Festival „Wien Modern“

Das vereinte Volk wird nie besiegt

Von Florian Amort, Wien
Aktualisiert am 12.12.2019
 - 17:10
Klavierpräparation für Ingrid Schmoliners Werk „MNEEM“ im Wiener Konzerthaus 2019
Neunundsiebzig Uraufführungen und dreißig österreichische Erstaufführungen: Das Festival Wien Modern hält starke Plädoyers für die Musik der Gegenwart.

Im schummrigen Licht betritt die Pianistin und Komponistin Ingrid Schmoliner die Bühne im Großen Saal des Wiener Konzerthauses. Sie setzt sich an den mit geschnitzten Holzstäbchen, Nägeln, Gummi und Stachelschweinborsten präparierten Flügel, verharrt einen Moment in Stille und beginnt schließlich eine schnelle, sich im Laufe des Stücks nur minimal verändernde Achtelfigur in der rechten Hand zu wiederholen. Anfangs klingt sie wie gedämpfte Kirchenglocken, wenig später wie ein Xylophon und am Ende wie Gamelan-Gongs. Die linke Hand setzt dem oszillierenden Zauber perkussive Akzente entgegen, die live abgenommen und durch Lautsprecher verstärkt werden. Nach unglaublichen 61 Minuten kommt die unermüdlich repetierende rechte Hand schließlich zur Ruhe, denn so lange dauert die tief beeindruckende Uraufführung von Schmoliners Komposition „MNEEM“.

Das Werk ist einer der Höhepunkte der zweiunddreißigsten Ausgabe von Wien Modern, dem der monumentale Klavierzyklus „The people united will never be defeated“ (1975) von Frederic Rzewski vorangegangen war. Der einundachtzigjährige Komponist aus den Vereinigten Staaten sitzt selbst am Klavier und spielt die umfangreichen, virtuosen Variationen, die auf dem chilenischen Widerstandslied „Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden“ basieren, nicht immer mit technischer Präzision, aber mit aufrichtigem Engagement. Ein geglückter Griff des Festivalleiters Bernhard Günther in das schier unüberblickbare, aber kaum ausgeschöpfte Repertoire der Neuen Musik. Bei der Programmkonzeption konnte er noch nicht wissen, wie bedrängend aktuell das Werk angesichts der Krisenherde in Lateinamerika gerade ist.

Sogar die Straßenbahn wird bespielt

„Wachstum“ lautet das Motto dieser Saison, die nach dem Rekordjahr 2018 mit zwanzig Prozent weniger Veranstaltungen bewusst kleiner ausfällt. Das liegt nicht an mangelndem Publikumsinteresse, sondern am Budget, das mehr nicht zuließ, selbst wenn die Stadt Wien eine Erhöhung des allgemeinen Kulturetats um zehn Prozent ankündigte. So sinken die Besucherzahlen von Wien Modern zwar 2019 von 31491 auf 20216. Doch die Auslastung steigt auf 86,3 Prozent.

Deutlich wächst jedoch die Verbreitung des Festivals im Stadtgebiet von Wien: 25 Spielstätten verteilt auf zwölf Gemeindebezirke, darunter der Kulturraum des Wohnprojekts Gleis 21 nahe dem Hauptbahnhof mit zwei Ausgaben einer Minimal Night Music, die Alte Schmiede mit Porträtkonzerten zu den Komponisten Josef Matthias Hauer und Friedrich Cerha sowie die Minoritenkirche mit der Uraufführung von Lera Auerbachs Oratorium „Demons + Angels“ für zwei Chöre, Streichquartett und Saxophonquartett, das klanggewaltig und allzu schroffe Harmonien meidend 72 Engel und 72 Dämonen anruft, um am Ende in ein friedliches Amen zu münden. Sogar die Ringstraßenbahn wurde mit Theo Nabichts „The Circle Line Project. Die Umrundung des Klangs“ (2019) zum Konzertort.

