ION-Musikfest Nürnberg

Orgelmusik gegen die „Judensau“

Von Lotte Thaler
05.07.2022
, 21:15
Improvisationen an der Orgel mit Martin Sturm
Das Musikfest ION in Nürnberg verzeichnet große Besucherzuwächse im Vergleich zur Vor-Pandemie-Zeit. Wie gelingt das? Ausgerechnet durch eine bedarfsgerechte Wiederbelebung geistlicher Musik.
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Das gibt es nur in Nürnberg: ein Mittagskonzert mit jüdischer Orgelmusik und Synagogalgesang in der Frauenkirche am Hauptmarkt, die auf den Fundamenten der 1394 zerstörten Synagoge errichtet wurde. Die Kirche ist voll und der Gesprächsbedarf riesig. Also zieht man von der Frauenkirche in den nahe gelegenen Pfarrhof von Sankt Sebald, wo Assaf Levitin, Kantor in Hamburg, und Stephan Lutermann, Kirchenmusiker in Melle, die Fragen des Publikums aufgreifen.

Dass es jüdische Orgelmusik gibt, geht auf den Erfinder des Reformjudentums zurück, auf Israel Jacobsen, der 1810 im Jakobstempel in Seesen im Harz erstmals eine Orgel einbauen ließ – als Zeichen jüdisch-christlicher Annäherung. Der Pfarrhof mit angeschlossenem Café ist selbst ein Wahrzeichen deutsch-jüdischer Geschichte: Hier wurde während der im vergangenen Oktober abgeschlossenen Sanierung ein eingemauerter jüdischer Grabstein wieder freigelegt und auf einer Holztür von 1500 der jüdische Schutzspruch entdeckt: „Durch dieses Tor soll kein Kummer kommen.“

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Impulse setzen

Das hat sich jetzt Pfarrer Martin Brons, im Nebenberuf Kunsthistoriker, Stadtführer und Mitstreiter von Moritz Puschke, zur Aufgabe gemacht. Seit 2019 leitet Puschke die Internationale Orgelwoche Nürnberg und verpasste ihr eine Rundumerneuerung als Internationales Festival für Geistliche Musik. Das Mittagskonzert mit jüdischer Orgelmusik aus der Edition der deutsch-amerikanischen Musikwissenschaftlerin Tina Frühauf – die einzige Sammlung original jüdischer Orgelwerke – war Auftakt des Thementags „Jüdische Musikkultur in Europa“, noch 2021 für die Veranstaltungsreihe „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ konzipiert: ein dichtes Programm mit so vielen Anregungen, dass es für eine Woche gereicht hätte, zumal vor dem Hintergrund der Diskussionen in Kassel zur Documenta und des BGH-Urteils zur Wittenberger „Judensau“ (auch St. Sebald hat solch ein Relief, wenngleich durch die Höhe dem Blick fast entzogen).

Aber genau dies ist die Absicht von Puschke: Impulse setzen, Antworten auf „Krisenpotenziale“ geben, das Festival als Forum und Plattform erleben. Allerdings ohne jeden missionarischen Eifer, davor ist er als Pfarrerssohn gewarnt. Vielmehr fühlt er sich zusammen mit seinem Dramaturgen Oliver Geisler als erster Zuhörer berufen, „welche Bedarfe es in der Stadt gibt“, und folgert daraus: „rein in die Szenen!“ Also betreibt er Milieustudien, wundert sich, dass in Nürnberg trotz der vielen stadtbeherrschenden Kirchen kein semiprofessioneller Chor existiert, und entwickelt im Dialog mit der Stadt sein Programm. Der Erfolg bestätigt ihn – um fünfundzwanzig Prozent sind die Besucherzahlen dieses Jahr gegenüber 2019 gestiegen.

Leute zusammenzubringen und damit auch Multiplikatoren zu schaffen ist dem unprätentiösen Kommunikator Puschke oberstes Ziel. Mit seiner Dramaturgie will er sowohl ein Fachpublikum als auch ein Festivalpublikum ansprechen. Der Intensivkurs zur Erarbeitung des „Deutschen Requiems“ von Brahms und der Meisterkurs für Improvisation auf Tasteninstrumenten richten sich an Musikstudenten, ein Workshop dient dem Wiedereinstieg in den Probenalltag von Laienchören nach der Corona-Pause, ein Werkstattkonzert präsentiert die Arbeit der Ökumenischen Kinder- und Jugendkantorei mit dem englischen Vorzeige-Ensemble „Voces8“, das zu einer solistischen Aufführung von Händels „Mes­siah“ eingeladen war. Die Idee, Kinder zu Beginn des Festivals zu Bühnenkünstlern zu machen – dieses Jahr mit über zweihundert Nürnberger Schülern und Schülerinnen bei Sing Beethoven –, ist als Multiplikator ohnehin kaum zu toppen.

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Starkult ist ein Begriff, den Moritz Puschke gar nicht kennt, obwohl er die besten Interpreten ihres Faches nach Nürnberg holt, etwa den RIAS-Kammerchor, geleitet von Peter Dijkstra, mit einem osteuropäischen Programm und einer sensationellen Aufführung von Alfred Schnittkes an die fünfzig Minuten dauerndem „Konzert für Chor“ vor dem überdimensionalen Kruzifix in der Egidiuskirche – ein beredtes Epos über die fehlenden Worte zur Beschreibung von Gottes Ruhm und eine sichtbar gewordene Vorstellung von der Kleinheit des armseligen Menschen und Sünders gegenüber Gott. Oder, am folgenden Abend, das fünfköpfige, traumhaft intonierende Calmus-Ensemble mit Liedern von Paul Gerhardt, den madrigalähnlichen hebräischen Psalmvertonungen von Salomone Rossi und Songs von Leonard Cohen im artifiziellen, klischeefreien Arrangement von Juan Garcia zum Ausklang des jüdischen Thementags: eine ausverkaufte Kirche und zwei Zugaben.

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Kleine Besetzungen

Hier geht es um die Sache, das vermittelt sich auch ohne Worte. Aber die Sache ist bitterernst. Nicht erst der Schwund in den Chören während und nach Corona macht Puschke zu schaffen, vielmehr sieht er unsere gesamte musikalische Grundversorgung durch die Kirchen in Gefahr, und am liebsten würde er Kirchenmusik wieder flächendeckend revitalisieren. Der Notwendigkeit, so mutmaßt er, seien sich aber die Kirchen selbst noch nicht bewusst. Dies mit seinem Festival in die Wege zu leiten ist vielleicht das idealistische Langzeitziel von Moritz Puschke. So versteht sich auch sein Rahmenprogramm an den Wochenenden mit großen Werken in kleinen Besetzungen, darunter das Brahms-Requiem, das Mozart-Requiem oder Bachs h-Moll-Messe in stark reduzierten Versionen als Angebot, über eigene Aufführungsmöglichkeiten nachzudenken.

Als Motto dieses sich weit öffnenden Festivals hatte Moritz Puschke in Anlehnung an den Beatles-Titel von 1967 „all you need is . . .“ ausgegeben. Was andere außer Liebe brauchen, weiß er. Was aber braucht er selbst? „Das Strahlen in den Augen der Menschen.“

Quelle: F.A.Z.
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