
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Seit der Corona-Pandemie wird wieder vermehrt über die Notwendigkeit von Kulturpolitik diskutiert, wobei sich die Interessenlagen je nach Blickwinkel deutlich voneinander unterscheiden. Gerade hat der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in einem Grundsatztext in der Zeit zum „Schulterschluss zwischen Politik und Kultur, zwischen Macht und Geist“ aufgerufen. Die Sorge um die durch die Pandemie beschädigten Strukturen kultureller Produktion verbindet er mit der verklausulierten Forderung nach einer klaren Parteilichkeit der Kunst. Auch soll die Kultur näher an den Staat und – wer kann’s verdenken – an die eigene Partei herangeführt werden, wobei der nostalgische Rückblick auf die Ära Willy Brandt und die Allianz, die amerikanische Künstler mit Initiativen von Expräsident Obama eingehen, offenbar die Richtung weisen sollen.

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Ganz andere Töne hörte man dieser Tage nun bei der Eröffnung des traditionsreichen Festivals Klangspuren in Schwaz in Tirol. Die aus Wien angereiste österreichische Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer betonte in ihrer Grußadresse ebenfalls die Notwendigkeit stabiler Strukturen. Sie plädierte aber nicht für eine neue Militanz, sondern verwies auf die integrative Kraft der Musik und ihre Fähigkeit, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden; gerade in der heutigen Situation sei sie wichtig für die mentale und seelische Gesundheit der Menschen.

Musik als ein Medium der Welt- und Selbstkenntnis: Dieses lebensnahe Musikverständnis steckt auch hinter dem diesjährigen Festivalmotto „Transitions“. Es steht für eine Öffnung der zeitgenössischen Musik über die engen Gattungsgrenzen hinaus und soll den Blick auch auf andere Kulturen lenken. Es gehe darum, innovative Denkweisen zu entdecken, die zur Lösung der Gegenwartsprobleme beitragen könnten, sagt Reinhard Kager, der sein Amt als künstlerischer Leiter nun 2022 an das Komponistenduo Clara Iannotta und Christof Dienz übergibt.

Dem Motto entsprechend

Das Eröffnungskonzert lieferte mit den Werken zweier kompositorischer Draufgänger gleich einen schlagenden Beleg für das Festivalmotto. Der Vene­zolaner Jorge Sánchez-Chiong erinnerte in „Caminando“ an das Schicksal jener zahllosen Emigranten, die sein Land noch immer verlassen, und wählte für diesen Zweck die Form eines Konzerts für Schlagzeug, Klavier und Orchester. Der vorn an der Rampe postierte ­Schlagzeuger David Panzl erzeugt dabei einen vitalen Energiestrom, der das Klang­geschehen dominiert, mit dem in kleinste Rhythmuspartikel aufgesplitterten Orchestersatz aber nicht immer zusammenfindet.

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Der Schweizer Michael Wertmüller laborierte hingegen am Übergang von der Symphonik zur Rockmusik. Ihm – und vor allem dem Diri­genten Titus Engel – gelang es in dem stark rhythmisch bestimmten Konzert für E-Gitarre und Orchester besser, die ­auseinanderstrebenden Klanggruppen zusammenzuhalten und den fabelhaften Solisten Yaron Deutsch in den Gesamtklang zu integrieren.

Neue und fantastische Hörerlebnisse

Eine andere Konfrontation zweier Welten ereignete sich im Konzert des Wiener Ensemble Phace, ergänzt durch drei Spieler arabischer Instrumente. Ausgehend von Klaus Hubers pionierhaftem Experiment „Die Erde dreht sich auf den Hörnern eines Stiers“ für europäische und arabische Musiker aus dem Jahr 1994, versuchten sich der Österreicher Gerhard E. Winkler und der in Wien lebende Ägypter Hossam Mahmoud einmal mehr an einer Synthese beider Musikkulturen: mit problematischen Ergebnissen, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen Tonsystemen liegt. Das Scheitern war aber durchaus ehrenwert, die Vertonung von Gedichten arabischer Klassiker in Mahmouds Werk zeugte jedenfalls von großer Ernsthaftigkeit.

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Composer in residence der diesjährigen Klangspuren ist die in Bukarest geborene, in Deutschland lebende Adriana Hölszky. Wie genau sie ihr Metier reflektiert, zeigte sich beim aufschlussreichen Einführungsgespräch zum Festivalauftakt. In der Studie „A due“ für zwei hohe Es-Klarinetten entsteht über zehn Meter Distanz hinweg ein detailgenau konzipiertes Frage-und-Antwort-Spiel, in dem der scharfe Klang der Instrumente schmerzhafte Interferenzen und Kombinationstöne erzeugt. Hartnäckig arbeitet sie sich am Aspekt des Raums ab, was in Verbindung mit der wuchernden Fantastik ihrer Klanggebilde zu faszinierenden Hörerlebnissen führt. So etwa im Doppelquartett „Hängebrücken“. Hier geht es vorwiegend um den innermusikalischen Raum, der durch vielfältige Überlagerungen, Verschiebungen und Wechsel im Zusammenwirken der beiden Ensembles entsteht.

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Fließender Übergang zwischen Generationen

In „Tragödia“ für großes Ensemble und achtkanalige Elektronik wird der ab­strakte Raumklang zur imaginären Theaterbühne. Das 1997 in Bonn uraufgeführte Werk evoziert mit rein instrumentalen Mitteln ein hochdramatisches Geschehen. Wie vulkanisches Magma quellen aus den Tiefenschichten fortlaufend bedrohliche Klanggestalten empor, die sich zu Schreckensvisionen verdichten. Das brodelnde Chaos ist mit kühler Rationalität geplant, die klingende Materie in ständiger Metamorphose begriffen. Tubageröchel und Paukendonner verwandeln sich in Sekundenschnelle in ein hell leuchtendes Feuerwerk aus Glocken- und Xylofonklängen, heulende Bläser und ächzende Streicher treten mit prasselnden Perkussionsgeräuschen in einen makabren Dialog. Eine Katharsis kennt die einstündige Klangtragödie nicht, sie endet in Erschöpfung.

Die Interpreten bei dieser enorm fordernden Aufführung waren die Teilnehmer der International Ensemble Modern Academy (IEMA) unter der Leitung von Johannes Kalitzke. Bereits das achtzehnte Mal sind diese hochbegabten Nachwuchsmusiker an den Schwazer Klangspuren beteiligt. Ihre Präsenz erstreckt sich auf mehrere Konzerte. Unter anderem bestritten sie im Innsbrucker Haus der Musik, wo seit zwei Jahren ein Teil der Schwazer Festivals über die Bühne geht, nun ein Wandelkonzert mit einer Vielzahl kammermusikalischer Werke. Auf das Festival wirkt sich diese Form der Nachwuchsförderung spürbar belebend aus. „Transitions“ auch hier – der Übergang zwischen den Generationen geht fließend voran.

Quelle: F.A.Z.
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