Es versteht sich, dass bei einer rekordverdächtigen Bilanz von 79 Uraufführungen und dreißig österreichischen Erstaufführungen die Werke unterschiedlichen Zuspruch finden. Bitter ist jedoch, wenn ausgerechnet die das Festival beschließende Komposition „Wachstum, Massenmord“ (2011) für Orchester und Untertitel von Peter Ablinger ein derartiger Totalausfall ist. Sie gehört wohl zu der Sorte von Werken, die zu sehr neu sein wollen, um alt werden zu können. Der Komponist hat die titelgebenden Worte eingesprochen, computerunterstützt analysiert und anschließend aufs Orchester übertragen, das schlussendlich synchron zu den in Dauerschleife projizierten Silben musiziert. Mehr kann offenbar auch der Autor selbst nicht zum Verständnis dieser Spielerei beitragen, lässt er doch jede vom Festivalleiter Günther während der Umbaupause gestellte Frage trotzig unbeantwortet. Auch fünf Minuten Spieldauer können so eine gefühlte Ewigkeit dauern.

Ganz anders die Gesamt-Uraufführung von Michael Herschs Triptychon „sew me into a shroud of leaves“ („Näht mich in ein Leichentuch aus Blättern“, 2001–2016), bestehend aus sieben Büchern mit insgesamt 153 Miniaturen für Klavier solo im ersten und dritten Teil sowie Violoncello und Horn im zweiten Teil. Allein schon die fünfzehn Stunden Aufführungsdauer würden alle anderen diesjährigen Konzerte in den Schatten stellen. Die denkmalgerechte Kühle im barocken Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek lässt die Aufführung vollends zur überwältigenden Grenzerfahrung werden. In Decken gewickelt, hört man poetische, hochexpressive, unmittelbar zugängliche Miniaturen, die der Amerikaner in der Auseinandersetzung mit der Lyrik von Christopher Middleton, Winfried Georg Sebald und Marius Kociejowski komponierte. Gedichte ohne Worte, wenn es denn eine solche musikalische Gattung gäbe. Nächstes Jahr kommt seine für Wien Modern komponierte Oper „Poppaea“ (2019) zur Uraufführung, als erste eigenständige Opernproduktion des Festivals.

Bleibenden Eindruck hinterlässt auch „über“ (2015) von Mark Andre für Klarinette, Live-Elektronik und Orchester, eine zerbrechliche, wie von Seidenpapier umhüllte Preziose. Kaum hörbar atmet der Solist Jörg Widmann, haucht und zischt in seine Klarinette einen dünnen Luftstrahl und benutzt die Klappen als perkussives Element. Zurückhaltende Winde, Regentropfen, aber auch Meeresrauschen evozieren währenddessen die Wiener Symphoniker. Der Titel bezieht sich auf eine Bibelstelle aus dem vierten Buch Mose und versucht, den intimen Zwischenraum zwischen dem segnenden Gott und dem Gesegneten zu erforschen. Nach der Pause folgt Péter Eötvös’ „Multiversum“ (2017) und fegt mit Orchesterausbrüchen samt Konzert- und Hammond-Orgel das zuvor Gehörte weg. Besser könnte man die beiden Pole der Neuen Musik, Maximalismus und Minimalismus, nicht gegenüberstellen.

2020 wird Wien Modern unter dem Motto „Stimmung“ stattfinden, in einem Jahr, in dem sich die Musikszene verändern wird: Bogdan Roščić übernimmt die Wiener Staatsoper, Stephan Pauly die Leitung des Wiener Musikvereins. Neue Kooperationen und Synergien wären wünschenswert, denn im November zeigte zum Beispiel die Staatsoper Manfred Trojahns „Orest“ (2011) und Johannes Maria Stauds „Die Weiden“ (2018) und bereitet derzeit die Uraufführung von Olga Neuwirths „Orlando“ vor, ohne sich in Bezug zu Wien Modern zu setzen.

Quelle: F.A.Z.
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